Verlassen und Rechts : Der einsame Osten

Trotz Aufschwung wird die AfD in Sachsen und Brandenburg am meisten gewinnen. Warum die Menschen im Osten radikaler wählen als im Westen. Eine Analyse.

Sebastian Turner
Das Tanzvergnügen, das 1990 im Hafen von Rostock plakatiert wird, findet im Kulturhaus des VEB Fischfang statt.
Das Tanzvergnügen, das 1990 im Hafen von Rostock plakatiert wird, findet im Kulturhaus des VEB Fischfang statt.Foto: Imago/Dieter Matthes

Der Fall der Mauer hat den Menschen in den neuen Ländern so viele unbestreitbare Vorteile gebracht, dass die wirtschaftlichen Erklärungen, warum Ostdeutsche mehr als Westdeutsche dazu neigen, radikale Parteien zu wählen, nicht überzeugen. Die angeblichen Verlierer im Osten haben reale Kaufkraft, dichte Fenster und zehn Jahre Lebenserwartung hinzugewonnen.

Wenn sie ihre Lebensumstände nicht nur mit Winterhude und Wiesbaden, sondern auch mit Wilhelmshaven oder Warschau vergleichen, dann ist der enorme Wohlstandssprung, der mit ungezählten Transfermilliarden erkauft wurde, von niemandem zu leugnen.

Nicht zu leugnen ist aber auch die Unzufriedenheit, die eben nicht nur am Geld hängt und daher mit noch mehr Geld auch nicht zu überwinden wäre – weshalb man in Wahlgeschenke in Form von noch mehr Transfergeld wenig Hoffnung setzen sollte, als Wahlkämpfer und als Wähler.

Die Jungen nehmen sich die Freiheit

Der bulgarisch-britische Europavordenker Ivan Krastev hat in seiner ersten Heimat eine Beobachtung gemacht, die auch auf die neuen Länder zutrifft: Die Jugend verschwindet. Erst nehmen sich die tüchtigen jungen Frauen, dann auch die jungen Männer die Freiheit, die ihnen das freizügige Europa und Deutschland bieten – und gehen.

[Mehr zum Thema: Eine kleine Psychoanalyse der AfD – was die Rechten in Ostdeutschland so erfolgreich macht]

Die Ungleichheit besteht nicht zwischen Ost und West, sondern im Osten zwischen den mobilen Jungen und den vereinsamenden Alten. Nicht das geringere Einkommen bedrückt, sondern das Verlassensein, die Einsamkeit.

Sie grassiert im Osten, wie sich Westdeutsche das nicht vorstellen können. Mit dem Bankrott der DDR ging nicht nur ein großer Teil der DDR-Betriebe unter, sondern mit ihnen auch zahllose Orte der Gemeinschaft und Geselligkeit, weil sie – anders als im Westen – betrieblich organisiert waren.

Als im Westen strukturbestimmende Großbetriebe wie die AEG, Borgward oder Triumph-Adler untergingen, verschwanden nicht gleichzeitig auch der Schützenverein, der Fußballklub und die Tanzgruppe. Ganz im Gegenteil, sie konnten den Entlassenen Halt und Gemeinschaft bieten.

Im Osten ist dagegen mit den Firmen immer auch ein großer Teil des gesellschaftlichen Lebens erloschen. Mit dem Kombinat verschwand erst die Gemeinschaft und dann die nächste Generation.

Die radikalen Führungsfiguren kommen aus dem Westen

Zum Gesamtbild gehört, dass der Osten Deutschlands von 1945 bis heute in einem fort Millionen Menschen mit Gestaltungsdrang verjagt oder verloren hat, einst als Flüchtlinge und Ausreisewillige, heute schlicht als Fortzügler. Der Aderlass an Führungspersönlichkeiten zeigt sich nirgendwo so deutlich und zugleich absurd wie am rechten Rand.

[Mehr zum Thema: Tagesspiegel-Umfrage zur Landtagswahl – SPD in Brandenburg schließt zur AfD auf]

Die radikalen Führungsfiguren des Ostens sind fast ausnahmslos Wirtschaftsflüchtlinge aus dem Westen, wie der Oberschwabe Götz Kubitschek in Sachsen-Anhalt, der Westfale Björn Höcke in Thüringen oder der Bayer Andreas Kalbitz in Brandenburg.

Die Menschen im Osten bedrückt der Mangel an Jugend mit Initiative, die nötig ist, um neues Gemeinschaftsleben zu stiften und das Ausbluten und Vereinsamen zu stoppen. Demokratische Wahlkämpfer brauchen hierfür wirksame Ideen. Und die Wähler die Einsicht, dass Hass gegen Fremde und die Spaltung der Gesellschaft keines ihrer Kümmernisse beheben werden. Ganz im Gegenteil: Je mehr sie sich abschotten, umso einsamer wird es um sie.

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