#MeToo, Kirche und Kavanaugh : Sexualisierte Gewalt: Licht an, Spot an!

Ich bin Christ, Mann und Vater. Das verdreifacht meine Aufmerksamkeit für Berichte über sexualisierte Gewalt, von der Kirche bis zu Kavanaugh. Ein Kommentar.

Protest in Washington D.C. gegen die Nominierung von Brett Kavanaugh zum Obersten Richter am Verfassungsgericht.
Protest in Washington D.C. gegen die Nominierung von Brett Kavanaugh zum Obersten Richter am Verfassungsgericht.Foto: Drew Angerer/Getty Images/AFP

Es geschah vor wenigen Tagen während eines Gottesdienstes in einer Berliner Kirche. Statt der Predigt sitzen die Besucher in einem Kreis auf dunklen Holzstühlen und reden über einen biblischen Text. Der Pfarrer liest ihn vor, er steht bei Markus im zehnten Kapitel. Die Zeile ist bekannt: „Lasset die Kinder zu mir kommen und wehret ihnen nicht, denn solchen gehört das Reich Gottes.“ Das sagt Jesus zu seinen Jüngern. Dann heißt es: „Und er herzte sie und legte die Hände auf sie und segnete sie.“ Ein Schuft, der Böses dabei denkt.

Er herzte sie und legte die Hände auf sie. Das Kopfkino springt an. Unmittelbar zuvor waren erste Ergebnisse einer Missbrauchsstudie der Deutschen Bischofskonferenz bekannt geworden. Von 3677 Betroffenen, also Opfern, ist die Rede und von 1670 Beschuldigten, also mutmaßlichen Tätern. Die sexualisierte Gewalt wurde von Geistlichen an Minderjährigen verübt. Es tröstet nicht, dass die Kirche, in der ich sitze, evangelisch ist. Uns eint der Glaube, die geschwisterliche Gemeinschaft unter dem Wort.

Seelsorger, die Kinder missbrauchen, was ein anderes Wort für quälen ist: Das gleicht Rettungsschwimmern, die Ertrinkende ertränken, und Feuerwehrleuten, die Brände legen. Es ist eine diabolische Verhöhnung der christlichen Lehre. Ein brutales Herrschaftssystem war errichtet worden, innerhalb dessen aus Schutzbefohlenen bloße Objekte von Gier und Gewalt geworden waren. Der Schmerz, den diese Kinder erlitten, währt manchmal ewig.

Keine Scheu vor „Kollektivschamröte“

Ich bin Christ, Mann und Vater. Das verdreifacht meine Aufmerksamkeit für Berichte über sexualisierte Gewalt. Mein Glaube wurde von christlichen Geistlichen in den Dreck gezogen, mein Geschlecht von Geschlechtsgenossen besudelt, als Vater zweiter Töchter will ich sie vor Leid bewahren.

Die „Zeit“ druckte vor einem halben Jahr eine Kontroverse zwischen ihren Redakteuren Jens Jessen und Bernd Ulrich. Jessen klagte darüber, dass es bei der #MeToo-Debatte um den „Triumph eines totalitären Feminismus“ ginge, Männer in Kollektivhaftung genommen würden, ein „rhetorisches Hexenlabyrinth“ erschaffen worden sei. Ulrich konterte mit dem Vorschlag, „freiwillig in die Verantwortung für das Patriarchat einzutreten“ und keine Scheu vor „Kollektivschamröte“ zu haben. Bei Jessen klang es, als seien die Berichte über sexualisierte Gewalt inzwischen ärger als die Gewalt selbst. Müssen Männer Angst haben vor #MeToo?

Am vergangenen Dienstag sah ich auf CNN, wie der Comedystar Bill Cosby in ein Gericht ging, begleitet von Anwälten, sein Anzug saß perfekt. Heraus kam der 81-jährige Mann ohne Jackett, mit verstörtem Gesicht. Der „Vater der Nation“, der Vorzeige-Afroamerikaner, war wegen sexueller Nötigung zu mindestens drei Jahren Gefängnis verurteilt worden. Gestürzt sind inzwischen viele: Hollywood-Produzent Harvey Weinstein, Fox-News-Kommentator Bill O'Reilly, der Schauspieler Kevin Spacey, Fernsehmoderator Matt Lauer und, und, und. Das letzte Urteil über Brett Kavanaugh, Donald Trumps Kandidaten für das Oberste Gericht, ist noch nicht gesprochen worden.

Das System aus Macht, Gewalt und Unterdrückung beginnt zu wanken

Doch die Mauern des Schweigens bröckeln. Langsam, sehr langsam. Das perfide System aus Macht, Gewalt und Unterdrückung beginnt zu wanken, in der katholischen Kirche, in den Medien, im Showbusiness, in der Politik, in Schulen und öffentlichen Institutionen. Männliche Täter können sich nicht länger auf die Bandenmentalität von männlichen Mitwissern verlassen. Immer mehr überwinden die Feigheit, einer Öffentlichkeit gegenüber einzugestehen, ein Unrechtsregime mitgetragen, möglicherweise gar Verbrechen gedeckt zu haben.

Nicht nur als Christ und Mann, sondern vor allem als Vater zweier Töchter fühle ich mich allen verbunden, die aufklären und Aufklärung fordern. Die Frage, ob ich als Mann in Kollektivhaftung genommen werde, interessiert mich weitaus weniger als die Hoffnung, meine Töchter könnten vor Verbrechen bewahrt bleiben, weil Menschen heute die Strukturen und Hintergründe solcher Verbrechen offenlegen. Als Vater bin ich dankbar für eine #MeToo-Bewegung, die Männer vor sexualisierter Gewaltanwendung warnt. Die Unversehrtheit meiner Töchter ist mir wichtiger als die Identitätsnot meiner Geschlechtsgenossen.

#MeToo – das ist doch nur was für Frauen, heißt es. Ach ja? Und Rassismus ist nur was für Minderheiten, Antisemitismus nur was für Juden, Homophobie nur was für Homosexuelle? Nein. Mit sexualisierter Gewalt müssen sich alle befassen, so lange wie nötig.

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