Manolo bei der WM : Spaniens berühmtester Fußballfan wirft hin

Manolo Cáceres begleitete Spanien bei 17 Turnieren. Jetzt fühlte er sich nicht mehr willkommen – und will das Reisen aufgeben. Abschied von einer Legende.

Raphael Weiss
Spaniens berühmtester Fan: Manolo.
Spaniens berühmtester Fan: Manolo.Foto: picture-alliance/dpa/EPA/Robert Parigger

Seit 36 Jahren begleitet die spanische Nationalmannschaft bei jeder Weltmeisterschaft der selbe Soundtrack: „España“ BUMM, BUMM, BUMM! „España“ BUMM, BUMM, BUMM! Die Trommelschläge zwischen den Schreien hört man überall: Von der Tribüne schallen sie aufs Feld, von den Fernseher-Boxen in die Wohnzimmer und Kneipen auf der ganzen Welt.

Nun werden sie verstummen. Der Mann, der sein ganzes Leben diesem einen Geräusch gewidmet hat, heißt Manolo Cáceres, aber alle nennen ihn „Manolo, el del bombo“, Manolo, der mit der Pauke. Mit seiner großen roten Trommel und der überdimensionalen Baskenmütze begleitete er die Nationalmannschaft auf zehn Welt- und sieben Europameisterschaften. Kurz nach Spaniens Aus im Achtelfinale bei der WM in Russland gab er seinen Rücktritt bekannt. „Ich bin traurig, ich bin müde. Das war meine letzte Reise“, Manolos Stimme bricht, als er das sagt. Durch das Telefon ist zu spüren, wie sehr ihm die vergangenen Wochen zugesetzt haben.

Egal wo der Mann mit der Pauke hinkam, ob Mexiko oder Italien, Südkorea oder Deutschland, die Fans erkannten, umarmten und fotografierten ihn. „Mir ging es nie darum, fremde Länder zu besuchen. Die Leute lieben dich, sie bewundern dich, das war immer das Schönste“, sagt er und schiebt hinterher: „Und natürlich ‚La Roja‘ zu sehen.“

Seine erste Trommel kaufte er mit 19 Jahren, um das Drittligateam in Huesca zu unterstützen. Zehn Jahre später entdeckte er seine Berufung: das Nationalteam, damals noch als rote Furie bekannt, deren liebstes Stilmittel nicht der Kurzpass, sondern die Grätsche war. Manolo flog im selben Flugzeug mit nach Zypern, er war einer der wenigen Spanier vor Ort. Seitdem gehörte er dazu. „Früher hatte die Nationalmannschaft sehr wenige Fans. Alle haben sich nur für die Vereine interessiert. Jetzt kommen sehr viele junge Leute ins Stadion“, sagt er.

Fan mit Sonderstatus

Als die WM in Manolos Heimat kam, begann seine Sucht. 1982 – die Franco-Diktatur war vorbei und das Land empfing die Welt. Manolo erzählt, dass er während des Turniers mit seiner Trommel über 16.000 Kilometer getrampt sei, weil er kein Geld für den Zug hatte. Als das Turnier vorbei war, waren er und seine Trommel berühmt.

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Seitdem reiste er immer mit. Die Nationalelf wurde das Wichtigste in seinem Leben. Eines Tages, als er mal wieder von einem Turnier zurückkehrte, war sein Haus leer. Seine Frau und seine Kinder hatten ihn verlassen. „Es war ein Desaster. Sie waren einfach weg. Aber ich bin trotzdem wahnsinnig glücklich all das mit der Nationalmannschaft erlebt zu haben“, sagt er.

Mittlerweile ist Manolo 69 Jahre alt. Er besitzt eine Bar in Valencia, gleich neben dem Estadio Mestalla. Seine Familie wohnt in derselben Stadt, die Kinder sieht er noch ab und zu. Seine andere Familie, die Fans, besucht ihn jeden Tag in seinem Lokal. In der Nationalmannschaft hat er mittlerweile einen Sonderstatus. Er sagt, der Verband zahlt ihm alle Flüge und im Mannschaftshotel geht er ein und aus. Als er während der WM 2010 in Südafrika erkrankte, kümmerte sich der Mannschaftsarzt um ihn. Doch er erholte sich nicht, musste zurück nach Spanien fliegen. „Ich dachte, ich würde sterben, ohne gesehen zu haben, wie Spanien Weltmeister wird“, sagt er.

Doch er erholte sich schnell. Das Viertelfinale sah er zu Hause im Bett an. Beim Halbfinale war er wieder im Stadion und auch beim Finalsieg. „Es war ein Traum. Ich habe mich so gefreut, am meisten für die anderen Fans. Sie haben so viel mitgemacht“, sagt Manolo. Er flog in der Maschine der Nationalmannschaft zurück, durfte den Pokal in seinen Händen halten. Mit dem Erfolg der Nationalmannschaft wurde auch Manolo erfolgreicher. Er bekam Werbeangebote, eröffnete Accounts auf Twitter und Facebook. Der Mann mit der Pauke fing an, sich zu vermarkten.

Manolo und die Spaltung Spaniens

Plötzlich war er nicht mehr überall beliebt. Vor allen Dingen im Netz wurde er als geldgierig und eingebildet bezeichnet. Einer, der seine Trommel nutzt, um sich selbst ins Bewusstsein der Welt zu hämmern, nicht, um die Mannschaft zu unterstützen. Manolo wurde krank. Er musste am Herzen operiert werden und verpasste deshalb die EM in Frankreich. Seine Ärztin hatte ihm verboten zu fahren. Damals sagte er, er fände es nicht schlimm, im Stadion zu sterben. Besser als alleine.

Als das katalanische Unabhängigkeitsreferendum 2017 die spanische Gesellschaft spaltete und die Fans Gerard Piqué beim Training der Nationalmannschaft auspfiffen und beschimpften, weil er die Volksbefragung unterstützte, wandte man sich an Manolo. Um 12 Uhr wurde während einer Nachrichtensendung auf Antenna3 live zu ihm geschalten. Manolo in der Mitte des Bildschirms, natürlich mit Trommel und Baskenmütze, umringt von vier Nachrichtensprechern.

Manolo sagte, man solle aufhören Piqué auszupfeifen, dass er und die Katalanen ein Teil Spaniens seien, und dass Piqué immer alles für die Selección gegeben hätte. Eine Moderatorin klatschte bei seinen Worten leise Beifall, eine andere schüttelte verärgert den Kopf. Unter ihm ein Banner mit dem Text: „Schlichtung mit Katalonien. Was denkt Manolo, el del Bombo über die Ereignisse in Katalonien.“ Der Fan mit der Pauke war nun auch für politische Fragen relevant.

Seine Reise nach Russland dokumentierte er für einen Handyhersteller auf Twitter. Neben vielen positiven Kommentaren gab es auch immer wieder Hass. Doch nicht nur deshalb war in Russland alles anders als bei den 16 Turnieren zuvor. Zum ersten Mal durfte er seine Trommel nicht mit ins Stadion nehmen. Die Ordner ließen ihn nicht rein, laute Instrumente waren verboten. „Jeder kennt mich doch, alle wissen, dass ich keinen Ärger mache. Ich will den Leuten doch nur eine Freude machen“, sagt er und klingt dabei immer noch verletzt.

Nachdem er im zweiten und im dritten Gruppenspiel seine Trommel an der Pforte abgeben musste, konnte Manolo nicht mehr. Weinend wandte er sich in einem Video an den spanischen Verband, die Fifa, an Spaniens Ministerpräsidenten Pedro Sánchez und sogar an Wladimir Putin. Irgendjemand solle etwas unternehmen, damit Manolo seine Trommel mit ins Stadion nehmen dürfe. Diesmal half ihm das Internet. Sein Hilfeschrei wurde auf Twitter und Facebook tausendfach geteilt. Und tatsächlich bekam er von der Fifa eine Ausnahmegenehmigung.

Das Spiel gegen Russland, vielleicht eines der schlechtesten, das Manolo jemals von Spanien sehen musste, sollte sein letztes WM-Spiel werden. „Ich kann nicht mehr. Ich will nicht mehr irgendwo hinfahren und so behandelt werden, wie ich hier behandelt wurde. Für so etwas fahre ich nicht ins Ausland.“ Er werde trotzdem jedes Spiel der Spanier sehen, verspricht Manolo. Zu Hause, in der Bar, mit seiner zweiten Familie.

Seine Trommeln hängen dort an der Wand, daneben Fotos mit ihm und Spielern, Trainern, dem spanischen Königspaar. „Ich bin dankbar, für alles, was ich erleben durfte“, sagt Manolo. Auch wenn er nie wieder ins Ausland reisen möchte, will er in zwei Jahren trotzdem wieder auf der großen Bühne sein: „Sobald La Roja in Spanien spielt, bin ich da. Ob in Madrid, Burgos oder Bilbao.“ Das San Mamés in Bilbao ist der spanische Austragungsort der EM – und für Manolos BUMM, BUMM, BUMM vermutlich empfänglich.

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