Magischer Realismus Italiens : Existenzielle Melancholie

Eine Entdeckung: Das Museum Folkwang Essen zeigt hierzulande bisher unbekannte Künstler des Magischen Realismus in Italien.

Einfache Dinge. Cagnaccio di San Pietro, „Stillleben“, 1923.
Einfache Dinge. Cagnaccio di San Pietro, „Stillleben“, 1923.Foto: Coll. Malcisi-Zaccarelli

Zahllose Ausstellungen zur Kunst der 20er Jahre hat es in den vergangenen Jahrzehnten gegeben. Die italienische Kunst jenseits von Futurismus und pittura metafisica allerdings kam meist zu kurz. Zumal die realistische Malerei stand unter Generalverdacht, hatte sich doch Mussolini anfangs sehr für sie engagiert.

Da stand er unter dem Einfluss der Intellektuellen und Kulturmanagerin Margherita Sarfatti, die die Gruppe „Novecento“ – italienisch für 20. Jahrhundert – für einige Jahre zur herausragenden Künstlerverbindung formte. Dort dominierten die realistischen Strömungen, die dem ritorno all’ordine folgten, der Rückkehr zur Ordnung, ausgerufen 1918 von der Zeitschrift „Valori Plastici“ als Gegenpol zum lärmenden Futurismus.

Weitgehend unorganisiert blieben die Künstler des Magischen Realismus, wie er in Deutschland 1925 durch das gleichnamige Buch von Franz Roh bekannt wurde. Nicht nur in Deutschland, überall in Europa gab es diese Strömung einer stillen, die Dinge klar und die Menschen weltverloren abbildenden Malweise. Wie stark und fruchtbar sie in Italien war, ist hierzulande unbekannt.

Gefühl des unwiederbringlich Vergangenen

Jetzt gibt es im Essener Museum Folkwang die Gelegenheit, sich ganz auf den Magischen Realismus Italiens zu konzentrieren. Es ist dies eine Pionierleistung, ermöglicht durch die Zusammenarbeit mit dem Museum Mart im oberitalienischen Rovereto, das seit Jahren durch wahre Expeditionen in unerforschte Gebiete auffällt und just zum jetzigen Zeitpunkt eine Ausstellung zur faszinierenden Person von Margherita Sarfatti abhält, die 1925 mit der allerersten Mussolini-Biografie unter dem Titel „Duce“ Furore machte.

Die Essener Ausstellung, auch wenn sie am Eingang mit einer Wand voller (reproduzierter) Werbeplakate der 20er Jahre die Atmosphäre Italiens herbeizitiert, lässt die Politik außen vor. Das liegt an den Gemälden selbst, rund 80 an der Zahl und damit so viele, wie seit den Auftritten der Mussolini-Zeit wohl nie mehr beisammen waren. Diese Gemälde sind unpolitisch, sie enthalten nichts, was der Sphäre der Politik zuzuordnen wäre. Die Melancholie, die sie verströmen, kommt aus den Dingen selbst, zumal die Maler den menschlichen Körper selbst als Ding behandeln, als eine abgeschlossene Wesenheit.

Dabei spielt das Porträt eine große Rolle; anders als in der deutschen Neuen Sachlichkeit, die sich bewusst auf Objekte zumal technischer Herkunft kapriziert. Doch wenn Baccio Maria Bacci einen „Nachmittag in Fiesole“ malt, dann gruppieren sich vier Personen schweigend um einen Tisch, der die Spuren einer Mahlzeit trägt, also auf Vergangenes deutet. Dieses Gefühl des unwiederbringlich Vergangenen auch und gerade dort, wo es eben noch Gegenwart war, lässt sich in den Bildnissen etwa der „Silvana Cenni“ von Felica Casorati oder der „Fremden“ von Bortolo Sacchi erspüren, und selten ist eine Darstellung so lebhaft wie die der Schauspieler in den „Masken“ von Gian Emilio Malerba.

Es bleibt noch viel zu entdecken

Man kennt diese Namen hierzulande nicht. Wieland Schmied, der langjährige Leiter des Künstlerprogramms des daad in Berlin, hat in Büchern und Ausstellungen den Vorhang zumindest angehoben, der vor der italienischen Kunst der Mussolini-Zeit niedergegangen war. Aber so viel bleibt noch zu entdecken, und auch die Essener Ausstellung, blättert man sich erst einmal durch Vergleichskataloge wie den der unvergessenen „Anni Trenta“ in Mailand 1982 oder der monumentalen „Italienischen Kunst 1900– 1945“ in Venedigs Palazzo Grassi 1989, könnte noch umfassender sein, insbesondere hinsichtlich der fallweisen Überschneidung mit „Novecento“. Aber dass Virtuosen wie Cagnaccio di San Pietro mit seinen Stillleben oder Felice Casorati mit den stumm ergebenen „Schülern“ vertreten sind, ist ein einziger Hochgenuss für das sehende Auge.

„Geometrische Strenge, aufgehobene Zeit, metaphysische Atmosphären, archaische Formen, die Rückbesinnung auf die Tradition und die Antike“ zählt der Katalog als einige der Elemente der hier ausgestellten Malerei auf, dazu „das Geheimnis, welches durch das Gewebe der stets wahr, aber niemals naturalistisch aufgefassten Wirklichkeit dringt“. All das ausgedrückt in einem „Selbstbewusstsein, das von existenzieller Melancholie durchdrungen ist“, wie Katalogautor Valerio Terraroli der Eigenart der Künstler nahezukommen sucht. Die Eigenart ihrer Bilder liegt offen vor dem Betrachter und verschließt sich dennoch.

Essen, Museum Folkwang, bis 13. Januar. Katalog bei Hirmer, 32 €, im Buchhandel 39,90 €. www.museum-folkwang.de

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