Einwanderer wichtig für Sozialkassen : Italiens Rentenchef hält Plädoyer für Immigration

In Italien warnt Rentenchef Boeri vor einem riesigem Finanzloch in den Sozialkassen, falls die Grenzen dicht gemacht würden. Innenminister Salvini ist erzürnt – und droht mit Rausschmiss.

Ein Flüchtling wird im Hafen von Pozzallo auf Sizilien kontrolliert.
Ein Flüchtling wird im Hafen von Pozzallo auf Sizilien kontrolliert.Foto: Giovanni Isolino/AFP

„Wenn wir die Anzahl der ankommenden Einwanderer reduzieren, dann werden wir große Probleme mit der Finanzierung der Renten und des gesamten Sozialsystems haben.“ Die sagte Rentenchef Tito Boeri bei der Vorstellung der Jahresbilanz 2017 der nationalen Rentenversicherung INPS am Mittwoch. Und die Probleme würden sich nicht erst in zehn Jahren einstellen, sondern „sofort“, betonte Boeri. Denn angesichts der tiefen Geburtenrate, der Emigration vieler junger Italiener ins Ausland und der zunehmenden Überalterung der italienischen Bevölkerung seien die Aussichten der Rentenkasse schon heute nicht rosig.

Die Antwort von Innenminister Matteo Salvini von der rechtsradikalen Lega ließ nicht lange auf sich warten: „Der Chef der INPS behauptet, dass es ohne Immigranten ein Desaster gebe, aber Herr Boeri sollte aufhören, Politik zu betreiben.“

Die Zahlen stehen auf der Seite Boeris

Und: „Boeri lebt wohl auf dem Mars. Er verkennt, dass sehr viele Italiener arbeiten und Kinder haben wollen.“ Anschließend ließ er eine kaum verhohlene Kündigungsdrohung folgen: „Es gibt da einige Phänomene unter unseren Spitzenbeamten, ich denke dabei an den INPS-Chef. Es muss sich noch vieles ändern in der staatlichen Verwaltung.“

Die Zahlen stehen auf der Seite Boeris: Die insgesamt rund 5,5 Millionen in Italien registrierten Ausländer tragen 130 Milliarden Euro zum Bruttosozialprodukt bei, fast ein Zehntel. Dabei zahlten sie 2017 allein an Einkommenssteuern 7,2 Milliarden Euro in die Staatskasse ein; hinzu kommen indirekte Steuern in mindestens gleich hohem Umfang. Die Rentenkasse finanzierten die Ausländer 2017 mit insgesamt acht Milliarden Euro, während sie gleichzeitig drei Milliarden Euro an Renten bezogen. Der Saldo für den Staat ist also sowohl bei den Steuern als auch bei den Renten positiv – auch wenn man die einbezahlten Beträge mit den Kosten für die Betreuung der nicht arbeitenden Immigranten verrechnet.

Die größte Sorge bereitet INPS-Chef Boeri die demographische Entwicklung: „Wenn wir die Zahl der Einwanderer halbieren, verlieren wir innerhalb von fünf Jahren 700000 Einwohner unter 34 Jahren, also eine Stadt wie Turin.“ Boeri erinnerte daran, dass jedes Jahr rund 120000 junge Italiener das Land verließen, um im Ausland ihr Glück zu suchen. Wenn dies so weitergehe, würden der Rentenkasse in den nächsten Jahren bis zu 40 Milliarden Euro fehlen. Den „Youth Drain“ habe die Einwanderung schon bisher kaum zu kompensieren vermocht – und seit vergangenem Sommer sind die Zahlen der ankommenden Migranten um 85 Prozent zurückgegangen. Ohne Einwanderung droht der Anteil der Rentenausgaben am Bruttosozialprodukt in Italien dem internationalen Währungsfonds zufolge von heute knapp 16 auf 20 Prozent steigen.

Wahrnehmung der Italiener liegt fernab der Realität

„Die Daten sind die beste Antwort auf Salvini, und sie lassen sich nicht einschüchtern“, erklärte Boeri nach der Kündigungsdrohung durch den Innenminister. „Die Italiener unterschätzen den Anteil der über 65-Jährigen und überschätzen die Zahl der Immigranten“, sagte er. Es gebe in Europa kein Land, in dem mit Blick auf Immigranten die subjektive Wahrnehmung derart weit abseits von der Realität liege: In Umfragen schätzten die Italiener den Ausländer-Anteil auf 26Prozent, während er in Wirklichkeit bei neun Prozent liegt. „Das ist die Folge einer regelrechten Desinformationskampagne“, betonte Boeri.

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