Notstand in der Pflege : Grüne fordern Weiterbildungsoffensive für Hilfskräfte

Pflegefachkräfte sind immer schwerer aufzutreiben. Hilfskräfte allerdings gäbe es in großer Zahl. Die Grünen drängen deshalb auf eine Weiterbildungsoffensive.

Viele Heime haben Mühe, Pflegepersonal zu finden. Gesucht werden vor allem Fachkräfte.
Viele Heime haben Mühe, Pflegepersonal zu finden. Gesucht werden vor allem Fachkräfte.Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Um den Pflegenotstand in Altenheimen und Krankenhäusern zu lindern, verlangen die Grünen von der Bundesregierung Sofortmaßnahmen. Nötig sei vor allem zweierlei, sagte Fraktionschefin Katrin Göring-Eckardt dem Tagesspiegel: ein Wiedereinstiegsprogramm für vorhandene Fachkräfte und eine Weiterbildungsoffensive für Pflegehilfskräfte. Für beides müsse die Bundesregierung „dringend Geld in die Hand nehmen“.

Göring-Eckardt wirft Minister Tatenlosigkeit vor

Mit dieser Doppelmaßnahme könnten Tausende von Pflegekraftstellen besetzt werden, betonte Göring-Eckardt. Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) müsse „jetzt seinen Job machen, damit die Pflegekrise nicht zu einer Pflegekatastrophe wird“. Die Fachkräftekrise in der Pflege spitze sich immer weiter zu, und der Minister sehe „der Verschärfung auf dem Arbeitsmarkt tatenlos zu, auch wenn die Folgen für die Pflege katastrophal sind“.

Tatsächlich wird es für Heime und Kliniken immer schwieriger, auf dem Arbeitsmarkt Pflegefachkräfte zu bekommen. Oft können Stellen monatelang nicht besetzt werden. Ein Teufelskreis, denn dadurch werden die vorhandenen Arbeitskräfte noch stärker belastet.

Immer weniger arbeitssuchende Fachkräfte

Dass die Kluft zwischen offenen Pflegestellen und der Zahl arbeitssuchender Pflegekräfte immer weiter auseinander geht, belegen Statistiken der Bundesagentur für Arbeit. Nach Auskunft der Bundesregierung, die sich darauf bezieht, kamen im Jahr 2011 in der Krankenpflege rein rechnerisch auf 100 offene Stellen 61 Arbeitssuchende. Sechs Jahre später waren es nur noch 41.

In der Altenpflege ist die Misere noch gravierender. Hier lag das Verhältnis von offenen Stellen zu Arbeitssuchenden im vergangenen Jahr bei 100 zu 21. 2011 kamen hier auf 100 Stellen noch 38 Arbeitssuchende. In Alten- wie Krankenpflege ist die Kluft zwischen Arbeitsangebot und -nachfrage damit so groß wie noch nie.

Zahlen der Bundesregierung besagen, dass in der Pflege schon jetzt mindestens 36.000 Fachkräfte fehlen. Das im Koalitionsvertrag vereinbarte Sofortprogramm für 8000 zusätzliche Stellen für Alten- und Krankenpflege zusammen ist also von vornherein viel zu niedrig angesetzt. Die verlegene Begründung der Koalitionsexperten: auf die Schnelle ließen sich ohnehin nicht mehr Pflegekräfte auftreiben. Allerdings hat Spahn vor kurzem angekündigt, doch etwas mehr Stellen schaffen zu wollen. „Wenn es am Ende mehr als 10.000 neue Pflegekräfte würden, wäre mir das auch recht."

Enormes Potenzial an Hilfskräften

Gleichzeitig schlummert in der Branche aber offenbar noch ein enormes Potenzial an Arbeitskräften. Nach den aktuellsten Zahlen der Agentur für Arbeit vom April 2018 sind in der Altenpflege derzeit zwar nur 6558 Fachkräfte als arbeitssuchend gemeldet. Gebraucht würden mehr als doppelt so viele, nämlich 15.263.

Bei den Hilfskräften sieht es jedoch ganz anders aus. Hier liegt die Zahl der Arbeitssuchenden bei 56.774 und die der offenen Stellen bei grade mal 8.539. Für Pflegehilfskräfte übertrifft das Angebot die Nachfrage also trotz allen Wehklagens nach wie vor bei weitem.

In der Krankenpflege ist es ähnlich. Auf 10.795 arbeitssuchende Fachkräfte (inklusive Rettungsassistenten und Hebammen) kommen derzeit 12.055 offene Stellen. An Hilfskräften werden in Deutschlands Krankenhäusern momentan nur 1580 gesucht. Als arbeitssuchend für solche Jobs sind jedoch 10.801 Personen registriert.

Auch höhere Bezahlung wäre wichtig

Durch eine zügige Weiterqualifizierung aller geeigneten Pflegehilfskräfte zu Fachkräften könne man der Krise auf dem Pflegearbeitsmarkt fürs erste wirkungsvoll begegnen, ist sich Göring-Eckardt sicher. Dazukommen müsse allerdings weiteres: bessere Arbeitsbedingungen mit familienfreundlicheren Arbeitszeiten und eine höhere Bezahlung.

Momentan erhalten ausgebildete Altenpflegekräfte für ihren Vollzeitjob im Monat brutto gerade mal 2621 Euro. Das ist der bundesweite Durchschnittswert. In bestimmten Regionen wie etwa in Sachsen-Anhalt gehen Fachkräfte der Altenpflege trotz ihres aufreibenden Jobs mit nicht mal 2000 Euro nach Hause.

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