Globuli und Edelsteine : Das Thema Impfen bringt die Grünen in Bedrängnis

Bei der Forderung nach einer Impfpflicht geben sich die Grünen ambivalent. Sie wissen, dass sie Teile ihrer Klientel damit verprellen würden. Ein Kommentar.

Kleiner Stich mit der Spritze: Ein Kind wird geimpft.
Kleiner Stich mit der Spritze: Ein Kind wird geimpft.Foto: Getty Images/iStockphoto

Als undogmatischer Atheist habe ich für mich bislang noch nicht zur Gänze geklärt, ob es eine Hölle gibt oder nicht. Gänzlich sicher hingegen bin ich, wie sie sich anfühlen würde, gäbe es sie: so wie die zwei Frühlingswochen, die ich im März 2015 durchlitt.

Über Tage hinweg plagten mich hohes Fieber, schmerzhafter Husten und völlige Appetitlosigkeit – was wiederum in völliger Kraftlosigkeit resultierte. Meinen ersten Versuch nach anderthalb Wochen, die Wohnung kurz zum Einkauf zu verlassen, musste ich nach drei Treppenstufen erschöpft abbrechen.

Grund für diese zwei höllischen Wochen war eine Masernerkrankung, die ich mir eingefangen hatte. Und ich war kein Einzelfall in diesen Frühlingswochen, wie die Statistik zeigt. Insgesamt 2064 Menschen hatten sich in Berlin diesem Jahr mit der Krankheit angesteckt, es handelte sich damit um den größten Masernausbruch seit Einführung der Meldepflicht 2001.

Vier Jahren sind seither vergangen und ich habe in der Zwischenzeit nicht nur sämtlich relevanten Impfungen aufgefrischt, sondern auch ein ernstes Gespräch mit meinen Eltern darüber geführt, warum sie mich als Kind nicht gegen die Krankheit impfen ließen. Sie habe damit gezögerte, sagte meine Mutter, weil in ihrem Umfeld immer wieder vor den Impfrisiken gewarnt worden sei. „Mit meinem heutigen Wissen hätte ich anders gehandelt.“ Ich glaube ihr.

Der Kern des Problems

Nicht glauben konnte ich hingegen, als die Grünen-Fraktion im Bundestag jüngst gegen den Vorschlag der Großen Koalition protestierte, eine Impfpflicht für Masern einzuführen. Statt auf Zwang zu setzen, müsse man mehr auf Aufklärung und Erinnern der Eltern setzen, sagte die Grünen-Abgeordnete Kordula Schulz-Asche. Zunächst dachte ich, es handele sich um eine Einzelmeinung.

Doch ich wurde dann aber von der gesundheitspolitischen Sprecherin der Partei, Maria Klein-Schmeink, eines Schlechteren belehrt: Eine Impflicht wird es mit den Grünen nicht geben. „Masern sind gefährlich“, schrieb mir die Politikerin. „Sowohl Kinder als auch Erwachsene sollten sich unbedingt impfen lassen“.

Weil aber bei Kindern die Impfquote bereits sehr hoch liege, bei Erwachsenen hingegen deutlich niedriger, hält auch Klein-Schmeink nichts von der Pflicht zur Impfung: „Angesichts der geringen Impfquoten bei Erwachsenen geht die Forderung nach einer Impfpflicht für Kinder am Kern des Problems vorbei“, schrieb sie mir.

Ausgerechnet die Grünen also, die sich nur zu gerne als Speerspitze eines progressiven Milieus begreifen, rücken beim Thema Masern-Impfung in die Nähe von verschwörungstheoretischen Impfgegnern? Das wirkt nur auf den ersten Blick wie ein Widerspruch. Denn in Wahrheit bedient die Öko-Partei seit vielen Jahren ein Publikum, dass sich nicht zuletzt aus Aluhüten zusammensetzt.

Woher ich das weiß? Ich stamme selbst aus diesem Milieu, habe selbst meiner Jugend mit Demeter-Gemüse, Tartex-Aufstrich und Waldorfschule verbracht. Ich erinnere mich an den Klassenkameraden, dessen Mumps-Erkrankung mit Globuli und Edelstein-Kräften geheilt werden sollten. Und ich erinnere mich an die Lehrerin, die mich von meiner Linkshändigkeit durch Heileurythmie „kurieren“ wollten (heute würden derlei Versuche wohl in der Kategorie „Körperverletzung“ laufen).

Bei den Grünen erinnert man sich derweil sehr genau, welcher esoterischen Unsinn Teile der eigenen Wählerschaft anhängen. Beispiel Prenzlauer Berg: der Berliner Ortsteil hat nicht nur seit Jahren die schlechteste Durchimpfungsrate in der deutschen Hauptstadt. Zu Teilen ist er auch Deckungsgleich mit dem Bundestagswahlkreis 83, der wiederum der einzige Wahlkreis Deutschlands ist, in dem die Grünen bei der letzten Bundestagswahl ein Direktmandat gewinnen konnten.  

Ein rhetorischer Spagat

Klein-Schmeinks Statement wirkt deshalb auch wie ein rhetorischer Spagat: Für die vernunftbegabten Teile der Wählerschaft wird die Impfung eingefordert, während für die Aluhut-Fraktion die Impflicht abgelehnt wird. Schlimmer noch, mit ihre Ambivalenz hinsichtlich der Impfpflicht sendet die Partei das Signal aus, dass - vielleicht, eventuell und möglicherweise - doch irgendetwas nicht stimmen könnte mit dem Impfen. Das ist ein Signal auch an all jene, die, wie meine Eltern, eigentlich nicht zu den Aluhüten zählen, und bloß von ihrem Umfeld verunsichert wurden.

Verantwortungsvolle Gesundheitspolitik funktioniert so nicht. Die Grünen müssen sich entscheiden, ob sie Volkspartei werden oder parlamentarische Vertretung oder Verschwörungstheoretiker bleiben wollen. Beides gleichzeitig geht nicht.  

Die Garantie des Grundgesetzes auf freie Entfaltung gilt zwar auch für Verrückte. Doch sie stößt dort an Grenzen, wo sie die Unversehrtheit anderer gefährdet. Das weiß man natürlich auch bei den Grünen: In der vergangenen Woche brachten der hauptstädtische Landesverband der Partei gemeinsam mit dem hessischen eine Gesetzesinitiative zum Verbot sogenannter Konversionstherapien in den Bundesrat ein. Zu recht - denn Homophobie mag sich nicht heilen lassen, Schwule und Lesben aber kann man vor Homophoben schützen. Und gleiches gilt für die Impfgegner. Die Gesellschaft wird einen Bodensatz von Hokuspokus-Gläubigen hinnehmen müssen, sich wegen ihnen um Leib und Leben fürchten muss sie hingegen nicht.

Meine Höllen-Wochen hatte ich übrigens nach drei Wochen schadlos überstanden. Ein kleiner Junge hingegen hatte weniger Glück als ich – auch er erkrankte an den Masern und verstarb. Maria Klein-Schmeink irrt sich deshalb, wenn Sie mir schreibt, dass alle, die sich für eine Impfpflicht aussprechen, zunächst erklären müssten, wie sie umgesetzt werden könne. Es sind vielmehr die Grünen, die erklären müssen, warum sie eine Impflicht verhindern wollen. Und beginnen sollten Sie mit ihrer Erklärung bei der Familie, die bis heute um ihren Sohn trauern muss.

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