Für große Teile des Landes schien er eine Erlösung zu sein

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Barack Obamas Rede an die Nation : Der entzauberte Präsident

Obama tritt ans Mikrofon und berichtet den Leuten von einer neuen Studie, die besage, wie sehr Sex vor einer öffentlichen Rede helfe. Was seine Frau Michelle dazu gesagt habe? Sie habe ihm geraten, sein Bestes zu geben. Das Publikum lacht. Was Hillary Clinton und John McCain gemeinsam hätten? Beide verfügten über brillanten Intellekt und seien gleichermaßen verhasst bei den Republikanern. Lachen, Applaus. In einem Atemzug hat er damit zwei Rivalen erledigt. „Ich möchte allen für die Vorschusslorbeeren danken, die ihr mir in der Annahme einer erfolgreichen Karriere gegeben habt“, sagt Obama zum Abschied. „Wenn ich wirklich einmal etwas Relevantes mache, dann lasse ich es euch wissen.“ Was für ein Auftritt.

Für große Teile des Landes schien der Mann aus Illinois, als er 2008 Präsidentschaftskandidat war, eine Erlösung zu sein. Obama kam und bot eine Versöhnung an, zwischen Schwarz und Weiß, Reich und Arm, Demokraten und Republikanern. Nach den dunklen Bush-Jahren und der missglückten Kandidatur von John Kerry trat einer an, der mit Charme und Hingabe idealistische Ziele wie Gerechtigkeit und Gleichheit vertrat. Obama erreichte mit historischen Ausflügen nach Seneca Falls, wo 1848 die Frauen um ihre Rechte gekämpft hatten, mit der Erinnerung an die Märsche der schwarzen Bürgerrechtsbewegung die Herzen von Mehrheiten wie Minderheiten.

Bei seinem Amtsantritt im Januar 2009 standen 69 Prozent der Bevölkerung hinter dem Präsidenten, 27 Prozent hat er seitdem verloren. Demoskopen sagen, dass es statistisch fast unmöglich ist, einen solchen Absturz umzudrehen.

Obama ist hart geworden

Dabei gab es in der Zeit dazwischen viele Erfolge. Obama ist Friedensnobelpreisträger, er hat den Iran an den Verhandlungstisch gebracht, ein historischer Durchbruch. Er hat in Syrien die Vernichtung der Chemiewaffen erzwungen, wenn auch geprägt durch desaströses Agieren. Die Kriege in Afghanistan und Irak hat er beendet, die Soldaten sind auf dem Weg nach Hause. Die Wirtschaft ist stabiler als noch vor vier Jahren, es gibt Jobs und das Silicon Valley ist heute unangefochten der wohl innovativste Ort der Welt. Obama reist durch das Land und wirbt für gleiche Rechte für Lesben und Schwule, bessere Bildung für Schwarze und für die Stärkung der Mittelklasse. Aber die Minderheiten danken es ihm ebenso wenig wie die Mehrheit.

Von Obama bis Washington - alle US-Präsidenten der Geschichte
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1 von 45Foto: dpa
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Im Weißen Haus residiert ein Mann, der hinter seinem schwarzen Zaun das Volk nicht mehr erreicht und der immer öfter von seinen Beratern nicht mehr erreicht wird. Obama ist hart geworden, sein Lachen aufgesetzt. Er hat fast seine gesamte Regierungsmannschaft einmal ausgetauscht. Die, die immer noch da sind, haben die dunkle Seite des Präsidenten erlebt. Wenn er arrogant wird, seine eigenen Leute belehrt und unter Druck ein wenig schönes Gesicht zeigt.

Ist er selber noch für etwas zu begeistern?

Das wurde schon im Wahlkampf 2012 zum Problem, als ihn der Republikaner Mitt Romney herausforderte. Am 14. Oktober 2012, einen Monat vor der Wahl, trimmen David Axelrod und David Plouffe, seine beiden wichtigsten Berater, Obama in der Endphase des Wahlkampfs. In einem Resort in Virginia beobachten sie den Präsidenten 48 Stunden vor dem zweiten Fernsehduell in einem Probestudio. Beim ersten Duell hatte er sich wie ein uninteressierter und pedantischer Oberlehrer präsentiert. Die Umfragen reagierten sofort.

Teilnehmer des Wochenendes haben die nervöse Vorbereitung den Journalisten Mark Halperin und John Heilemann geschildert, die sie in ihrem Buch „Double Down“ beschrieben.

In blauem Blazer und Kakihosen streitet Obama demnach an dem Sonntag mit Kerry als Romney-Double. Wieder bricht der Oberlehrer durch. Und als Kerry anhebt, wird Obama arrogant. „Unterbrich mich nicht“, faucht er und fordert eine Duell-Unterbrechung. Er ist nicht in der Lage, das politische Theater zu spielen, das die große Bühne Amerika von ihm erwartet. Heute verabscheut er die Rituale, die ihn ins Weiße Haus gebracht haben. Direkt vor der Sendung findet Obama seine alte Rolle wieder. „Jungs, ich werde heute Abend gut sein“, wirft er Plouffe und Axelrod zu. Er gewinnt das Duell.

Bislang hat es Obama noch immer geschafft, mit eiserner Disziplin die Menschen um ihn herum zu begeistern. Die Frage ist, ob Obama selber noch für etwas zu begeistern ist. Oder ob er, wie Bush und andere Präsidenten vor ihm, die zweite Amtszeit nur noch bis zum Ende verwaltet, ohne Esprit, ohne Vision. Das Lächeln, einst seine Zauberwaffe, ist ihm längst vergangen.

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