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Faktencheck : Wolfgang Wodarg verbreitet Thesen, die wichtige Tatsachen ignorieren

Ein ehemaliger SPD-Abgeordneter und Arzt verbreitet Thesen zur Corona-Pandemie, die wissenschaftlich nicht haltbar sind. Jetzt will ihn seine Ärztekammer anhören.

Bundestagsabgeordneter Wolfgang Wodarg (SPD) - hier auf einem Foto aus dem Jahr 2004 mit Verteidigungsminister Struck (SPD).
Bundestagsabgeordneter Wolfgang Wodarg (SPD) - hier auf einem Foto aus dem Jahr 2004 mit Verteidigungsminister Struck (SPD).Foto: dpa/Horst_Pfeiffer

Nicht nur das Coronavirus verbreitet sich rasant, sondern auch falsche und irreführende Meldungen über die Krankheit und den Umgang der Regierung mit der Pandemie. Sie werden auch in sozialen Netzwerken verbreitet. Der niedersächsische Innenminister Boris Pistorius (SPD) hat angesichts von Falschmeldungen zur Coronapandemie gefordert, mit Strafen dagegen vorzugehen. Auch das Bundesgesundheitsministerium warnt vor Falschmeldungen in der Corona-Krise. 

Etwa sieben Prozent der Kommunikation in den sozialen Medien zum Coronavirus sei derzeit mit Desinformation gespickt, schätzt der Europäische Auswärtige Dienst (EAD). „Wir bekämpfen nicht nur eine Pandemie, sondern auch eine Infodemie“, sagte der Generaldirektor der Weltgesundheitsorganisation (WHO) bereits im Februar auf der Münchner Sicherheitskonferenz. „Fake News verbreiten sich viel schneller als das Virus.“

Gegen Desinformation hilft: Information. Um dazu beizutragen, dass der Öffentlichkeit verlässliche Infos zur Verfügung stehen, berichten wir hier über falsche oder irreführende Nachrichten, die zum Coronavirus im Umlauf sind. Weiter unten finden Sie außerdem Tipps, wie Sie selbst Falschinformationen erkennen können.

Haben Sie eine Information zum Coronavirus bekommen, die Ihnen komisch vorkommt? Über Whatsapp, Facebook oder andere Internetseiten erhalten Sie Texte und Nachrichten, von denen Sie nicht einschätzen können, ob Sie stimmen? Schreiben Sie uns – kommentieren Sie einfach unter diesem Artikel. Oft ist es übrigens einfacher, etwas zu behaupten, was nicht stimmt, als zu belegen, warum etwas nicht stimmen kann. Deshalb braucht die Recherche solcher Meldungen Zeit.

Die Aussagen von Wolfgang Wodarg, die Corona-Maßnahmen hätten nichts mit einer Epidemie zu tun, sind falsch. Er ignoriert Fakten.

Ein Lungenfacharzt namens Wolfgang Wodarg macht in den Medien mit seiner Meinung und unbelegten Thesen zum Coronavirus auf sich aufmerksam. Er argumentiert, um das Virus werde Panikmache betrieben. Doch dabei relativiert er wissenschaftliche Erkenntnisse und vermischt Fakten mit Mutmaßungen.

Der 73-Jährige veröffentlichte Videos und Gastbeiträge in verschiedenen Medien, erreichte damit über Twitter, YouTube und Facebook einige hunderttausend Nutzer. Allein ein Youtube-Video mit ihm wurde bisher 1,2 Millionen Mal angeklickt (Stand 19. März). Auch Tagesspiegel-Leser reichten das Video bei uns ein mit der Bitte, es zu überprüfen. 

Wolfgang Wodarg war bis 2009 Bundestagsabgeordneter der SPD. Als Arzt ist er Mitglied der Landesärztekammer Berlin. Auf Tagesspiegel-Anfrage schrieb die Pressestelle der Landesärztekammer: "Wir werden ihn wegen seiner öffentlich getätigten Aussagen kontaktieren und anhören."

Wodarg ist außerdem im Vorstand von Transparency International. Die Nichtregierungsorganisation hat sich bereits von seinen Aussagen distanziert. Auf ihrer Website heißt es: „Transparency Deutschland weist die pauschale Kritik des Vorstandsmitglieds Dr. Wolfgang Wodarg an den staatlichen Maßnahmen zum Schutz der Bevölkerung vor dem Corona-Virus zurück. (…) Wolfgang Wodarg äußert sich in dieser Sache als Privatperson und nicht in seiner Funktion als Vorstandsmitglied.“ 

Auch die SPD-Fraktion distanzierte sich. „Wodargs Aussagen sind grob fahrlässig. Er ignoriert bekannte Fakten und untergräbt die Akzeptanz notwendiger Schutzmaßnahmen“, schrieb SPD-Fraktionsvizin Bärbel Bas. Wodarg ignoriere beispielsweise aktuelle Schätzungen, die davon ausgehen, dass ein Prozent der mit Sars-CoV-2 Infizierten sterben könnte. SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach twitterte, Wodarg verbreite Fake News. Er schreibt: „Ich sage das ungerne, aber es muss sein: der von mir eigentlich geschätzte ehemalige SPD-Kollege Dr. Wolfgang Wodarg redet zu Covid 19 blanken Unsinn.“

Viele Aspekte, die Wolfgang Wodarg in seinen Videos anspricht, lassen sich nicht überprüfen. Zu manchen Themen äußert er lediglich seine Meinung, zu anderen formuliert er unbelegte Thesen, manchmal vermischt er Fakten und Vermutungen und sät damit Zweifel. Eine davon ist, dass mit der Warnung vor dem Virus und der massenhaften Anwendung des Tests finanzielle Interessen verbunden sind. Im NDR-Podcast sagt Christian Drosten dazu: „Wir verdienen keinen Cent. Im Gegenteil, wir zahlen sehr viel drauf. Aber zum Glück werden wir unterstützt durch öffentliche Forschungsmittel von der Europäischen Union und neuerdings auch von der Bill & Melinda Gates Foundation.“ 

Die Rechercheplattform Correctiv hat Wodarg konfrontiert. Auf die Frage, ob er verstehen könne, dass Menschen aktuell Diskussionen über die mangelnde Validität von Testverfahren und angebliche Verschwörungen durch chinesische Politiker und Wissenschaftlern nicht auseinanderhalten können, antwortete er Correctiv: „Im Moment pickt sich jeder raus, was er will“. Vier seiner Thesen aus dem viel geklickten YouTube-Video, ein Beitrag der Youtube-Sendung „Punkt Preradovic“, haben wir überprüft.

1) Wodarg behauptet fälschlicherweise, nicht das Virus habe sich schnell verbreitet, sondern nur die Messung, die es nachweist. Das Virus sei nicht neu, der Virustest zeige Wodarg zufolge nur, was vorher einfach nicht gemessen wurde. Das stimmt nicht.

Es gibt eine ganze Reihe unterschiedlicher Coronaviren, zusammengefasst in der Gruppe der „Coronaviridae“. Sie befallen meist tierische Wirte, aber auch menschliche. Das heißt, Coronaviren sind schon lange bekannt, aber nicht dieses Coronavirus, Sars-CoV-2, denn das ist neuartig, also neu entstanden aufgrund natürlicher Mutationen. Das Virus SARS-COV-2, das jetzt umgangssprachlich „Coronavirus“ genannt wird, hat sich im Dezember 2019 in China verbreitet, als es noch gar keinen Test dafür gab. Ärzte stellten zunächst eine auffällige Häufung von schweren Pneumonien in Wuhan fest. Das wurde von einigen Ärzten bereits am 30. Dezember 2019 gemeldet. Daraufhin wurden Abstriche und Auswurf der Erkrankten auf verschiedene Viren hin untersucht und auch Coronaviren entdeckt. Die Entzifferung des Erbguts ergab, dass es sich dabei um ein neuartiges Coronavirus handelt, also eines in der Erbgutsequenz an wesentlichen Stellen von anderen Coronaviren abweichendes. Das Virus SARS-COV-2 ist also neu.

Die Nachweismethode, mit der es gefunden wurde, die Polymerase Kettenreaktion (PCR), gibt es etwa seit Mitte der 1980er Jahre. Spätestens seit der Jahrtausendwende wird sie für den Nachweis praktisch aller Viren (bzw. des Viren-Erbgutes) verwendet. Beispiele sind der Nachweis des Sars-Virus, das 2002/3 eine Epidemie auslöste, oder der des Mers-Virus. Beide sind übrigens ebenfalls Coronaviren.

2) Es ist zwar richtig, dass die Anzahl derjenigen, die von Grippe oder Atemwegserkrankungen betroffen sind, jedes Jahr schwankt. Das hat allerdings nichts mit der Ausbreitung des Coronavirus zu tun. 

Es gibt Jahre, in denen die saisonale Grippe mehr Erkrankungen und Tote hervorruft als in anderen Jahren. Das hat damit zu tun, welche Variante von Influenza-Viren in der Saison hauptsächlich umgeht und ob die Bevölkerung dagegen eine gewisse natürliche Immunität hat und ob der vorhandene Impfstoff tatsächlich gegen die häufigsten Influenza-Varianten der Saison schützt.  

Mit dem Coronavirus hat das allerdings nichts zu tun. Coronaviren sind keine Influenzaviren und gegen dieses Coronavirus, Sars-CoV-2, haben Menschen bisher keine natürliche Immunität entwickeln können. Das bedeutet, dass es in der Bevölkerung praktisch niemanden gibt, der nicht infiziert werden und zum Überträger werden kann. Dadurch verläuft das Ausbreitungsverhalten exponentiell, so dass in sehr kurzer Zeit sehr viele Menschen das Virus bekommen. Das Ergebnis ist eine Pandemie. Dann können trotz der vergleichsweise geringen Rate von Erkrankten und Schwererkrankten plötzlich sehr viele Menschen ins Krankenhaus müssen. Sind Krankenhäuser überlastet, können nicht mehr alle behandelt werden.

3) Es ist richtig, dass es Coronaviren schon länger gibt. So wie alle Viren verändern sie sich ständig. Nicht alle Veränderungen sind gefährlich. Bestimmte Veränderungen von Viren können gefährlich sein – so wie zum Beispiel die, die Sars-CoV-2 hervorgebracht hat. 

Jedes Mal, wenn ein Virus eine Zelle befällt und tausendfach kopiert wird, passieren bei diesem Kopiervorgang (der Replikation) Fehler. Zufällig. Dabei entstehen diverse unterschiedliche Viren: Manche davon sind funktionsunfähig, können sich aber nicht weitervermehren. Andere Viren tragen „stille“ Mutationen. Das bedeutet, sie haben zwar eine etwas andere Erbgutsequenz, aber diese wirkt sich unmerklich oder gar nicht auf ihre Vermehrung oder sonstigen Eigenschaften aus. Es gibt aber auch zufällig veränderte Viren, die neue, für das Virus vorteilhafte Eigenschaften haben. 

Bei dem Sars-CoV-2-Virus, das von Tieren auf den Menschen übergesprungen ist, haben sich eine Reihe von Mutationen ereignet. Einige haben es dem Virus ermöglicht, sich statt nur in tierischen auch in menschlichen Zellen zu vermehren. Eine andere Mutation hat dafür gesorgt, dass das Virus im oberen Halsbereich (und nicht wie bei Sars nur tief in der Lunge) heranreifen kann und daher in großen Mengen ausgeatmet wird. Deshalb ist es wohl so infektiös. Richtig ist also, dass Viren sich ständig verändern. Das ist aber nur harmlos, wenn die Veränderungen sich nicht auf die Verbreitungsmöglichkeiten oder/und die ausgelöste Erkrankung (Pathogenität) auswirken. Das ist beim neuen Coronavirus aber passiert: Es löst eine neuartige Krankheit aus.

4) Wodarg sagt, der im Januar von der Arbeitsgruppe um Christian Drosten entwickelte Schnelltest sei nicht sicher. Der Test weist das Virus aber nach. 

Christian Drosten, Direktor des Instituts für Virologie am Campus Charité Mitte, hat einen Schnelltest für das Coronavirus im Januar entwickelt. Der Test weist eindeutig ausschließlich dieses Sars-CoV-2 nach, weil er die einzigartige Erbgutsequenz dieses Virus erkennt. Die Faktenchecker von Correctiv haben im wissenschaftlichen Protokoll der Entwicklung des Tests nachgelesen, das auf der Website der WHO zu finden ist. Das Virus wurde damals noch 2019-nCov genannt: „Die Wissenschaftler schreiben, dass der Test auf der genetischen Nähe von 2019-nCoV mit SARS-Coronaviren basiere. Sie argumentieren jedoch, dass der Test das neuartige Virus ausreichend von anderen unterscheiden könne. Dies habe man anhand von 297 klinischen Proben anderer Viren, die Atemwegserkrankungen auslösen, untersucht.“ 

Im NDR-Podcast vom 18. März hat sich Christian Drosten zu diesem Thema geäußert, hier nachzulesen. Er sagte: „Die technische Validierung ist auf so hohem Niveau, dass eine unglaublich große Reihe von Firmen in der ganzen Welt dazu übergegangen ist, diesen Test sofort in kommerzielle validierte Testsysteme zu überführen.“

Es ist nicht bewiesen, dass Ibuprofen den Verlauf von Corona verschlechtert – es handelt sich um eine unbestätigte Hypothese

Es gibt keine gesicherten Erkenntnisse oder auch nur Studien dazu, dass die Einnahme des Schmerzmittels Ibuprofen den Verlauf einer Coronavirus-Infektion verschlimmern kann. Nachrichten, die behaupten, Ibuprofen sei gefährlich, verbreiteten sich in den vergangenen Tagen über Whatsapp.

In einer Sprachnachricht, die vielfach weitergeleitet wurde, warnt eine Frauenstimme vor der neuen Erkenntnis, die sie von Mitarbeitern der Universität Wien habe. Das stimmt nicht: Die angeblichen Forschungsergebnisse stünden laut der Uni Wien „in keinerlei Verbindung“ zu ihr. Das österreichische Gesundheitsministerium warnte infolge des Gerüchts ausdrücklich vor Falschmeldungen.

Doch der Fall ist komplizierter: Auch wenn es keinen Zusammenhang zur Uni Wien gibt, handelt es sich hierbei nicht um eine frei erfundene Falschmeldung: In Frankreich raten einige Experten von der Einnahme von Ibuprofen ab, auch der französische Gesundheitsminister Olivier Véran twitterte am Samstag: „Die Einnahme von entzündungshemmenden Medikamenten (Ibuprofen, Cortison…) könnte ein Faktor für die Verschlechterung der Infektion sein. Wenn Sie Fieber haben, nehmen Sie Paracetamol.“ 

Die WHO riet kurzzeitig davon ab, bei Verdacht auf eine Coronavirus-Infektion ohne ärztlichen Rat Ibuprofen einzunehmen. Zwei Tage später zog sie die Warnung zurück: Die Experten hatten Studien und Ärzte konsultiert. Sie seien zu dem Schluss gekommen, dass es keine Hinweise gebe, dass sich Ibuprofen negativ auf Covid-19-Patienten auswirke.

Mögliche Verschlechterungen von Coronavirus-Infektionen bei der Einnahme von Ibuprofen sei ein „bislang unbestätigter Verdacht“, wie die Deutsche Apotheker-Zeitung vergangene Woche schrieb. Der Virologe Jonas Schmidt-Chanasit vom Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin sagte der Tagesschau: "Ibuprofen hemmt die Blutgerinnung, das wäre ein möglicher Hinweis." Der Zusammenhang sei nach seinem Wissen aber nicht gesichert, fügte er hinzu. "Wir wissen wenig über die Pathogenese des Virus Sars-CoV-2. Es gibt dazu bisher keine klinischen Daten."

Auch der Virologe Christian Drosten äußerte sich in seinem NDR-Podcast zu dem vermuteten Zusammenhang. Es gebe keine Daten, die die Hypothese stützen, und auch bei anderen Coronaviren gebe es „keinen Hinweis darauf, dass Ibuprofen-Einnahme da irgendetwas verschlechtern würde. Ich glaube, das wüsste man inzwischen, wenn das so wäre.“



Es handelt sich also um eine Hypothese, die noch nicht untersucht wurde. In den verbreiteten Meldungen wird der Zusammenhang aber als Fakt präsentiert. Zudem mischen sich falsche Details wie der Bezug zur Uni Wien in die Nachricht, die sie glaubwürdig klingen lassen. Belege dafür, dass sich Ibuprofen negativ auf Corona-Patienten auswirkt, gibt es nicht.

Die Faktenchecker von Correctiv haben außerdem mögliche Quellen der Behauptung recherchiert und sind auf einen Artikel in der medizinischen Fachzeitschrift „The Lancet“ gestoßen. Darin wird ein möglicher Zusammenhang zwischen dem blutdruckregulierenden Enzym ACE2 und Coronaviren erwähnt. „Da die Behandlung von Diabetes und Bluthochdruck oft mit ‚ACE2-stimulierenden Medikamenten‘ geschehe, ist die Hypothese der Wissenschaftler, dass diese Medikamente das Risiko eines schweren Verlaufs von Covid-19 erhöhen“, heißt es bei Correctiv.

Genauso plausibel ist die Erklärung, dass Patienten mit Herzkreislauferkrankungen aufgrund der Vorerkrankung anfälliger für Atemwegserkrankungen im Allgemeinen und eben auch Covid-19 sind und daher häufiger sterben - unabhängig davon, dass Herzkreislaufpatienten nun mal oft ACE2-Hemmer bekommen. Eine Quelle dafür, dass ACE2 durch Ibuprofen beeinflusst wird, etwa häufiger auf der Zelloberfläche erscheint und dadurch mehr Viren in die Zellen lässt, nennen die Lancet-Autoren nicht.

Nein, diese Aldi-Filiale wird nicht wegen des Coronavirus gestürmt – das Video ist von 2011

Eine Videoaufnahme, die eine Menschenmasse vor einer Aldi-Filiale zeigt, wurde wiederholt in den Zusammenhang zu Hamsterkäufen gestellt. Allein auf TikTok wurde es bisher 4,3 Millionen Mal aufgerufen. „It’s Corona time“, sagt die Stimme aus dem Off. Angeblich stammt die Aufnahme aus Herten, NRW, und wurde am 28. Februar 2020 aufgenommen.

Das Video stammt weder aus Herten, noch ist der Menschenauflauf bei Corona-Hamsterkäufen entstanden. Es stammt von 2011 und befindet sich seitdem auf Youtube. Gefilmt wurde das Video während eines Computer-Sonderverkaufs von Aldi, und zwar in Kiel. Das konnten Faktenchecker von Correctiv und Bellingcat nachweisen. Dafür benutzten sie die Bilder-Rückwärtssuche, verglichen auf dem Video zu sehende Firmenlogos mit „Google Street View“-Aufnahmen und sprachen mit Aldi. Das gedankenlose Verbreiten solcher Videos kann Menschen dazu veranlassen, tatsächlich Hamsterkäufe durchzuführen, weil sie eine Verknappung befürchten, die gar nicht existiert.

Deutschland hat nicht geplant, am Montag alle Supermärkte zu schließen

Am Wochenende wurden massenhaft Falschmeldungen über Facebook, Whatsapp und Telegram geteilt, nach denen Supermärkte ab Montag ihre Öffnungszeiten stark einschränken würden. Sie stimmten nicht. Der ARD-Faktenfinder sprach von „massenhaften Gerüchten und gezielten Falschmeldungen“, die zu Panik führen würden.

Eine der Meldungen, die zu dem Thema kursierte, stammte vermeintlich von der „Focus“-Website. Dort war sie aber nicht zu finden. Das Faktencheck-Portal „Mimikama“ sammelte Hinweise darauf, dass es sich nicht um einen „Focus“-Inhalt handelte, sondern dass die Seite nachträglich im Browser verändert und dann abfotografiert wurde. Bei dem Screenshot handelte es sich um einen Fake. Das geht mit HTML-Codes sehr einfach: Screenshots bürgen also nicht für Echtheit.

Falschmeldungen über Marktschließungen bezeichnete der Rewe-Chef Lionel Souque als „zynisch und widerwärtig“. Auch Aldi stellte klar, dass die Märkte geöffnet bleiben würden. Von Hamsterkäufen wird explizit abgeraten. Bundesernährungsministerin Julia Klöckner rief am Samstag die Bürger auf, Hamsterkäufe in der Coronavirus-Krise zu vermeiden. Das Bundesgesundheitsministerium bezeichnet Meldungen, nach denen es bald massive weitere Einschränkungen des öffentlichen Lebens geben werde, als falsch. Das stimmt NICHT!“, hieß es in einer Twitter-Meldung des von Jens Spahn (CDU) geleiteten Regierungsressorts.

Auch nach Aussage des Handelsverbands (HDE) ist die Grundversorgung mit Lebensmitteln in Supermärkten in Berlin und Brandenburg gesichert. Die Lager seien jetzt vor Ostern gut gefüllt, sagte Nils Busch-Petersen, Hauptgeschäftsführer des HDE Berlin-Brandenburg. Es gebe keine Engpässe.

Nein, viel Wasser trinken hilft nicht gegen das Coronavirus

Eine Quelle von Desinformation sind Kettenbriefe, die über Whatsapp und soziale Medien die Runde machen. Darin werden oft falsche Informationen verbreitet – aktuell zum Beispiel über mögliche Gegen- und Präventionsmittel zu Corona. Oft berufen sich Kettenbriefe auf vermeintlich „verlässliche Quellen“ oder auf Forschungsinstitute, die aber in keinem Zusammenhang zu den Aussagen stehen.

Zum Beispiel stimmt es nicht, dass viel Wasser trinken eine Infektion verhindert. Die WHO teilt dazu mit: „Wassertrinken ist zwar wichtig für die Gesundheit, aber es verhindert keine Coronavirus-Infektion“. Wirksam hingegen ist soziale Distanznahme, um Tröpcheninfektionen zu verhindern, und regelmäßiges Händewaschen. (Video der WHO zu wirksamen Maßnahmen).

Ebenso wenig stimmt es, dass das Virus „bei einer Temperatur von 26 bis 27 Grad abgetötet“ werde. Aus dieser falschen Behauptung leitet ein Kettenbrief die Empfehlung ab, warmes Wasser zu trinken, um das Virus loszuwerden. Das kann nicht funktionieren: Der menschliche Körper hat eine Normaltemperatur von 37 Grad Celsius. Das Faktencheck-Portal „Mimikama“ hat sich mit vielen dieser Behauptungen beschäftigt.

Verlässliche Informationen über das Virus finden Sie auf der Website des Robert-Koch-Instituts. Wenn Sie befürchten, sich infiziert zu haben, ist die an ihrem Wohnort eingerichtete Corona-Hotline eine gute Anlaufstelle. Mit leichten Erkältungssymptomen wendet man sich am besten telefonisch an den Hausarzt. 

Auch die Krankenkassen haben Telefon-Hotlines für Nachfragen eingerichtet. Die Barmer ist unter 0800/8484111 erreichbar. Die DAK hat ebenfalls rund um die Uhr die Nummer 040/325325800 (Anruf zum Ortstarif) geschaltet. Dort beantworten Ärzte und Hygienefachleute die Fragen verunsicherter Anrufer. An die beiden Kassen dürfen sich auch Versicherte anderer Krankenkassen wenden.

Hintergrund über das Coronavirus:

Man kann sich nicht selbst auf Corona testen, indem man den Atem anhält

Ein Kettenbrief behauptet fälschlicherweise, man könne sich selbst auf das Virus testen, indem man zehn Sekunden lang den Atem anhalte. Klappe das ohne Beschwerden, habe man das Virus nicht. Die Nachrichtenagentur AFP hat dazu die Virologin Karla Ronchini aus Brasilien befragt. Sie sagte, die Luft anzuhalten sei schlicht und ergreifend „keine Methode“, sich auf COVID-19 zu testen. Der Labortest sei die einzige Methode, um herauszufinden, ob man das Virus hat. Der Kettenbrief ging bereits in anderen Ländern um – zum Beispiel den USA, Indien, Kambodscha oder Nigeria.

Wie erkenne ich mögliche Falschmeldungen?

Fragen Sie sich zunächst, woher die Nachricht kommt. Ist die Quelle vertrauenswürdig? Gibt es andere Quellen, die die Aussage bestätigen? Oft hilft eine einfache Google-Suche. Auch den Ursprung von Bildern können Sie mithilfe der Google-Bildersuche finden. Fragen Sie im Zweifelsfall ausgewiesene Experten auf dem Gebiet oder lesen Sie Qualitätsmedien, die Nachrichten kritisch prüfen, bevor sie sie weiter verbreiten.

Urheber von Falschmeldungen wollen Aufmerksamkeit erregen. Seien Sie kritisch. Werden Sie zum Beispiel stutzig, wenn Sie sich beim Lesen einer Nachricht denken: „unglaublich!“ Prüfen Sie die Aussage, zum Beispiel, indem Sie die Nachricht googeln. Oft können Sie so die Quelle finden – oder stoßen auf Warnungen und Faktenchecks zu dem Thema.

Und selbst wenn Sie eine Quelle finden: Lesen Sie den ganzen Text. Manchmal sind Überschriften missverständlich oder werden sogar überspitzt, damit mehr Leute auf den Text klicken. Bei der Lektüre kann sich zeigen: Das, was in der Überschrift steht, wird in dem Text gar nicht gesagt.

Tipps, wie man selbst Falschmeldungen erkennen kann, gibt es bei Faktencheck-Projekten wie „Correctiv Faktencheck“ oder dem „ARD Faktenfinder“. Auf diesen Internetseiten können Sie zudem nachgucken, wenn Ihnen eine mögliche Falschmeldung vorliegt: Die Kollegen überprüfen laufend mögliche Falschmeldungen – und veröffentlichen auch dann einen „Faktencheck“, wenn sich herausstellt, dass die Meldung stimmt. Verlässliche Informationen zu Gesundheits-Themen finden Sie zudem bei der WHO.

Warum haben Falschmeldungen und substanzlose Gerüchte in Krisenzeiten Konjunktur?

Krisenzeiten sind Zeiten von Angst und Unsicherheit. Die Situation derzeit ist sogar in mehrerer Hinsicht voller Unsicherheit: Einerseits ist das Virus neu, was bedeutet, dass trotz aller wissenschaftlicher Anstrengungen vieles nach wie vor unklar ist - nicht nur, wie hoch der Anteil der Infizieren, die letztlich versterben werden, sein wird, sondern auch, wie ansteckend das Virus ist, ob manche Leute besonders ansteckend sind, wann ein Impfstoff zur Verfügung stehen wird und vieles mehr. 

Weil es eine vergleichbare Situation noch nie gab, stehen auch Verwaltung, Politik und Gesundheitswesen - und seriöse Medien ebenfalls - jeden Tag vor Unsicherheiten. Das führt auch dazu, dass heute möglicherweise Entscheidungen getroffen werden müssen, die noch vor einer Woche genau die Personen, die diese Entscheidung zu verantworten haben, ausgeschlossen hatten.

Es ist nachvollziehbar, dass all das Teile der Bevölkerung verunsichert. Das ist wahrscheinlich besonders dann so, wenn in ihnen Unsicherheit mitschwingt (etwa, wenn ein Experte sagt: „Wir wissen nicht, wie die Situation in zehn Tagen sein wird und ob die jetzt beschlossenen Maßnahmen ausreichen.“). Das macht nach Ansicht von Kommunikationsexperten viele Menschen empfänglicher für vermeintlich klare, der offiziellen Linie widersprechende „Informationen“.

„Wenn Leute Angst haben, dann suchen sie nach Informationen, um ihre Unsicherheit zu reduzieren“ sagt der Soziologe und Kommunikationswissenschaftler Jeff Hancock von der Stanford University in einem jetzt auf der Website seiner Hochschule erschienenen Interview. Das könne, so Hancock, „dazu führen, dass Menschen eher Dinge glauben, die falsch sind oder irreführend, weil sie sich dadurch besser fühlen oder jemandem die Schuld daran geben können, was gerade passiert.“ Dies sei „oft der Grund, warum Verschwörungstheorien sich so verbreiten“.

Wer steckt in der Regel hinter Falschmeldungen, wer hat Interesse daran, sie zu verbreiten?

„Informationen“, die sensationell und schwer zu glauben, aber vielleicht doch irgendwie plausibel sind, bedienen die Mechanismen der „Aufmerksamkeitsökonomie“, vor allem in den sozialen Medien. Menschen konsumieren diese Nachrichten dann – was denen, die sie verbreiten, Geld einbringt, vor allem über Werbeeinnahmen. „Geld ist die Hauptmotivation“, sagt Stanford-Forscher Hancock.

 

Für die Weiterverbreitung sorgen die betrogenen Nutzer der sozialen Medien dann selber. Zudem kann eine falsche oder unlautere Nachricht auch an ein Produkt geknüpft sein. So verschickte eine eigentlich seriöse Werbeagentur am 17. März eine Pressemitteilung, in der sie für kleine Design-Kupfergefäße wirbt - mit dem Hinweis, das Sars-CoV-2 auf Kupfer nur kurz überleben. 

Es gibt aber auch andere Beweggründe hinter der Erstellung solcher Inhalte, zum Beispiel ideologische oder persönliche. So kann es sich um Versuche handeln, den politischen Gegner für die Krise verantwortlich zu machen. So verbreitete ein chinesischer Außenamtssprecher am Donnerstag auf Twitter die These, US-Militärs könnten das Virus nach Wuhan gebracht haben. Dazu kommt, dass manche Ersteller solcher Inhalte sich schlicht daran erfreuen, Leute hinters Licht geführt und im Netz sichtbare Reaktionen ausgelöst zu haben.

Wir möchten beim Tagesspiegel auch weiterhin über Falschaussagen aufklären. Bitte kommentieren Sie unter diesen Artikel oder schreiben Sie uns bei Facebook, Instagram oder Twitter, wenn Sie auf mögliche Falschnachrichten zur Corona-Pandemie stoßen.

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