Hertha BSC kniet nieder : Große Geste oder Effekthascherei?

Die Spieler von Hertha BSC gehen vor dem Spiel gegen Schalke in die Knie und erregen mit ihrer Aktion gegen Rassismus und Diskriminierung weltweit Aufmerksamkeit.

Kniet nieder, die Hauptstadt kommt! Herthas Aktion stieß auf ein großes Echo.
Kniet nieder, die Hauptstadt kommt! Herthas Aktion stieß auf ein großes Echo.Foto: AFP

Donald Trump reagierte wie üblich bei Twitter. Und er tat es so, wie man es von ihm gewohnt ist: „Widerliche Hertha unterliegt mächtigem Schalke. Unsere Soldaten haben Berlin 40 Jahre lang verteidigt. So danken sie es uns. TRAURIG!“ Es war – man ahnt es – ein gefälschter Tweet. Tatsächlich ist eine Reaktion des US-amerikanischen Präsidenten Trump zum Kniefall der Herthaner bisher ausgeblieben. So wichtig ist der Berliner Fußball- Bundesligist dann doch nicht.

Trotzdem erregte die Aktion eine Menge Aufsehen. „Hertha fordert Trump heraus“, titelte die italienische Zeitung „La Stampa“. Die „Daily Mail“ aus England berichtete ebenso wie die „New York Times“. Und die „Washington Post“ schrieb: „Die ,Take a knee’-Bewegung hat den Atlantik überquert“. So viel Aufmerksamkeit wird Hertha selten zu teil, vor allem nicht international. Kritiker werden vermutlich behaupten: Der Klub hat genau die Publicity bekommen, die er sich erhofft hatte. Dazu passte es, dass Christoph Metzelder als Experte bei Sky prompt lobende Worte für die Aktion fand. Metzelder ist Geschäftsführer der Agentur Jung von Matt, die für Herthas Markenauftritt verantwortlich ist.

Auch die Ersatzbank kniete mit

Kurz vor dem Anpfiff des Bundesligaspiels gegen den FC Schalke 04 waren die Berliner am Mittelkreis in die Knie gegangen. Die Trainer, das Betreuerteam, die Ersatzspieler auf der Bank und Manager Michael Preetz taten es ihnen gleich. Der Stadionsprecher gab eine entsprechende Erklärung ab, die der Klub kurz darauf auch über seinen Twitter-Kanal verbreitete: „Hertha BSC steht für Vielfalt, Toleranz und Verantwortung! Für ein Berlin, das auch in Zukunft weltoffen ist!“

In den Vereinigten Staaten waren es zunächst schwarze Sportler, die beim Abspielen der Nationalhymne niederknieten, um gegen Diskriminierung und Polizeigewalt gegen Schwarze zu protestieren. Damit habe sich Hertha solidarisch erklären wollen, erläuterte Marcus Jung, der Pressesprecher des Klubs. Auch in der Vergangenheit habe Hertha immer wieder durch symbolische Aktionen klar gemacht, wofür man stehe. Diese Haltung habe man mit dem Kniefall am Samstag noch einmal deutlich nach außen tragen wollen.

Die Deutsche Fußball-Liga lobte Herthas Aktion als „großartige und wichtige Geste“; Tony Baffoe, der frühere Bundesligaprofi, äußerte via Twitter „größten Respekt“. Er habe eine Gänsehaut bekommen. In den sozialen Medien gab es aber auch kritische Stimmen, die Hertha peinliche Effektheischerei vorhielten und das Ganze für unangemessen hielten.

Die Idee hatte der Verein, nicht die Spieler

Die Idee, wie kritische Sportler in den USA in die Knie zu gehen, hat laut Jung der Verein gehabt. Innerhalb der Mannschaft sei sie auf allgemeine Zustimmung gestoßen. Eine Diskussion habe es nicht gegeben. „Die Jungs leben das tagtäglich“, sagte Herthas Pressesprecher. Im 18er-Kader für die Begegnung am Samstag standen Spieler aus zehn Nationen. „Als Hertha kämpfen wir immer gegen Rassismus“, sagte Salomon Kalou, Nationalspieler der Elfenbeinküste. „Dass wir uns hinknien, ist für uns ein Weg, dieses Verhalten zu bekämpfen. Es sollte nicht im Sport existieren. Nicht in der NFL und nicht im Fußball, in keinem Sport – Punkt. Wir können dabei ein gutes Beispiel abgeben.“

Die Schalker äußerten sich am Samstag nicht. Als Trainer Pal Dardai in der Pressekonferenz zu der Aktion befragt wurde, schien sein Kollege Domenico Tedesco kurz zu überlegen, ob er auch etwas sagen sollte. Er beließ es bei einem wohlwollenden Nicken. Herthas Manager Michael Preetz sagte: „Wir leben in Zeiten, in denen es wichtig ist, dass Fußballvereine, die extrem im Fokus stehen, sich positionieren.“ Hertha sei seit jeher gegen Diskriminierung jeder Art, gegen Rassismus. „Wir sind Berlin, wir sind eine weltoffene Stadt und wir stehen für Vielfalt. Das wollte die Mannschaft, das wollten wir heute dokumentieren.“ Trotzdem soll der Kniefall eine einmalige Aktion bleiben. Zumindest von Hertha BSC.

Mehr lesen? Jetzt E-Paper gratis testen!