• Coronavirus-Tagebuch aus New York: Trumps Pressekonferenzen sind eine Reality-Show - und stets voller Lügen

Coronavirus-Tagebuch aus New York : Trumps Pressekonferenzen sind eine Reality-Show - und stets voller Lügen

Unser Kolumnist erlebt die Coronavirus-Pandemie in New York. Es fährt kein Auto mehr auf dem Broadyway, kein Schiff mehr auf dem Hudson.

Klaus Brinkbäumer
Die Park Avenue in New York am vergangenen Freitag, Covid-19 hat sie vom Autoverkehr befreit.
Die Park Avenue in New York am vergangenen Freitag, Covid-19 hat sie vom Autoverkehr befreit.Foto: imago images/Levine-Roberts

Klaus Brinkbäumer war zuletzt Chefredakteur des „Spiegel“ und arbeitet heute als Autor unter anderem für „Die Zeit“. Sie erreichen ihn unter Klaus.Brinkbaeumer@extern.tagesspiegel.de oder auf Twitter unter @Brinkbaeumer. Statt seiner Spiegelstrich-Kolumne schreibt er an dieser Stelle zur Zeit ein Coronavirus-Tagebuch - mit kurzen Beobachtungen aus dem Alltag und Überlegungen zur Corona-Krise

Der Freund C. ist Chirurg. Nach einer Operation, Anfang der Woche, erfährt er, dass die Patientin Covid-19 hat. Natürlich operiert C. mit Maske und Handschuhen, aber auch Vorgespräche gehören dazu. Er schreibt: „Ich werde es kriegen, so wie du und alle anderen.“

30. Stock, Bleecker Street, New York. Sind wir der Frosch im noch lauwarmen Wasser oder klug, weil wir ruhig an diesem Ort bleiben? 26 000 Infizierte, 450 Tote sind es nun, um uns herum das Weltkrisenzentrum. Gestern dachten wir, das eigentlich Gefährliche sei die Reise. Der Weg zum Flughafen, der Flughafen, das Flugzeug, die Ankunft in Deutschland. Was denken wir heute?

Der Name Corona, die Krone, passt gut zu diesem Virus, das übrigens zu klein ist, um eine Farbe haben zu können, das lernen wir in Kindersendungen. Donald Trump streicht in seinem Manuskript „Corona“ durch und schreibt mit schwarzem Filzstift „chinese“ darüber. Die G 7 können sich nicht auf eine Erklärung einigen, da die Amerikaner das Virus „Wuhan Virus“ nennen wollten.

Trump hat keine Strategie, nur Launen

Susan Sontag schrieb: Die Syphilis hieß „bei den Briten ‚Französische Pocken‘, ,Morbus Germanicus‘ bei den Parisern, ,Neapel-Krankheit‘ bei den Florentinern und ,Chinesische Krankheit‘ bei den Japanern“. In den USA gibt es nach Trumps Worten Übergriffe gegen Landsleute asiatischer Herkunft. Trump bittet um Mäßigung: „Die sind fleißig und rechtschaffen.“ Die dort. Die Fremden.

Hier oben im 30. Stock waschen wir Äpfel und Ananas mit Seife, ehe wir sie in den Korb legen. Gefahrenpunkte sind der Fahrstuhl und vor allem die Erdgeschoss-Taste; wir bitten Nachbarn, sobald der Fahrstuhl auf dem Weg nach unten hält, draußen zu bleiben. Asozial oder professionell? Gefahrenpunkte: Türen und Schalter im Wäschekeller. Briefkästen.

Macht wirkt. Der Virologe Anthony Fauci und der New Yorker Gouverneur Andrew Cuomo sind sorgsam, professionell; beide glauben an Strategien und an die Disziplin, die es braucht, um eine Strategie durchzuhalten. Beide sind abhängig von Trump, dessen tägliche Pressekonferenzen 90 Minuten lang sind und voller Lügen.

Das Thema dort ist nicht Corona, das Thema bleibt Trump. Eine Reality-Show. Eine Serie. Es muss jeden Tag etwas Neues geben, also gab es vor drei Tagen keine Krise und kein Problem, vorgestern eine gewaltige Krise und einen Krieg gegen das Virus, gestern war alles wieder gut, da der Präsident die Wiedereröffnung Amerikas wünschte, und heute überlegt Trump, New York unter Quarantäne zu stellen. Keine Strategie, keine Disziplin. Launen.

Tagesspiegel-Kolumnist Klaus Brinkbäumer.
Tagesspiegel-Kolumnist Klaus Brinkbäumer.Foto: Tobias Everke

„Trader Joe“ in der Prince Street schließt, da es einen Corona-Fall gibt. „Whole Foods“ liefert noch, via Amazon, aber wegen Überlastung seltener, in zehn Amazon-Lagern gab es Corona-Fälle. Unsere Vorräte reichen weit, uns fehlt das New Yorker Leben: Bücher bei „McNally Jackson“, ein „Soy Latte“ im Washington Square Park, während der Sohn schaukelte. Life, a lifetime ago.

Spaziergang, ohne New York zu berühren, um jeden anderen Menschen weite Bögen schlagend. Kein Auto auf dem Broadway, kein Schiff auf dem Hudson. Eine Corona-Sprache entsteht: In den engen Wohnungen Manhattans werden „Coronababies“ gezeugt, in 14 Jahren werden sie „Quaranteens“ sein.

C. schreibt am Samstag: „Ich habe mich freiwillig gemeldet, um als Notfallchirurg auf der Intensivstation zu helfen. Zwei Kollegen sind gestorben. Keine Beerdigung, die Leichen in einem Eiscreme-Lastwagen. So habe ich mich nach 9/11 gefühlt. Verletzt, traurig, wütend.“.

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