Feminismus-Ikone Chimamanda Adichie : „Wie kann es eine Frau wagen, zu begehren?“

Chimamanda Ngozi Adichie inspiriert Feministinnen weltweit. Hier spricht sie über Trumps Rassismus, #MeToo in Afrika und Wut als wichtigen Motor.

„Kritisier keine Frau, Chimamanda ist hier“. So heißt es in Adichies Heimat Nigeria.
„Kritisier keine Frau, Chimamanda ist hier“. So heißt es in Adichies Heimat Nigeria.Foto: Ivara Esege

Die Schriftstellerin Chimamanda Ngozi Adichie gilt als Ikone des Feminismus. In Schweden bekommen 16-Jährige ihr Manifest „We should all be Feminists“ geschenkt und Dior druckte den Slogan auf seine T-Shirts. Die Sängerin Beyoncé sampelte für ihren Song „Flawless“ Sätze aus einem ihrer Ted-Talks. Adichie wurde 1977 im nigerianischen Enugu als Tochter einer Universitätsrektorin und eines Universitätsprofessors geboren. Heute lebt sie in den USA und Nigeria, ist verheiratet und hat eine Tochter.

Ihre Romane „Blauer Hibiskus“ und „Die Hälfte der Sonne" wurden weltweit gelobt, der Bestseller „Americanah“ brachte ihr mehrere Buchpreise ein und wird nun als Serie mit Lupita Nyong’o verfilmt. Zuletzt erschien ihr Ratgeber „Liebe Ijeawele: Wie unsere Töchter selbstbestimmte Frauen werden“. Das Interview gab Adichie im Rahmen des Internationalen Literaturfestivals Berlin, wo am 21.9. auch der von ihr empfohlene Tash Aw auftritt. Mehr Infos hier.

Frau Adichie, Sie sind als politische Autorin bekannt. Ihr Bestseller „Americanah“ erzählt vom Rassismus und Sexismus, den eine junge Nigerianerin erlebt, die zum Studieren in die USA kommt. Haben Schriftsteller in diesen bewegten Zeiten eine besondere Verantwortung?
Als Geschichtenerzählerin weiß ich, dass man sich manchmal einfach zu einer Geschichte hingezogen fühlt. Deshalb widerstrebt es mir, Schriftstellern Verantwortung aufzubürden. Wenn wir eine haben, dann die, weiterhin Geschichten über Menschen zu erzählen. Wir müssen nicht über Trump oder rechte Bewegungen schreiben. In diesen Zeiten ist es leicht, zu denken, dass Schreiben sowieso nichts bedeutet. Aber wir müssen weitermachen.

Sie sagten mal, dass Sie in Büchern Trost suchen. Welches hat Sie zuletzt getröstet?
Ich mochte die Memoiren von Patti Smith und Tracy K. Smith. Und ein Roman, der mir geholfen hat, ist „We the survivors“ von Tash Aw. Da geht es um die inneren Rassismen in Malaysia. Es ist vielleicht pervers, aber das Buch hat mir Trost gespendet, weil es mir eröffnet hat, dass es andere Probleme auf dieser Welt gibt als den Rechtsruck im Westen.

Sie leben abwechselnd in Nigeria und in den USA. Seit der Wahl von Trump gibt es offene Aufrufe an Immigranten, dahin zurückzugehen, „wo sie hergekommen sind“. Wie hat sich Ihr Bild der USA gewandelt?
Ich musste mein Konzept von Amerika komplett überdenken. Auf eine Art ist das Land jetzt gewöhnlich. Vieles kommt mir plötzlich aus Nigeria bekannt vor. Die Idee vom „Big Man“, dieser einen Person, die unfehlbar ist, Gott ist. Gerade hat Trump etwas über den Hurricane auf den Bahamas gesagt, das offensichtlich unwissenschaftlich ist.

Aber auch die Mitarbeiter des „Big Man“ sagen nie die Wahrheit. Weder ihrem Anführer noch allen anderen. Und da ist die Sache mit seiner Familie. Auf den Bildern von Treffen mit internationalen Staatsoberhäuptern sehe ich Trumps Kinder. Warum? Wie in einer Bananen-Republik. Der Mangel an Verantwortlichkeit kommt mir ebenfalls bekannt vor: Der amerikanische Präsident kann inzwischen sagen, was er will. Er wird nie zur Rechenschaft gezogen.

Wenn Sie „Americanah“ heute schreiben würden, was wäre anders?
So viel! Im Herzen meines Romans liegt eine gewisse Hoffnung, die mit Barack Obama verbunden ist. Viele Menschen sahen ganz neue Möglichkeiten, weil in einem zutiefst rassistischen Land ein Schwarzer Präsident wurde. Dieses Gefühl wollte ich erfassen. Da ging es um mehr als um race und Politik, es war einfach etwas so Schönes, Menschliches. Das ist jetzt weg. In „Americanah“ wäre heute kein Humor enthalten. Mir ist das Lachen vergangen.

Wäre es ein bitterer Roman?
Er wäre grau, von Enttäuschung geprägt. Ich trauere um die Idee von Amerika, die ich mal hatte. Ich glaube, dieses Amerika ist für immer verschwunden.

Es gibt aber auch einen Backlash gegen den Backlash. Viele Frauen of Color wurden in den US-Kongress gewählt, Aktivistinnen wie Emma González setzen sich gegen Waffengewalt ein. Haben Sie Hoffnung für Amerika?
Manchmal kommt mir das vor wie ein verzweifelter Versuch, sich zu trösten. Ich hätte gern women of color in mächtigen Positionen, weil das normal sein sollte, nicht als Antwort auf einen rassistischen Präsidenten. Ich war wirklich besorgt, dass diesen Frauen etwas zustößt, dass jemand sein Gewehr rausholt – so offen hat Trump sie attackiert. Ich bin nicht hoffnungslos, aber ich habe nicht viel Hoffnung. Das ist ein Unterschied.

Warum leben Sie überhaupt noch dort?
Ich habe Verpflichtungen, mein Mann arbeitet dort. Amerika ist mein zweites Zuhause. Aber es hat sich so viel verändert. Die Luft fühlt sich anders an. Selbst am Flughafen anzukommen, ist anders, die Menschen, die dort arbeiten, sind feindseliger. Aber hey, ich zahle da verdammt noch mal meine Steuern.

Sie schrieben mal, dass Sie wütender über Sexismus als über Rassismus sind, weil Sie sich im Kampf gegen Rassismus nicht so allein fühlen. Ist das immer noch so?
Absolut. Überall auf der Welt gibt es Leute, die versuchen, Rassismus kleinzureden. Aber nicht in meinem engen Kreis, der aus Menschen aller Ethnien besteht. Dass es um das Geschlecht geht, muss ich hingegen immer wieder und öfter beweisen. Sogar Leute, die ich liebe, schauen mich an, als würde ich überreagieren.

Manchmal belasse ich es dann einfach dabei. Ich führe diesen Kampf bereits mit der Welt, ich will ihn nicht auch noch mit meiner Familie führen. In Nigeria machen die Leute dumme Witze wie: „Kritisiere keine Frau, Chimamanda ist hier“. Wenn ich als irrational gesehen werde, ist es leicht, meine Argumente für nichtig zu erklären.

Chimamanda Ngozi Adichie beim Internationalen Literaturfestival in Berlin.
Chimamanda Ngozi Adichie beim Internationalen Literaturfestival in Berlin.Foto: Ali Ghandtschi

Kann Wut überhaupt ein nützliches politisches Werkzeug sein?
Es gibt ein Zitat von Nelson Mandela, das ich sehr mag: „Wenn ich gedacht hätte, dass Wut etwas verändern könnte, dann wäre ich sehr wütend gewesen.“ Mandela war natürlich extrem wütend. Für mich ist Wut motivierend. Wir sollten alle wütend sein. Ich sage jungen Menschen aber oft, dass sie ihre Wut richtig ausdrücken sollen. Sonst wird man nicht gehört.

Vor allem in den USA gibt es das Stereotyp der „wütenden schwarzen Frau“.
Frauen ist es generell nicht erlaubt, wütend zu sein. Schwarze Frauen müssen noch vorsichtiger sein. Am schwersten ist es für afroamerikanische Frauen in den USA, politische Wut zu zeigen. Weil die Anfangsprämisse bereits ist, dass alle Afroamerikaner wütend sind und dass diese Wut keine Berechtigung hat.

Unser Eindruck: In Deutschland ist Sexismus eher als Problem anerkannt, Rassismus wird dagegen weniger problematisiert.
Das kann ich kaum glauben. Aber antischwarzer Rassismus ist ein weltweites Phänomen. Es gibt ihn in der arabischen Welt, in Asien. Weiße Amerikaner tun sich unglaublich schwer damit, die rassistische Geschichte Amerikas anzuerkennen.

In akademischen Kreisen ist oft von Privilegien die Rede, die dann abgegeben werden müssten. Ich glaube, es geht noch um etwas anderes, und das trifft auch auf Europa zu: Schuld einzugestehen, bedeutet, dass wir diesen Menschen etwas schulden – und ich meine das nicht nur wörtlich. Vielleicht geht es einfach darum, sich mal bei Namibia zu entschuldigen?

Deutschland hat das noch nicht geschafft.
Ich weiß nicht, warum es für Regierungen so schwer ist, zuzugeben, schreckliche Dinge getan zu haben. Menschen wollen gehört werden, anerkannt. Es ist hart, wenn dir als Person aus einem kolonisierten Land gesagt wird: Ach, der Kolonialismus ist so lange her, außerdem wurden ja Straßen gebaut, also beschwer dich nicht.

Kein Wunder, dass Wut über Generationen hinweg vererbt wird. Ich sprach gestern mit einem Freund und fand es toll, wie er sich aufgeregt hat. Er sagte: Schau dir an, was in Großbritannien passiert. Wir müssten dorthin gehen, sie kolonisieren, weil sie rein gar nichts auf die Reihe bekommen.

Würde das in Afrika passieren, hätte der Westen bereits einen Putsch organisiert.
Ich will gar nicht dran denken, wie die Berichterstattung aussehen würde ... Sie haben keine Ahnung, was sie tun, hatten dieses sinnlose Referendum, jetzt wissen sie nicht, wo ihre Grenzen verlaufen sollen, die Schotten wollen Unabhängigkeit ...

Sind Sie wütend darüber, dass #MeToo nicht die Revolution gebracht hat, die Sie sich erhofft haben?
Nein. Es gibt vieles an der #MeToo-Bewegung, das mich glücklich macht. Sie hat die Mentalität dahingehend verändert, dass Frauen eher geglaubt wird. Das ist schon revolutionär. Aber es kommt auch zu Absurditäten, besonders in den USA. Wir müssen darüber reden, was als sexuelle Belästigung gilt und was nicht. Nicht alle Geschichten verursachen den gleichen Schmerz. Wenn wir sagen, alles ist #MeToo, verlieren wir Unterstützer. Ich mache mir auch Sorgen, dass #MeToo Frauen wie Kinder behandelt.

Was meinen Sie?
Ein Beispiel: In einer Geschichte geht eine Frau mit einem Mann aufs Hotelzimmer, weil sie „ein Glas Wasser trinken wollte“, dann vergewaltigt er sie. Ich denke: Was, wenn sie mit dem Mann hochgeht, weil sie eventuell mit ihm schlafen möchte. Dann überlegt sie es sich anders und er vergewaltigt sie. Die zweite Geschichte hört sich wahrer an, stellt Frauen als komplexe Wesen dar.

Es liegt Misogynie darin, wie über #MeToo berichtet wird. Wir glauben immer noch, dass Frauen keine sexuellen Wesen sein dürfen, weil sie unser Mitgefühl dann nicht verdienen. Wie kannst du es wagen, zu begehren? Du musst die Jungfrau Maria sein. Es gibt vieles, was #MeToo bewegt hat. Menschen werden jetzt gefeuert, wenn sie Frauen belästigen. Das ist so toll! Gleichzeitig denke ich an all die Frauen, die aufgrund von sexueller Belästigung ihre Chancen nicht nutzen konnten. Sie hätten die Welt verändern können. Darin liegt für mich eine große Traurigkeit.

Ist #MeToo auch in Nigeria ein Thema?
Es sickert langsam durch. In Nigeria gibt es gerade einen viel beachteten Fall, in dem eine junge Frau einen Pastor wegen Vergewaltigung angeklagt hat. Pastoren sind bei uns wie Superstars. Es war so mutig, weil sie unglaublichen Gegenwind bekommen hat. Aber es passieren auch kleinere Dinge, Menschen äußern sich auf Facebook. Ein Professor hat seinen Job verloren. Für Nigeria ist das eine große Sache.

Sie haben ein Buch darüber geschrieben, wie man seine Tochter zur Feministin erzieht. Danach sind Sie selbst Mutter geworden. Folgen Sie Ihren eigenen Ratschlägen?
Ja – aber es ist viel komplizierter als gedacht. . Ich bin der Überzeugung, dass Frauen sich nicht erlauben sollten, von Schuldgefühlen erstickt zu werden. Aber als Mutter in dieser Welt musst du immer Superwoman sein. Du sollst einen Job haben und trotzdem zu allen Elternabenden gehen. So ein Schwachsinn!

Und dennoch wache ich manchmal von Schuldgefühlen geplagt auf, weil ich seit zwei Tagen nicht zu Hause war und meine Tochter nicht selbst gebadet habe. Ich muss mir dann gut zureden. Väter haben diese Schuldgefühle normalerweise nicht. Frauen werden so sozialisiert und auch ich bin nicht frei davon. Aber ich arbeite daran.

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