Warum Trainer Scolari findet, dass gar nichts in Frage gestellt werden muss

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Fußball-WM 2014 : Brasilien nach dem WM-Aus: Das Ende einer Illusion

Weiter zur Copacabana, zum Epizentrum der Copa. Es regnet in Strömen, Tropengewitter. Unter den Markisen der Bars suchen die Leute in den gelben Trikots Schutz, sie trinken Bier und diskutieren über die Bedeutung dieses Abends über den Fußball hinaus. Der Regen steht für das Ende einer Illusion. Ein ganzes Land wollte an die einigende Wirkung des Fußballs glauben und vier Wochen lang feiern. Am Ende sollte die Krönung zum sechsfachen Weltmeister stehen, zum Hexa. Eine Frau an einem Stehtisch sagt: „Und jetzt haben wir sieben Dinger reingekriegt. Wir sind Sétimo.“ Sieben.

Es ist der typische Sarkasmus der Brasilianer beim Blick auf sich selbst. Er schien während der letzten vier Wochen verschwunden zu sein. Jetzt ist er wieder da. Und noch etwas anderes ist wiedergekehrt. Die sozialen Spannungen, die von der WM überdeckt wurden. Durch die Pfützen auf den Straßen waten knöcheltief dunkelhäutige Jugendliche, die T-Shirts halbstark um den Hals gehängt. Herausfordernde Blicke zu den grau uniformierten Militärpolizisten, die argwöhnisch an den Straßenecken wachen.

Die Stimmung ist aggressiver als in Belo Horizonte

Die Stimmung ist aggressiver als in Belo Horizonte, wo sie immer noch unter dem Eindruck des Orkans stehen, und wie viel lieber hätten sie doch einen Tropenregen gehabt wie in Rio. Luiz Felipe Scolari tritt vor die Kameras. Der Trainer der Nationalmannschaft, die Brasilianer nennen ihn ehrfürchtig Felipao, den großen Felipe. Felipao sagt, das sei natürlich eine furchtbare Niederlage gewesen, aber eben auch gegen eine sehr gute Mannschaft, der auch ein wenig das Glück zur Seite gestanden habe. „Wir haben uns gerade mit den Deutschen unterhalten, die verstehen selbst nicht, was da passiert ist, jeder Schuss war ja ein Treffer.“ Weiter im Relativierungsvortrag: „Alle haben ihr Bestes gegeben“, es hätte halt nicht gereicht, und überhaupt: „Vergesst bitte nicht, dass das in eineinhalb Jahren erst die dritte Niederlage war, wir müssen jetzt nicht alles in Frage stellen.“

Frei übersetzt heißt das, es müsse eigentlich gar nichts in Frage gestellt werden.

Wie das offizielle Brasilien will auch Scolari nicht wahrhaben, dass die Zeiten sich geändert haben. Brasiliens Fußballstil ist so antiquiert wie die auf Kartellen und Monopolen basierende Wirtschaft des Landes. Bis heute berauscht sich Brasilien an Pelé und Garrincha und den anderen Helden einer vergangenen Epoche. Sie haben versucht, diesen Geist wiederzubeleben, mit Leidenschaft und Pathos, beides fand seinen Ausdruck im gemeinsamen Singen der Nationalhymne, es war eher ein kollektives Brüllen von 60 000 Zuschauern und elf Spielern. Doch wenn das Pathos überbetont wird, ist das oft ein Zeichen für einen Mangel an Qualität. In diesem Sinne sind die Brasilianer von den Deutschen geradezu seziert worden. Mit einer Präzision und Gnadenlosigkeit, wie sie den Romantikern in Südamerika schon immer unheimlich war - und die sie doch ein wenig bewundern.

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