• Das große Heimweh in der Bundesliga: Gomez, Wagner, Terodde: Wenn die Heimat ruft

Das große Heimweh in der Bundesliga : Gomez, Wagner, Terodde: Wenn die Heimat ruft

Mario Gomez, Sandro Wagner oder Simon Terodde zieht es zu den Klubs ihrer Jugend zurück - jetzt fehlt nur noch Lukas Podolski und seine Rückkehr nach Köln

Wo geht's denn hier nach Hause? Mario Gomez (vorne) kennt den Weg.
Wo geht's denn hier nach Hause? Mario Gomez (vorne) kennt den Weg.Foto: dpa

Für Mario Gomez ist der Wechsel zum VfB Stuttgart ein tiefer Einschnitt in seiner Karriere. Im hohen Fußballeralter von inzwischen 32 Jahren hat der Nationalspieler von einer lieb gewonnenen Angewohnheit Abschied nehmen müssen. Und die Umstellung ist ihm alles andere als leichtgefallen. Zum ersten Mal seit Menschengedenken trägt Gomez nicht die Nummer 33 auf dem Rücken; die gehört in Stuttgart seinem neuen Kollegen Daniel Ginczek. Aber Gomez hat sich schon mal prophylaktisch bei ihm für den Fall entschuldigt, dass er aus Versehen eines seiner Kleidungsstücke mit der 33 anzieht. Der Mensch ist nun mal ein Gewohnheitstier.

Von der Rückennummer abgesehen dürfte dem Neuen die Umstellung beim VfB nicht allzu schwer fallen – weil der Neue in Wirklichkeit ein Alter ist. Gomez hat schon in der Jugend für den VfB gespielt, er ist in Stuttgart Nationalspieler und Torschützenkönig der Fußball-Bundesliga geworden und 2007 Deutscher Meister, ehe es ihn vor achteinhalb Jahren hinauszog in die große Welt. "Das ist mein Verein, hier bin ich zum Mann geworden", sagt der Stürmer. Ohne diese emotionale Komponente hätte es seinen überraschenden Wechsel vom VfL Wolfsburg, wo Gomez immerhin Kapitän war, ins Schwabenland wohl nicht gegeben.

Nachdem der VfB Stuttgart in der gesamten Hinrunde nur 13 Tore erzielt hatte, stand die Verpflichtung eines neuen Stürmers ganz oben auf der Agenda des Sportvorstands Michael Reschke, der sich mit Trainer Hannes Wolf schließlich auf zwei Wunschkandidaten verständigte: auf einen jungen Argentinier namens Maxi Romero und einen gestandenen deutschen Nationalspieler, der im Sommer Weltmeister werden will. Bei einem der beiden war Reschke hinsichtlich der Realisierbarkeit recht zuversichtlich, beim anderen eher skeptisch. "Ich glaube nicht, dass uns das gelingt", sagte er zu Trainer Wolf. Reschke meinte die Verpflichtung von Mario Gomez.

Gomez hat beim VfB Stuttgart noch was vor

Es ist halt etwas anderes, ob der Rekordmeister und Tabellenführer Bayern München einen Stürmer vom Bundesligasiebten Hoffenheim verpflichten will oder der Vierzehnte Stuttgart einen Stürmer vom Zwölften Wolfsburg. Und doch gibt es eine Parallele zwischen dem Transfer von Sandro Wagner nach München und dem von Gomez nach Stuttgart. Beide kehren jeweils zu dem Verein zurück, in dessen Jugend sie groß geworden sind und bei dem sie vor mehr als einem Jahrzehnt ihr Bundesligadebüt gefeiert haben. "Für mich war klar, dass ich nach Hause will zu meinem Verein", hat Sandro Wagner gesagt.

Dieses Gefühl hatte er offenbar nicht für sich allein. Kurz vor Weihnachten ist im deutschen Fußball das große Heimweh ausgebrochen, es schien, als wäre "Driving home for Christmas" zur neuen Erkennungsmelodie des Transfermarkts geworden. Anthony Ujah, 27, kehrte aus China zu Mainz 05, seinem ersten Klub in der Bundesliga, zurück, Wagner, 30, zu den Bayern und Simon Terodde, 29, zum 1. FC Köln – woraufhin in Stuttgart sein Platz für Mario Gomez frei wurde.

Sportvorstand Reschke hatte bei Gomez das Gefühl: "Der wollte einfach zum VfB Stuttgart wechseln." Aber damit kein falscher Eindruck aufkommt, hat Gomez bei seinem ersten Medienauftritt nach dem Wechsel klargestellt, dass für seine Entscheidung vor allem sportliche Gründe entscheidend waren – und keineswegs nostalgische Anwandlungen. Dass er ein Angebot von seinem Heimatverein bekommen habe, sei "ein superschönes Extra" gewesen. "Es hat in mir drin schon etwas ausgelöst." Aber: "Ich bin nicht nach Stuttgart gekommen, um hier Fritzle zwei zu machen und mit dem VfB in Rente zu gehen", sagt Gomez. "Ich bin noch nicht fertig. Ich will noch ein bisschen. Ich kann auch noch ein bisschen."

Solche Rückholaktionen, zumal bei Spielern, die bereits ein gewisses Alter erreicht haben, kann man durchaus kritisch sehen: Da versucht es einer am Ende seiner Karriere noch einmal auf die bequeme Art, sucht Nestwärme statt echter Herausforderungen. Vielleicht auch deshalb ist ein gestandener Bundesligamanager wie Max Eberl von Borussia Mönchengladbach ein erklärter Gegner solcher Nostalgietransfers.

"Identifikation ist wichtig", sagt Rückkehrer Christoph Kramer

Diese Einstellung hat ihn aber nicht davon abgehalten, im Sommer 2015 mit viel Geld (und am Ende trotzdem erfolglos) um den Ex-Gladbacher Dante zu buhlen; sie hat ihn nicht davon abgehalten, im vergangenen Sommer den Ex-Gladbacher Raul Bobadilla aus Augsburg zurückzuholen, genauso wenig wie ein Jahr zuvor den Ex-Gladbacher Christoph Kramer aus Leverkusen. Keine Regel ohne Ausnahmen. Kramer, so erzählt Eberl, habe ihm "in einer unglaublichen Art und Weise signalisiert, dass er diesen Verein über alle Maßen schätzt".

Das passt nicht ganz zu der vorherrschenden Meinung, dass moderne Fußballprofis bei ihrer Karriereplanung nur an ihren Kontostand denken. "Ich glaube, dass Identifikation im Profifußball nicht so unwichtig ist", sagt Kramer. Er war von Bayer Leverkusen, seinem Jugendklub, nach Mönchengladbach ausgeliehen, wurde dort Bundesliga-, Nationalspieler und Weltmeister und musste schließlich nach Leverkusen zurück. Er sei gerne Spieler von Bayer Leverkusen gewesen, mit dem Fußball der Mannschaft, dem extremen Gegenpressing, aber konnte er sich nie richtig identifizieren. "Sich für etwas zu zerreißen, was man liebt, ist einfacher, als sich für etwas zu zerreißen, was einem ein Stück weit mehr egal ist", sagt der 26-Jährige.

Niemand verkörpert die Identifikation mit und die Liebe zu einem Verein so wie Lukas Podolski, der bereits einmal, 2009, von den Bayern zum 1. FC Köln, dem Klub seines Herzens, zurückgekehrt ist. Kurz vor Weihnachten berichtete die Nachrichtenagentur dpa: "Podolski schließt Rückkehr zum 1. FC Köln nicht aus". Als wenn das eine Nachricht wäre, nachdem Podolski schon im November in seiner "Bild"-Kolumne geschrieben hatte: "Natürlich ist eine Rückkehr immer ein Thema, war es immer, sei es nach London oder nach Gala. Ich denke, dass es irgendwann klappt."

In 349 Tagen ist Weihnachten.

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