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Fall Sergej Skripal : Russland droht Großbritannien mit Gegenmaßnahmen

Russlands Außenminister Lawrow erklärt sein Land für unschuldig und fordert Proben des Nervengifts. Britische Sanktionen würden nicht unbeantwortet bleiben.

Russlands Außenminister Sergej Lawrow
Russlands Außenminister Sergej LawrowFoto: Alexander Zemlianichenko/AP/dpa

Russland hat Großbritannien im Fall des vergifteten Ex-Doppelagenten Sergej Skripal mit Gegenmaßnahmen gedroht, sollte London Sanktionen gegen Moskau verhängen. „Jegliche Drohungen, Russland mit Strafmaßnahmen zu belegen, werden nicht unbeantwortet bleiben“, teilte das russische Außenministerium am Dienstag mit. Darauf müsse sich Großbritannien gefasst machen. London verdächtigt Moskau, in den Giftanschlag auf Skripal verwickelt zu sein und Russland ein Ultimatum gestellt, sich innerhalb von 24 Stunden in dem Fall zu erklären. Andernfalls drohten Konsequenzen. Das Ultimatum läuft am Mittwochmorgen um 1.00 Uhr MEZ aus.

Zuvor hatte Moskau von der britischen Regierung Zugang zu den Nervengift-Proben verlangt. Der russische Außenminister Sergej Lawrow sagte am Dienstag, Moskau habe über eine "offizielle Note Zugang zu dieser Substanz" und zu weiteren Ermittlungsergebnissen gefordert. Die Anfrage sei aber abgelehnt worden. Lawrow bekräftigte, sein Land sei beim Nervengift-Anschlag auf den russischen Ex-Spion Sergej Skripal "unschuldig". "Wir haben schon eine Erklärung abgegeben, dass das alles Quatsch ist. Wir haben damit nichts zu tun", sagte Lawrow der Agentur Interfax zufolge. "Russland ist bereit, gemäß der Chemiewaffenkonvention zu kooperieren" - wenn Großbritannien dies ebenfalls tue, sagte er.

Nach Angaben einer Ministeriumssprecherin wurde der britische Botschafter in Moskau einbestellt. Premierministerin Theresa May hatte Russland ein Ultimatum bis Mitternacht am Dienstag gestellt, um den Einsatz des Nervengifts zu erklären. Sie drohte mit "noch weit drastischeren" Maßnahmen gegen das Land, als es sie bereits gebe. May zufolge handelt es sich bei dem Gift um ein Mittel aus der der Gruppe der Nowitschok-Nervengifte, die das sowjetische Militär in den 1970er und -80er Jahren entwickelt habe. Sie erklärte, Russland sei "sehr wahrscheinlich" für die Vergiftung verantwortlich. Entweder sei Moskau bei der Attacke federführend gewesen oder habe zugelassen, dass das Gift in andere Hände gelangt sei.

Diplomatische Spannungen belasten russische Börsenkurse

Die diplomatischen Spannungen machten dem Rubel zu schaffen. Auch der Ölpreis und die Leitindizes der Moskauer Börse gaben nach. Vor allem der Ruf nach weiteren Sanktionen durch Großbritannien mache Anleger nervös, schrieben die Analysten der Rosbank in einem Kommentar.

Der CDU-Außenpolitiker Norbert Röttgen forderte ein entschiedeneres Vorgehen gegen dubiose russische Investitionen in der EU. "Großbritannien hat Anspruch auf die Solidarität seiner engen Partner und Freunde", sagte der Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses der Nachrichtenagentur Reuters. Nach dem Fund eines russischen militärischen Kampfstoffes könne Russland die Kooperation bei der Aufklärung nicht verweigern. "Kooperiert Russland nicht, muss es gemeinsame westliche Antworten geben."

Nach Einschätzung von US-Präsident Donald Trump trägt der Giftanschlag auf den russischen Ex-Spion in Großbritannien die Handschrift Moskaus. "Für mich sieht es danach aus, dass es Russland gewesen sein könnte", sagte Trump am Dienstag in Washington mit Blick auf die bislang vorliegenden "Beweise". Er kündigte für den Dienstag ein Gespräch mit der britischen Premierministerin Theresa May an. Wenn dann alle Fakten auf dem Tisch lägen und die USA diesen "zustimmen" sollten, werde Russland verurteilt.

Wenige Stunden vor seiner Entlassung hatte sich bereits US-Außenminister Rex Tillerson der Schlussfolgerung der britischen Regierung angeschlossen und erklärt, die USA stimmten mit ihrem Verbündeten Großbritannien überein, dass Russland "wahrscheinlich" hinter dem Anschlag auf den ehemaligen Doppelagenten Sergej Skripal und dessen Tochter stehe. „Wir haben volles Vertrauen in die Untersuchungen des Vereinigten Königreiches und seine Bewertung“, wurde Tillerson in der Nacht zu Dienstag in einer Mitteilung seines Ministeriums in Washington zitiert.

Kurz zuvor hatte das Weiße Haus es noch abgelehnt, sich dieser Lesart anzuschließen. US-Präsident Donald Trumps Sprecherin Sarah Sanders sagte am Montag auch auf mehrfache Nachfragen lediglich, die USA stünden an der Seite ihres Alliierten und verurteilten den Anschlag.

Nun erklärte Tillerson: „Wir stimmen überein, dass die Verantwortlichen - die das Verbrechen begangen und die es angeordnet haben - geeignete ernste Konsequenzen zu erwarten haben.“ Tillerson sagte, es könne für eine solche Attacke, die versuchte Ermordung eines Privatbürgers auf dem Boden einer souveränen Nation, keinerlei Rechtfertigung geben. „Wir sind schockiert, dass Russland sich erneut in derlei Verhalten engagiert zu haben scheint“, fügte er hinzu. „Russland bleibt von der Ukraine über Syrien und nun Großbritannien eine unverantwortliche Kraft der Instabilität in der Welt, die mit offener Verachtung der Souveränität anderer Staaten und dem Leben derer Bürger agiert“, so Tillerson.

Der 66 Jahre alte Sergej Skripal und seine 33 Jahre alte Tochter Yulia waren am 4. März bewusstlos auf einer Parkbank in der südenglischen Kleinstadt Salisbury entdeckt worden. Sie wurden mit lebensgefährlichen Vergiftungserscheinungen in ein Krankenhaus eingeliefert. Sie sind in kritischem Zustand. Insgesamt mussten 21 Menschen im Krankenhaus behandelt werden.

Der Leiter der Organisation für das Verbot chemischer Waffen, Ahmet Üzümcü, bezeichnete den Fall Skripal am Dienstag als "sehr besorgniserregend". Die britische Premierministerin Theresa May hatte am Montag erklärt, „höchstwahrscheinlich“ sei Russland verantwortlich für den Anschlag. Sie berief sich auf eine Analyse des verwendeten Gifts und hatte Moskau ein Ultimatum gestellt, um sich zu erklären.

Auch die Nato hat sich inzwischen zum Fall Skripal geäußert: Generalsekretär Stoltenberg sagte, man sei sehr besorgt über die Vergiftung Skripals und seiner Tochter mit einem Nervengift von militärischer Qualität. Großbritannien sei ein hoch geschätzter Verbündeter und "dieser Zwischenfall" sei für die Nato Anlass für "große Besorgnis", so Stoltenberg. Der Einsatz eines jeden Nervenkampfstoffes sei "abscheulich" und "völlig inakzeptabel". Die Nato stehe in der Angelegenheit mit den britischen Behörden in Kontakt. (dpa/AFP/Reuters)

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