Mögliche große Koalition : Zwölf Berliner Wünsche an die nächste Regierung

Bildung und Wohnen, Arbeit und Rente, Sicherheit und Pflege – viele Aufgaben für eine mögliche neue Koalition. Was erwarten die Berliner Bürger und ihr Regierender Bürgermeister?

Angela Merkel arbeitet gegenwärtig im Bundeskanzleramt als geschäftsführende Kanzlerin.
Angela Merkel arbeitet gegenwärtig im Bundeskanzleramt als geschäftsführende Kanzlerin.Foto: Zinken/dpa

Der Angestellte: Gerrit Glasz, Geschäftsentwickler

Als Angestellter in einem kleinen Unternehmen beziehe ich ein eigentlich ordentliches Einkommen. Doch fast die Hälfte wird von Steuern und Abgaben aufgefressen. Als Alleinstehender ohne Kind ist das noch angemessen. Ich kann gut davon leben. Trotzdem finde ich es erschreckend, wie groß der Anteil ist, den ich abgeben muss. Hätte ich jetzt eine geringverdienende Partnerin und ein Kind, sähe meine Situation schlecht aus. An sich stimme ich dem Grundsatz zu: Je mehr man hat, desto mehr kann man auch abgeben. Dennoch müsste es vonseiten der Politik eine Steuerentlastung für mittlere Einkommen geben. Auch die Schwelle zum Höchststeuersatz sollte meiner Meinung nach angehoben werden. Ich selbst habe parallel zu meiner Arbeit noch ein Fernstudium absolviert. Dabei hätte ich mir gewünscht, dass es neben der steuerlichen Absetzung der Kosten weitere Unterstützungen gegeben hätte – zum Beispiel eine staatliche Subvention. Grundsätzlich wäre es natürlich besser, mehr Netto zu bekommen. Als neue Idee wäre eine berufs- oder ausbildungsbezogene Förderung jedoch eine gute Alternative. Das würde auch Anreize für andere Angestellte schaffen, sich weiterzubilden.

Aufgezeichnet von Ferdinand Moeck

Die Alleinerziehende: Sandra Kurtz, Lehramts-Studentin, zwei Töchter

Ich wünsche mir Entlastung, Entlastung, Entlastung, vor allem zeitlich und finanziell. Wenn ich meine Kinder fördern möchte – schließlich sollen sie in unserer Leistungsgesellschaft mithalten können – sind die bürokratischen Hemmnisse so hoch, dass ich manchmal Tage brauche, um sie zu bewältigen. Und auch die Ämter wissen oft nicht, welche Stelle für wen oder wofür zuständig ist. Meine jüngere Tochter braucht Hilfestellung im schulischen Bereich. Diese zu organisieren, dauert Monate. Auch kann ich mir entweder einen Sportverein oder die Musikschule für meine Töchter, die neun und zehn Jahre alt sind, leisten. Wie gerne würde ich beides. Außerdem würde ich mir wünschen, dass die Elternzeit nicht an ein bestimmtes Alter der Kinder gebunden ist: Warum kann man die nicht ausdehnen, zum Beispiel auf die Zeit, in der die Kinder von der Grundschule auf die Oberschule wechseln? Warum kostet das Schulessen Geld, warum der öffentliche Nahverkehr für Kinder? Wenigstens Alleinerziehende könnten von den Kosten befreit sein oder weniger zahlen müssen. Meine große Tochter geht nicht in den Hort, weil ich es mir nicht leisten kann. Ein weiteres Thema: Ich erwarte, dass die Betreuung meiner Kinder in der Elternzeit sich bei der Rente positiv niederschlägt. Da Frauen ja sowieso schon weniger verdienen als Männer. Mehr Rentenpunkte als Anerkennung der Kindererziehung wären etwas, das mir zeigen würde, dass meine „Arbeit als Mutter“ auch geschätzt wird. Insgesamt geht es mir darum, dass die Politik Strukturen schafft, die mir den Alltag erleichtern und nicht erschweren. Und die mir dadurch mehr Zeit für meine Töchter schenken würden. Mein Gefühl ist insgesamt, dass ich viel zu viel an Ungerechtigkeiten im Alltag hinnehme. Aber Alleinerziehende haben nun mal keine Lobby, sondern sind sogar in diesem reichen Land von Armut bedroht.

Aufgezeichnet von Claudia Seiring

Der Mieter: Denny Chakkalakal, Uni-Mitarbeiter

Das Thema Miete ist die soziale Frage überhaupt. Ich wünsche mir, dass die Politik das endlich begreift. Sie darf sich nicht von der Immobilienwirtschaft treiben lassen. Vor Kurzem haben wir eine Mieterhöhung von 240 Euro bekommen – das ist eine Steigerung um 33 Prozent! Fast das gesamte Gehalt meiner Partnerin geht jetzt für die Miete drauf. Wir leben in Neukölln, gehören zur mittleren Einkommensklasse. Wegen der hohen Miete können wir nicht für die Rente vorsorgen. Andere in unserem Haus sind Sozialhilfeempfänger, die bringt die Mieterhöhung jetzt schon in die Bredouille. Unsere Städte werden langsam wie London oder Paris, wo sich nur noch die Reichen eine zentrale Wohnlage leisten können. Leider scheinen solche Themen in den Sondierungen überhaupt keine Rolle zu spielen. Schon die alte große Koalition hat nichts getan für uns Mieter, die Mietpreisbremse ist ein Witz. Vielleicht kann der Bund Baugrund für Sozialwohnungen zur Verfügung stellen oder Gesetze schaffen, die den Immobilienmarkt unattraktiver für Spekulanten machen. Dass eine neue Groko das hinbekommt, da bin ich allerdings skeptisch.

Aufgezeichnet von Paul Starzmann

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