Schulbeginn 2018 : Was müssen unsere Kinder künftig wissen?

Die Berliner Erstklässler starten in den Unterricht. Bereitet die heutige Schule die Kinder auf die Welt von morgen vor? Fragen und Antworten.

Ein großer Tag für die Kleinen: die Einschulung
Ein großer Tag für die Kleinen: die EinschulungFoto: Bernd Wüstneck, dpa

Einschulung – Der große Tag ist da, und mit ihm die großen Erwartungen der Schulanfängerinnen und Schulanfänger und der Eltern. Was kommt auf sie zu, was wird wichtig, um sie auf die Welt von morgen vorzubereiten?

Was brauchen die Kinder für die globalisierte Welt?

Erstklässlerinnen und Erstklässler sind neugierig, kommen voller Tatendrang und Begeisterung in die Schule und wollen lernen. Damit haben sie perfekte Voraussetzungen, sich in einer Welt des Wandels immer wieder neu zurechtzufinden. „Es geht also darum, den Kindern ihre Neugier zu erhalten“, benennt die Hamburger Erziehungswissenschaftlerin Dagmar Bergs-Winkels eine Hauptaufgabe von Schule: Das, was Kinder intuitiv mitbringen, müssten die Lehrer in Lernstrategien und Grundlagenbildung überführen.

Das große Ziel dahinter hat die Unesco in ihrer Bildungsagenda 2030 formuliert: Schule soll Schüler darauf vorbereiten, ihren Beitrag für die Lösung der globalen Probleme zu leisten – von der Bekämpfung der Armut bis hin zum nachhaltigen Konsum, Klima- und Naturschutz. Immer mehr Schulen schicken ihre Schüler schon frühzeitig in Altenheime, Kitas oder ins Ausland, um einen umfangreichen Blick auf die Welt zu bekommen. „Neue Formen des Lernens und Zusammenarbeitens sind notwendig, um die Zukunftsgestalter von morgen zum Handeln zu befähigen und die Global Goals umzusetzen“, sagt die deutsche Bildungsvordenkerin Margret Rasfeld.

Was bedeutet das für die Lehrkräfte?

Die rasanten Veränderungen haben Folgen für die Lehrkräfte. Jahrzehntelang hätten diese durchaus das Gefühl gehabt zu wissen, worauf sie Kinder vorbereiten müssen, sagt Birgit Eickelmann, Professorin für Schulpädagogik in Paderborn. Heute sei genau das anders: „Die große Herausforderung ist, dass die Schule auf eine Zukunft vorbereiten muss, die sie selber noch nicht kennt.“ Für Eickelmann geht es daher um Übergeordnetes: „Kinder müssen einen Weg finden, um selbstbestimmt und reflektiert leben zu können.“

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Sollten Schüler einen bestimmten Wissenskanon kennen?

„Was man heute wissen muss: ein moderner Kanon aus hundert Meisterwerken“ – so titelte unlängst die „Zeit“. Dazu gehörten „Hamlet“ und „Faust“ genauso wie Wagner-Opern und Beatles-Songs. Listen von vermeintlich zwingenden Wissen aufzustellen, ist seit der Antike populär. Erziehungswissenschaftler halten davon weniger. „Angesichts des rasant wachsenden Wissens halte ich es für unmöglich, einen solchen Bildungskanon aufzustellen", sagt Detlef Pech, Direktor der School of Education an der Humboldt-Universität. Entscheidend ist für ihn dagegen, dass Schülerinnen und Schüler bestimmte Fähigkeiten erlernen. „Es gibt drei zentrale Momente, die für mich die Grundidee von Schule ausmachen“, sagt Pech. „Erstens: Zu lernen, wie man an Wissen herankommt. Zweitens: Zu lernen, welche Methoden es dafür gibt, wie sie sich unterscheiden und welche für eine Frage die beste ist. Und drittens: Zu lernen, wie man überprüft, dass die gewonnenen Erkenntnisse tatsächlich stimmen.“

Auch für Bergs-Winkels geht es um Fähigkeiten – wie es ja auch mit der Kompetenzorientierung in Lehrplänen längst umgesetzt ist. Sie verweist auf Donata Elschenbroichs Buch „Weltwissen für Siebenjährige“, in dem die Autorin beschreibt, was Kinder alles erfahren haben sollten. Etwa, ein Geheimnis für sich behalten zu können, oder die Natur als Freundin wie als Feindin erlebt zu haben. „Je vielfältiger die Angebote für Kinder, desto besser.“

Bereitet die heutige Schule die Kinder auf die Welt von morgen vor?

Ein Beispiel: Digitalisierung. Zwar mangelt es vielerorts immer noch an der Ausstattung für einen modernen Unterricht. „Dennoch bekommen es Schulen immer besser hin, digitale Lernformate einzusetzen, Mediennutzung zu reflektieren“, sagt Eickelmann, deren Forschungsschwerpunkt digitale Schul- und Unterrichtsentwicklung ist. Gerade in der Grundschule müsse es darum gehen, die globalen Megathemen auf die Lebenswirklichkeit der Kinder herunterzubrechen: etwa, an einem Umweltprojekt vor Ort den Klimawandel zu verdeutlichen.

Was können Eltern zum Lernerfolg der Kinder beitragen?

Natürlich haben auch die Eltern eine Schlüsselrolle. Nicht nur Zuwendung, viel Ansprache und regelmäßiges Vorlesen sollten von Anfang an zum Leben mit dem Kind dazugehören, sondern auch, dass Eltern ihren Kindern vorleben, was Pflichten sind. Sie achten darauf, dass das Kind einen geregelten Tagesablauf hat, dass Bildung wertgeschätzt wird, dass auch Pünktlichkeit von Bedeutung ist.

„Erziehung bedeutet, viel Geduld und Empathie zu haben“, sagt Eickelmann. Ihrer Meinung nach helfen Eltern ihren Kindern am besten, wenn sie sie bestärken, offen für anderes zu sein, und sie immer wieder motivieren, Dinge zu hinterfragen. Nun können beim Thema Schule alle mitreden, da alle sie durchlaufen haben. Genau das hält Detlef Pech für ein Problem: „Es ist für Eltern schwer, die eigenen Erfahrungen in den Hintergrund zu rücken.“ Eben das rät er aber. Zwar sei die Schule durchaus in der „Begründungspflicht“ – sprich: Eltern hätten ein Recht zu erfahren, auf welche didaktischen Konzepte sich eine Einrichtung stützt. Wenn diese erkennbar seien, solle man das aber Aushalten, auch wenn es nicht den eigenen Erfahrungen und Erinnerungen entspricht, empfiehlt Pech.

Ab welchem Alter soll man Kindern Smartphones und Computer ins Kinderzimmer stellen?

Von Verboten hält Eickelmann wenig. Kinder würden eh mit Smartphones aufwachsen: „Es geht also nicht um die Frage, ab wann, sondern in welcher Form.“ Erarbeiten Eltern Regeln zum Umgang mit Handys mit ihren Kindern, gehen diese reflektiert damit um? „Die begleitete Nutzung ist entscheidend.“

Sollen die Kinder mit Büchern oder Tablet lesen lernen?

„Wichtig ist, dass Kinder überhaupt lesen lernen“, sagt Eickelmann. Ob das mit einem E-Book oder gedruckten Buch geschehe, sei „irrelevant“, auch wenn sie den nostalgischen Wert eines schönen Kinderbuches durchaus zu schätzen wissen. Entscheidend sei vielmehr, dass Eltern das Lesen begleiten: indem sie ihrem Kind Fragen zu den gelesenen Büchern beantworten und dem Kind die Möglichkeit geben, die Lektüre zu reflektieren.

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