CDU-Parteitag in der Presseschau : „Merz hat sich verspekuliert“

Die CDU-Vorsitzende AKK hat sich gut geschlagen, aber keine Vision für morgen. Ihr Rivale Friedrich Merz muss nun abwarten. Das Medienecho zum CDU-Parteitag.

Der CDU-Politiker Friedrich Merz beim Parteitag in Leipzig.
Der CDU-Politiker Friedrich Merz beim Parteitag in Leipzig.Foto: imago images/photothek

Die CDU-Vorsitzende Annegret Kramp-Karrenbauer hat beim Parteitag in Leipzig die Machtfrage gestellt und sich vorerst Luft verschafft. Der Parteitag stärkte ihr am Freitag deutlich den Rücken, daraufhin versicherte Kramp-Karrenbauers größter Rivale Friedrich Merz ihr seine Loyalität. Doch was waren die Zwischentöne der beiden Reden? Hat sich Friedrich Merz verspekuliert oder kann er immer noch Kanzlerkandidat werden? Und was war Angela Merkels Rolle auf diesem Parteitag, auf dem sie zum ersten Mal nicht mehr Parteivorsitzende war? So wurde der CDU-Parteitag in der Presse kommentiert:

„Frankfurter Rundschau“: Unzufriedenheit nur zugedeckt

„Merz hat sich verspekuliert. Nicht zum ersten Mal in seiner Karriere. Wer nun denkt, dass Annegret Kramp-Karrenbauer daher als Gewinnerin aus Leipzig nach Berlin zurückfährt, der hat sich geirrt. Ja, der Putsch gegen die Vorsitzende ist ausgeblieben. Aber das Treffen der CDU-Delegierten entwickelte sich am Freitag stattdessen zu einem Parteitag, an dem die bestehende Unzufriedenheit nur zugedeckt wurde, sich Mehltau über die Partei legte. Kramp-Karrenbauer hat sich in das Jahr 2020 gerettet, nicht mehr, nicht weniger.“

„Die Welt“: Eher Überlebende als strahlende Siegerin

„Der Tag gehörte Annegret Kramp-Karrenbauer. Die schon fast als Gescheiterte geltende CDU-Vorsitzende gewann in Leipzig noch einmal ihre Partei. Wie schon vor ihrer Wahl vor einem Jahr nahm AKK ihren Kritikern Wind aus den Segeln, indem sie ihre Kritik teilweise übernahm. Trotz massivem Applaus geht sie aus diesem Parteitag eher als Überlebende denn als strahlende Siegerin: Die versprochene Profilschärfung muss sie nun endlich liefern. (...) Vor allem aber muss sie beim Bürger und Wähler populärer werden, wenn ihr auch der nächste Parteitag im kommenden Jahr gehören soll - und damit die Kanzlerkandidatur.“

„Stuttgarter Zeitung“: Keine Botschaft für morgen

„AKK klingt wie ein Logo. Aber sie hat noch keine Idee, wie ihre Partei wieder zu einem politischen Emblem werden könnte. Sie hat sich mit diesem Parteitag Zeit erkauft. Sie hat viel geredet, aber zu wenig verraten, wie die CDU wieder unverwechselbar werden soll. Ihre Rede war trotzig, sie hat persönlichen Mut bewiesen, sich nicht weggeduckt vor ihren Kritikern. Ihre Botschaft ist eine Absage an die bloße Sehnsucht nach einem schönen Gestern. Aber sie hat keine klare Botschaft für morgen und übermorgen. Das ist zu wenig und zu wenig konkret, um Kanzlerin werden zu können.“

„Frankfurter Allgemeine Zeitung“: AKKs Distanz zu Merkel

„Kramp-Karrenbauer ließ kaum ein gutes Haar an den großen Linien der Koalition. Sie lieferte keine Abrechnung, distanzierte sich aber deutlich von der Ära Merkel. .Merkel wurde zu Beginn des Parteitags zwar ausgiebig gefeiert, aber spätestens, als Jens Spahn auf ihren Abschiedsbrief gegen Kohl anspielte, merkte man doch, wie sie schon während der Rede Kramp-Karrenbauers zusehends kleiner geworden war. Merz blieb es nur, darauf hinzuweisen, dass die Reise zur Regeneration der CDU erst begonnen habe, nicht schon beendet sei. Loyalität zur Vorsitzenden sei der Unterschied zur SPD, sagte Merz. Das war es, was Kramp-Karrenbauer hören wollte. In Richtung SPD sandte sie zudem die Botschaft aus: Wir sind jederzeit gerüstet für ein Ende der Koalition - mit mir an der Spitze.“

Zeit Online: Merz vertritt die CDU von gestern

„Merz berührt seine Partei an Stellen, an die die oft eher nüchtern auftretende Vorsitzende einfach nicht hinreicht: Er kann schnippisch sein, ironisch, lustig. Wenn Merz mit schiefem Lächeln über den politischen Gegner herzieht, dann spricht da auch die längst vergangene Selbstgewissheit einer 40-Prozent-Staatspartei. Dieses stets latent toxische, breitbrüstige Gehabe hat nicht zuletzt Angela Merkel ihrer Partei weitgehend ausgetrieben.“

„Spiegel Online“: Merkel gewohnt hölzern

„Merkels Rede trägt den Titel "Grußwort", so ist das nun. Es grüßt die Bundeskanzlerin den Parteitag der CDU, aber wer gehofft hatte, sie würde unter dem heimeligen Titel weniger hölzern reden als sonst, wurde enttäuscht. Merkel zählte auf, was ihre Regierung alles getan habe, Fachkräfteeinwanderungsgesetz, "eine Riesenoffensive im Wohnungsbereich" und so weiter. Ein Grußwort im Spiegelstrichformat - gibt es gar nicht so oft. Als danach ihre Nachfolgerin redet, wird klar: Das kann Kramp-Karrenbauer eindeutig besser, als Rednerin bewegt sie sich in einer anderen Liga als Merkel.“

„Nürnberger Nachrichten“: Die Kanzlerin, die in der CDU keine Rolle mehr spielt

„Angela Merkels Auftritt auf dem Parteitag war ein nostalgischer Rückblick auf vergangene Zeiten. Wir erleben da gerade genau das, was die Kanzlerin eigentlich vermeiden wollte: das Bröckeln eines Denkmals, das doch eigentlich noch gar nicht denkmalreif ist. Merkel spielt, das wurde ganz deutlich, in der CDU keine Rolle mehr - aber sie sitzt nach wie vor im Kanzleramt. Und wie es aussieht, wird sie da noch länger sitzen. Denn die GroKo fasst wieder Fuß, gerade nach diesem CDU-Parteitag und vermutlich auch nach der Kür des neuen SPD-Führungsduos. Da deutet viel auf einen Erfolg von Vizekanzler Olaf Scholz hin - was bedeutet: Weiter mit dem ungeliebten Bündnis. Niemand will es über 2021 hinaus fortsetzen. Und nun erst kommt das Ringen um die Kanzlerkandidatur in Fahrt. AKK hat nun etwas bessere, Friedrich Merz schlechtere Karten.“ (Tsp/dpa)

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