Wenn sie den Wahl-O-Mat bedient, sagt sie, sei sie immer eine Linke.

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Frauen in der Neonazi-Szene : „Die Waffe bin ich selbst“

Einmal geht sie auf eine Demonstration der Rechten gegen die umstrittene Wehrmachtsausstellung. Am Straßenrand sieht sie einen Mann sitzen, der weint und sagt: „Wir waren doch keine Verbrecher.“ Solche Geschichten sollen es sein, die sie politisiert, ja radikalisiert haben.

Die stolze Mutter „mit Leib und Seele“ treibt ihre politische Karriere, wie sie betont, nach der Arbeit als Hausfrau voran. Am Abend. Dann schreibt sie Flugblätter, verfasst familienpolitische Schriften, liest historische Bücher und entdeckte etwa Königin Luise von Preußen für sich. An einer Fernuniversität studiert sie Kulturwissenschaften. Sie backt, kocht, strickt, und sie ernährt sich mit ihren Kindern nur saisonal, Erdbeeren gibt es also nur im Sommer. Sie engagiert sich für den Umweltschutz und für gesunde Ernährung, sie geht auf Anti-Atomkraft-Demos, und wenn sie den Wahl-O-Mat bedient, sagt sie, sei sie immer eine Linke.

Sie kann gut kokettieren. Gerne erzählt sie die Geschichte, warum sie Richard Wagner hört. Er sei nicht nur ein herausragender Kulturschöpfer, sondern das neunte Kind seiner Familie, so wie Mozart das siebte Kind gewesen sei. Wenn es also damals nicht diese großen Familien gegeben hätte, dann hätte es auch diese großartigen Künstler nicht gegeben. Auf diesem Niveau bewegen sich ihre Argumente.

Ricarda Rieflings eigene innere Welt funktioniert vermutlich ganz einfach. Sie ist nämlich immer heil, sie ist immer selbstbestimmt, sie ist mitfühlend, aber niemals schlecht. Das denkt sie wirklich. Niemals habe sie unter Neonazis Gewalt erfahren oder andere Frauen Gewalt erfahren sehen, obwohl Gewalt gegen Frauen ein Merkmal der Szene ist. Die eigene Familie hat sie so sein lassen, wie sie ist, und ihr Mann ist ein fürsorglicher Vater, der kochen und den Babys die Windeln wechseln kann.

Man glaubt ihr, dass sie sich in dieser Welt wohlfühlt, denn in dieser Welt zählt die unangenehme Wahrheit nichts. In dieser Welt kann es den Holocaust nicht gegeben haben. Das macht es so einfach. Wenn es in Rieflings Welt den Mut zur Wahrheit gäbe, dann existierte diese Welt nicht mehr.

Ein Gespräch über Gewalt kann man mit einer extremen Nationalistin wie Ricarda Riefling nicht wirklich führen. Sie ist ein geschulter Kader, hat die notwendigen Verhaltensregeln einer Rechtsextremistin ausgiebig trainiert. Denn jeder mögliche Verdacht, dass die NPD Gewalt billigt, vorbereitet oder zur Gewalt aufruft und somit in ihrem Namen Straftaten, ja Morde geschehen könnten, würde dem Staat die Möglichkeit bieten, ein zweites, dieses Mal womöglich erfolgreiches Verbotsverfahren zu führen.

Das Bundesverfassungsgericht selbst hat dies sinngemäß so formuliert. Wo Gefahr im Verzug ist, wo Menschen zu Opfern werden könnten, muss der Schutz für diese Menschen wichtiger sein als der Schutz einer politischen Partei mit all ihren Grundrechten. Auch deshalb versucht der Staat nun alles, um Verbindungen zwischen der rechten Terrorzelle, dem selbst ernannten „Nationalsozialistischen Untergrund“ (NSU), und NPD-Funktionären zu finden.

Das Geschäft der geistigen Brandstiftung kann funktionieren. Man braucht dafür geeignete Grenzgänger, die es verstehen, die Grauzone vor der Gewaltzone mit brauner Ideologie auszuleuchten. Gewaltbereitschaft leugnen und anderen das Zuschlagen oder gar Morden überlassen ist keine Erfindung der NPD. Aber handelt sie nach diesem Prinzip?

Im Nachhinein jedenfalls, wenn es geschehen ist, wenn es Opfer gibt, kann man als Funktionär auf die Täter herabsehen, wie auf Mundlos, Böhnhardt oder Zschäpe, kann ihnen die Persönlichkeit absprechen. Ricarda Riefling verachtet Beate Zschäpe vor allem deshalb, weil sie nicht zur intellektuellen Ikone taugt. Riefling wäre gerne eine solche Ikone, deshalb bewundert sie auch eine andere Frau: die RAF-Terroristin Ulrike Meinhof.

Sie verurteile Meinhof zwar dafür, dass sie ihre Kinder verlassen und Menschen bei Bombenanschlägen getötet habe, aber Meinhof „beeindruckt mich als Überzeugungstäterin“. Sie sei in der Lage gewesen, „so viele Dinge vorzugeben“. Ricarda Riefling bezeichnet sich als eine „Schreibtischtäterin“. Sie findet, dass sie keine Waffe braucht, denn die „Waffe bin ich selbst“.

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