Trumps Deal mit den Taliban : Der Krieg in Afghanistan war falsch

Trump will raus aus Afghanistan. Damit hat er Recht. Mehr als das unrühmliche Ende eines unsinnigen Krieges wird er nicht erreichen. Ein Kommentar.

Spuren eines Krieges, der nicht gewonnen werden konnte.
Spuren eines Krieges, der nicht gewonnen werden konnte.Foto: Wakil Kohsar/AFP

Dieser Krieg dauerte länger als 18 Jahre. Er kostete mehr als eine Billion Dollar, 2400 US-Soldaten kamen ums Leben und 150.000 Afghanen. Deutschland kostete die Mission zehn Milliarden Euro, 59 Bundeswehrsoldaten kamen ums Leben. Im Jahr 2018 starben die meisten Zivilisten, die US-Luftwaffe warf die meisten Bomben ab.

Trump schließt mit Taliban Vereinbarung zu Afghanistan

Und das Resultat? Die Regierung in Kabul kontrolliert nicht einmal die Hälfte des Landes, die politischen Gruppierungen sind zerstrittener denn je, vielerorts diktieren die radikalislamischen Taliban das Geschehen, eine herausragende Stellung nimmt das Land allein in der weltweiten Opiumproduktion ein. Nach 18 Jahren ist klar: Der Afghanistankrieg war ein Debakel.

Das soll nun mühsam kaschiert werden. Nach knapp anderthalbjährigen Verhandlungen in Doha schließen die USA eine Vereinbarung mit den Taliban, die den Abzug amerikanischer Soldaten einleiten und helfen soll, den Krieg zu beenden. Das Ziel sei eine dauerhafte Waffenruhe, heißt es.

Doch das eigentliche Ziel von US-Präsident Donald Trump ist es, sein Versprechen zu halten und die US-Truppen nach Hause zu holen. Denn die Amerikaner haben diesen Krieg satt. Sie wissen, dass die Taliban, die früher bezichtigt worden waren, „das Blut von Amerikanern an ihren Händen“ zu haben, nicht zu besiegen sind.

Sie wissen, dass es keinen Sinn mehr hat, das militärische Engagement zu verlängern. Und sie wollen, dass ihnen zumindest schmachvolle Bilder wie nach dem überstürzten Abzug aus Saigon erspart bleiben, die bis heute mit dem Vietnamkrieg verbunden sind.

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USA und Taliban schließen Friedensabkommen
USA und Taliban schließen Friedensabkommen

Auch wenn es für jene Afghanen bitter ist, die jetzt freier leben, als es unter der Taliban-Herrschaft möglich war: Der „Westen“ ist überfordert damit, als permanente Schutzmacht in einigen Sicherheitszonen zu fungieren. Demokratie und Liberalismus lassen sich auf Dauer so nicht gewährleisten.

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Nach den Persern und Mongolen, den Briten und Sowjets hat nun also der „Westen“ seine Lektion in Afghanistan verpasst bekommen. Dabei schien alles richtig zu sein. Nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 galt dieser Krieg als notwendig im „Kampf gegen den Terror“.

Es gab ein UN-Mandat, die Nato rief zum ersten Mal in ihrer Geschichte den Bündnisfall nach Artikel 5 ihrer Charta aus. Die Taliban sollten entmachtet, Al Qaida zerschlagen, Frauenrechte eingeführt, die Demokratie exportiert werden. Das „nation building“ sah den Aufbau von Justiz, Verwaltung, Infrastruktur und Bildung vor.

Kanzler Schröder versicherte seine „bedingungslose Solidarität“

Da wollte auch Deutschland nicht abseits stehen. Bundeskanzler Gerhard Schröder versicherte der US-Regierung seine „bedingungslose Solidarität“, Verteidigungsminister Peter Struck beteuerte, die Sicherheit der Bundesrepublik werde auch am Hindukusch verteidigt, im Parlament formierte sich eine große Allianz – bestehend aus CDU, CSU, FDP, der Mehrheit der SPD sowie etlichen Grünen -, die den Bundeswehr-Einsatz unterstützten.

Wer Zweifel an der Mission äußerte, wurde als „Appeaser“ verspottet und als naiv verlacht, wie etwa die ehemalige EKD-Ratsvorsitzende Margot Käßmann, die am Abend des 1. Januar 2010 in ihrer Neujahrspredigt gesagt hatte: „Nichts ist gut in Afghanistan.“ Das klang in den Ohren vieler Kommentatoren wie der fromme Wille, den Terroristen die andere Wange hinzuhalten. Es klang nach Kerzen,  und Räucherstäbchen, nach Utopie und Vision.

Afghanistan ist heute „überwiegend gesetzlos, schwach und dysfunktional“

Die Gegenbotschaft lautete: Wir machen Fortschritte. Krankenhäuser wurden gezeigt und Mädchen, die zur  Schule gingen. 18 Jahre lang hieß es: Wir machen Fortschritte. Aber das stimmte nicht. Es war Augenwischerei. Nach Einschätzung des US-Justizministeriums ist Afghanistan heute „überwiegend gesetzlos, schwach und dysfunktional“.

Mullah Abdul Ghani Baradar, der politische Chef der Taliban, in Doha.
Mullah Abdul Ghani Baradar, der politische Chef der Taliban, in Doha.Foto: Karim Faafar/AFP

Im vergangenen Dezember wurden die so genannten „Afghanistan Papers“ veröffentlicht. Das 2000-Seiten-Dossier war ursprünglich streng geheim, weil es entlarvt, wie hemmungslos die Zustände in dem Land von Regierung und Militär schöngeredet und die Gefahrenlage verharmlost worden war.

Eine Terrororganisation wie Al Qaida ist flexibel und mobil

Afghanistan, Irak, Libyen, Syrien: Das vom Westen mitverursachte Desaster in der Region ist ebenso offenkundig wie die daraus resultierende Ratlosigkeit. Sie erinnert an Wilhelm Busch: „Ohne Hören, ohne Sehen / Steht der Gute sinnend da; / Und er fragt, wie das geschehen, / Und warum ihm das geschah.“

Einsicht und Selbstbescheidung sind gefragt. Zur Einsicht gehört das Bekenntnis: Der Krieg in Afghanistan war falsch. Eine Terrororganisation wie Al Qaida ist flexibel und mobil. Irgendwo auf der Welt finden Dschihadisten immer eine Bleibe. Doch wie sonst soll der Kampf gegen den Terrorismus geführt werden?

An diesem Punkt kommt die Selbstbescheidung ins Spiel. Notwendig sind Grenzen, die kontrolliert werden, damit ein Staat weiß, wer kommt und geht. Notwendig sind Geheimdienste, die mit neuester Technik und ausreichender Sprachkunde ausgestattet sind, um Gefahren frühzeitig zu erkennen.Notwendig ist eine qualifizierte Integrationspolitik, um möglichen Radikalisierungen vorzubeugen. Trump will raus aus Afghanistan. Damit hat er Recht. Mehr als das unrühmliche Ende eines unsinnigen Krieges wird er nicht erreichen. Aber immerhin das kann mit der Vereinbarung von Doha eingeleitet worden sein

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