Mauerfall-Gedenken in Berlin : In Europa „zu unserem Glück vereint“

Am Denkmal für die osteuropäischen Länder, die Jahre vor dem Mauerfall für sie kämpften, beschwört der Bundespräsident die Einheit Europas.

Rosen für Visegrad: Der Bundespräsident, seine slowakische Kollegin die Präsidenten Tschechiens, Ungarns und Polens (v.l.n.r.).
Rosen für Visegrad: Der Bundespräsident, seine slowakische Kollegin die Präsidenten Tschechiens, Ungarns und Polens (v.l.n.r.).Foto: John MacDougall/AFP

„Können Sie mir helfen?“, sagt der junge Kollege vom polnischen Rundfunk. „Wie spricht man den Namen aus: S-chabowski oder Schabowski?“ Schließlich sei es ein polnischer Name, er wolle aber nichts falsch machen.

Auch ein Beitrag zu 30 Jahren Mauerfall – an diesem feuchtkühlen Morgen an der Berliner Gedenkstätte am ehemaligen Grenzübergang Bernauer Straße. Dass der Mann jenes 9. November 1989, Günter Schabowski, einen Namen trug, der so eindeutig polnischen Ursprungs ist und zugleich so gründlich eingebürgert wurde. Hierzulande scheint er damit einfach nur als deutsch, wie all die anderen Namen mit derartigem Hintergrund – Grabowski, Borowka oder Lewandowski.

Gemeinsame Geschichte über nationale Grenzen hinaus am Ort brutalster Teilung. Die Mauer zerschnitt von 1961 bis 1989 auch die Bernauer Straße, trennte Häuserzeilen und Bürgersteige in West- und Ostseite. Wenig später trifft Bundespräsident Steinmeier ein, zusammen mit den osteuropäischen Kollegen: den Staatspräsidenten Polens, Ungarns, Tschechiens und der Staatspräsidentin der Slowakei. Er richtet einige wenige Sätze des Dankes an sie und betont, dass es einmal nicht die deutsche Einheit sei, die mit diesem Tag so eng verbunden ist.: „Dieser Tag und dieser Ort erinnern uns an eine große historische Leistung. Sie erinnern uns auch daran, dass wir heute in Europa zu unserem Glück vereint sind.“

Visegrad steht nicht mehr nur für Freiheit

„Wir Bürgerinnen und Bürger der Europäischen Union sind zu unserem Glück vereint“, hieß es 2007 in der sogenannten Berliner Erklärung zum 50. Geburtstag der Römischen Verträge und damit des gemeinsamen Europas. Jetzt gesprochen, am kleinen Visegrad-Denkmal an der Mauer-Westseite nahe der Gedenkstätte, löst die Formel auch gemischte Gefühle aus. Das Visegrad, dem das Denkmal gilt, steht für die Staaten, deren Bürgerrechtler nach Europa drängten und deren Freiheitsbewegungen lange vor 1989 die deutsche Wiedervereinigung ermöglichen halfen.

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„Das Gefühl, Mauern zwischen Menschen und zwischen Ländern zu haben, möchte ich nicht mehr erleben.“
„Das Gefühl, Mauern zwischen Menschen und zwischen Ländern zu haben, möchte ich nicht mehr erleben.“

Dazu gehören die polnische Solidarnosc seit Ende der 1970er Jahre, Prags Samtene Revolution – ein Kind des Prager Frühlings zwei Jahrzehnte zuvor – und Ungarn, das sich als erstes Land weigerte, ausreisewilligen Deutschen den Weg zu abzuschneiden. Heute steht Visegrad für die Kooperation derselben Staaten, die nun Europaskepsis vereint, sich gegen Flüchtlinge wehrt, teils Demokratie und Rechtsstaat beschneidet - wie Kaczynskis Polen und Orbáns Ungarn. Was ist passiert?

Süssmuth beklagt mangelnde Zugehörigkeit

In den Reihen am Visegrad-Denkmal steht auch Rita Süssmuth. Die inzwischen 82-jährige CDU-Politikerin war am 4. November 1989 Präsidentin des Bundestag. Sie erinnert sich an ihr ungläubiges Staunen an jenem Tag, die Nationalhymne im Parlament und „das schönste Erlebnis“, als in ihren Göttinger Wahlkreis Tausende DDR-Bürger auf West-Tour zu Besuch kamen. Aber sie hat auch das politische Nachspiel aus nächster Nähe erlebt. Auf die Zeiten der gemeinsamen Freude sei „eine Phase der Nichtberücksichtigung“ gefolgt, das etablierte Europa habe den östlichen Europäern nicht mehr zugehört. Ihnen habe im Wortsinne „Zugehörigkeit“ gefehlt, wie es heute Migranten beklagten. „Ja, es wurden Fehler gemacht“, sagt Süssmuth.

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Steinmeier wird wenig später bei seiner Rede zum Mittagessen für die Amtskollegen geradezu beschwörend werden. Damals sei der 9. November als Meilenstein erschienen, der „so eindeutig, so monumental“ wie die Mauer trennen würde - nämlich eine „Vergangenheit der Unterdrückung von einer Zukunft in Freiheit“.

Diese Gewissheit gebe es so nicht mehr, aber Europa bleibe ein Gemeinsames, und es gebe nur dieses. „Lasst uns Sorge dafür tragen. Lasst uns den Zusammenhalt bewahren, und dafür sorgen, dass die Differenzen, die wir haben, nicht unüberwindlich werden.“ Den Traum von damals gelte es, „Stück um Stück gemeinsam“ Wirklichkeit werden zu lassen.

Die Gedenkstätte an der Bernauer Straße war zentraler Ort des offiziellen Jubiläumsfeier zum 30. Jahrestag des Mauerfalls. Zusammen mit den Staatsoberhäuptern nahm auch Bundeskanzlerin Angela Merkel an ihr teil.

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