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Studie zur Gemeinschaftswährung : Der Euro hat Italiener und Franzosen ärmer gemacht

Ohne den Euro wäre der Wohlstand in Europa anders verteilt, sagt eine Studie. Ökonomen kritisieren deren Ausrichtung.

Vor allem Griechenland und Italien leiden darunter, dass sie im Euro nicht mehr abwerten können.
Vor allem Griechenland und Italien leiden darunter, dass sie im Euro nicht mehr abwerten können.Foto: picture alliance / dpa

Vor allem in Italien und Frankreich hat der Euro seit seiner Einführung als Buchgeld im Jahr 1999 zu Wohlstandseinbußen in Milliardenhöhe geführt. Deutschland hat hingegen vom Euro profitiert. Dies geht aus einer Studie der Freiburger Denkfabrik „Centrum für Europäische Politik“ (cep) hervor. Die cep-Wissenschaftler Alessandro Gasparotti und Matthias Kullas stellen in der Studie eine Art Gedankenspiel an, welche Auswirkungen ein Verzicht auf die Einführung der Gemeinschaftswährung vor zwei Jahrzehnten in ausgewählten Euro-Ländern gehabt hätte. Staaten wie Frankreich und Italien hatten zuvor die Möglichkeit, ihre Wettbewerbsfähigkeit durch die Abwertung ihrer Währungen gegenüber der D-Mark zu stärken. Diese Möglichkeit haben sie mit dem Euro nicht mehr.

Vergleich mit Ländern, die den Euro nicht einführten

Die Forscher wandten eine Methode an, bei der die Entwicklung des Bruttoinlandsproduktes (BIP) in acht ausgewählten Euro-Ländern seit der Einführung des Euro zur Grundlage gemacht wird. Diese Daten aus Deutschland, den Niederlanden, Griechenland, Spanien, Belgien, Portugal, Frankreich und Italien werden mit den Zahlen aus Ländern verglichen, die den Euro nicht einführten und mit den jeweiligen Staaten ökonomisch vergleichbar sind. Im Fall Italiens war dabei der Vergleich mit Großbritannien, Australien, Israel und Japan maßgeblich. Die Entwicklung in Frankreich wurde mit der Lage in Australien und Großbritannien verglichen.

Die Vergleichsländer wurden nach drei Kriterien ausgewählt: Ihre BIP-Entwicklung vor der Euro-Einführung musste der der Euro-Länder ähneln. Sie durften während der Vergleichszeiträume keine größeren Reformen durchgeführt haben, die zur Anhebung oder Senkung des Inlandsproduktes führten. Und sie durften nicht von „länderspezifischen Schocks“ betroffen sein, um die Ergebnisse nicht zu verfälschen.

In Italien büßte laut der Studie jeder Einwohner 73.605 Euro ein

Schließlich kam die Studie zu dem Ergebnis, das der Euro in Italien zwischen 1999 und 2017 zu einer Wohlstandseinbuße von 73.605 Euro pro Einwohner geführt habe. Für jeden Bürger in Frankreich waren es im selben Zeitraum 55.996 Euro. Für die zurückliegenden zwei Jahrzehnte kommt das cep für Italien insgesamt zu einer Wohlstandseinbuße von 4,3 Billionen Euro, während es für Frankreich 3,6 Billionen Euro sind. Negativ verlief die Entwicklung auch in Portugal, Belgien und Spanien.

Deutschland steht auf der Gewinnerseite

Auf der Gewinnerseite steht Deutschland mit einem Plus pro Einwohner von 23.116 Euro in den vergangenen zwei Jahrzehnten. Auch für die Niederlande zahlte es sich pro Bürger mit einem Betrag von 21.003 Euro aus, dass 1999 die Gemeinschaftswährung eingeführt wurde. In Griechenland, wo der Beitritt zur Euro-Zone erst zu sehr großen Wohlstandsgewinnen führte und dann mit der Euro-Krise die Blase platzte, kommt per Saldo ein kleiner Wohlstandsgewinn von 190 Euro pro Einwohner heraus.

Für Italien und Frankreich, die vom Euro demnach bisher nicht profitieren konnten, schlägt das cep Strukturreformen vor. Insbesondere Italien habe innerhalb der Euro-Zone keine Möglichkeit gefunden, wettbewerbsfähig zu werden. Gegenwärtig litten vor allem noch Griechenland und Italien darunter, dass sie ihre Währung nicht mehr abwerten können.

Das cep kommt zu dem Schluss, dass trotz des Eingreifens der Europäischen Zentralbank (EZB), durch das ein Auseinanderbrechen des Euro verhindert wurde, „das Problem der divergierenden Wettbewerbsfähigkeit der Euro-Staaten“ weiterhin ungelöst bleibe. „20 Jahre nach seiner Einführung ist der Euro somit umstrittener denn je“, lautet das Fazit der Wissenschaftler.

Ökonomen stellen die Vergleiche in Frage

Marcel Fratzscher vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) hält die Resultate der Studie „für nicht belastbar“, da die angewandte Methodik für die Fragestellung „nicht geeignet“ sei. „Vor allem Länder wie Italien und Spanien haben durch die hohe Glaubwürdigkeit und die Stabilität des Euro stark profitieren können“, sagte Fratzscher dem Tagesspiegel: „Der Euro ist nicht verantwortlich für die Schuldenkrise in Europa, sondern die Fehler nationaler Regierungen.“

Auch der Präsident des Münchner ifo-Instituts, Clemens Fuest, hält nichts von den Vergleichen: „In der Öffentlichkeit vorgetragene Thesen darüber, welche Länder Gewinner oder Verlierer der gemeinsamen Währung sind, haben in der Regel keine seriöse Grundlage“, so der Ökonom. Seriös beantworten könne man lediglich die Frage nach der wirtschaftlichen Entwicklung einzelner Länder seit der Euro-Einführung. Auch Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer hält es nicht für sinnvoll, die Mitgliedsländer in Verlierer und Gewinner aufzuteilen: „Wenn die Währungsunion das Stabilitätsversprechen des Maastricht-Vertrags erfüllte, wären alle Länder Gewinner.“

Auch die EU-Kommission kritisiert die Studie

Die EU-Kommission kritisierte ebenfalls den Ansatz der Studie. Eine gute analytische Arbeit und eine robuste Methodik seien ein Muss, um die Ursachen für die unterschiedlichen Politiken und die Entwicklung des Bruttoinlandsproduktes eines Landes zu beurteilen, erklärte ein Sprecher der Kommission in Berlin. "Die schwache Methodik der cep-Studie ist bei weitem nicht  geeignet, eine so solide Analyse zu liefern", fügte er hinzu. (mit dpa)

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