Polen ist nicht mehr, was es mal war

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Paris-Moskau-Express : Die Suche nach dem verlorenen Samowar
Hell und gemütlich. Die Reisegäste übernachten in in Zwei- oder Vierbettabteilen.
Hell und gemütlich. Die Reisegäste übernachten in in Zwei- oder Vierbettabteilen.Foto: V. Strekozov

Weiter über Frankfurt an der Oder und die neue Eisenbahnbrücke hinüber nach Polen. Die alte Friedensgrenze hat ihren trennenden Charakter längst verloren. Im nicht ganz so östlichen Osten ist Europa ein Stückchen näher zusammengerückt. Mit Hilfe der Bierkiste lassen sich schnell neue Freunde finden. Über Rzepin und Poznan geht es weiter nach Warschau, wo der EN 453 gleich an drei Stationen hält. Höchste Zeit, die Biervorräte aufzufüllen, was sollen denn die neuen Freunde denken.

Also, Piwo! Mitleidige Blicke am Supermarkt des Bahnhofs Warschau-Wschodnia. Eine spontane Smartphone-Recherche ergibt, dass rund um polnische Bahnhöfe nicht mal Lightbier verkauft werden darf. Polen ist auch nicht mehr, was es angeblich mal war.

Dunkelheit fällt über den Nachmittag, aber draußen gibt es eh nicht viel zu verpassen, denn die Landschaft gestaltet sich nach einem immer wiederkehrenden Muster. Birkenwälder, Kiefernwälder. Um kurz nach vier hält der EN 453 in Terespol, dem östlichen Außenposten der Europäischen Union. Kiefernwälder, Birkenwälder. Über den Bug geht es weiter Richtung Brest-Litowsk, auch dies ein historisch nicht ganz unbelasteter Ort. Hier zwang Ludendorff der gerade entstehenden Sowjetunion 1918 einen Siegfrieden auf, der das Land um ein Viertel seines europäischen Territoriums brachte.

Ein paar hundert Meter vor dem Bahnhof von Brest-Litowsk rollt der Zug in die riesige Umspuranlage, ein Stellwerk mit Kränen, Drehgestellen und hin- und herwuselnden Bahnarbeitern, denn die europäische Normalspur ist 1435 mm breit, bei der russischen Breitspur liegen die Schienen 1520 auseinander. Die Synchronisierung ist eines der letzten großen Herausforderungen in der Welt der Bahnfahrt. Die beiden Schaffner kümmert nicht, dass hinter ihnen eine Tür geöffnet wird, um dem Treiben zuschauen zu können. Doch gerade als der lange Arm des Krans nach dem Wagen greifen will, um ihn ein paar Meter weit durch die Luft auf das neue Fahrgestell zu balancieren, wird ein weißrussischer Offizier vorstellig, und mit dem Zuschauen ist es vorbei.

Im Osten nichts Neues

Da der Zug nach dem Anhängen immer neuer Wagen mindestens so lang ist wie die chinesische Mauer, erstreckt sich das gesamte Prozedere über gut zwei Stunden. Seit ein paar Wochen setzt die russische Staatsbahn zwischen Paris und Moskau auch einen noch moderneren Zug ein, der in gerade mal 20 Minuten automatisch umspurt. Aber ist es nicht schon schlimm genug, dass es in den neuen Wagen keinen Samowar mehr gibt?

Später, im Bahnhof von Brest-Litowsk, steigen weißrussische Mütterchen zu, sie schleppen riesige Körbe, und endlich können die Getränkevorräte aufgefrischt werden. Doch zu gucken gibt es danach nichts mehr, den Rest der Fahrt schluckt die Nacht.

Gegen neun dann blinzelt die Sonne durchs Fenster. Ansonsten: Im Osten nichts Neues. Kiefernwälder, Birkenwälder, bis die Moskauer Vororte beginnen. Endlose Reihen von Wohn- und Bürosilos,mit jedem Kilometer ein bisschen höher, wuchtiger und gläserner. Auf die Minute pünktlich um 11:01 Uhr rollt der Paris-Moskau-Express in den Zielbahnhof. Die beiden Schaffner haben immer noch kein einziges Wort gesprochen.

Die Berliner Reisegesellschaft ist weniger zurückhaltend und singt: „Moskau, fremd und geheimnisvoll, Türme aus rotem Gold ...“ Na ja. Der Weißrussische Bahnhof ist eine pastellgrün gestrichene Burg im neoklassizistischen Stil.

Das Abenteuer geht zu Ende. Ein Blick auf den Fahrplan verrät, dass am Nachmittag ein Zug nach Kaliningrad aufbricht, 20 Stunden im Transit durch Weißrussland und Litauen. Eigentlich keine schlechte Idee.

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