Er stand seine Krebserkrankung durch - im Wahlkampf

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Hans-Christian Ströbele : Der Abgang des Kreuzbürgerkings
Hans-Christian Ströbele im Dezember im Plenarsaal des Bundestags.
Hans-Christian Ströbele im Dezember im Plenarsaal des Bundestags.Foto: Rainer Jensen/dpa

2013, kurz vor der Bundestagswahl, quälte er sich durch eine Krebserkrankung. Seinen Wahlkampf aber stand Ströbele eisern durch. „Ich habe trotz Chemotherapie keine einzige Bundestagssitzung verpasst“, sagt er, als müsste er sich dafür rechtfertigen. Die Frau an seiner Seite ist auch 50 Jahre später noch dieselbe. Mit der schmalen Blondine, die einst ein Opfer der Brandt’schen Berufsverbote-Praxis war, weil sie als damalige Lehrerin angeblich nicht auf dem Boden der freiheitlich-demokratischen Grundordnung stand, hat er sich ein privates Leben bewahrt, auch wenn es bestimmt nicht einfach war, ihn zu Ruhepausen zu zwingen. In Urlauben wurde er nach ein paar Tagen unruhig, mancher Geburtstag blieb ungefeiert. Sie arbeitete selbst bis über die 70 hinaus als Ethnologin. Eine Ehe in zwei Wohnungen, weil der ewig Rastlose seine Anwaltskanzlei in Moabit zum Schlafen nutzte.

Wenn Ströbele aus dem Bundestag ausscheidet, kommt ein Teil der Akten in diese Kanzlei. Ein schmuckloses Haus an der Spree, wo die Sonne nie in die Kanzleiräume scheint. Vom Schreibtisch aus konnte Ströbele früher über die Spree auf das damalige Bundesinnenministerium schauen, als dort noch sein vertrauter Ex-Parteifreund und Lieblingsgegner Otto Schily residierte. „Da drüben!“ Als Schily die Grünen verließ und in die SPD eintrat, „da fiel mir der Unterkiefer runter“, sagt Ströbele. Mit aller Härte bekämpfte er den Innenminister, als der nach dem 11. September 2001 die Sicherheitsgesetze verschärfte. So viel verband die beiden, die sich schon in der Kindheit begegneten, die gemeinsam RAF-Mitglieder verteidigten und für die Grünen im Bundestag saßen.

Regale bis zur Decke: nichts als Akten

Der Altbauwohnung merkt man an, dass die Prioritäten des Bewohners nicht unbedingt beim Einrichtungsdesign zu finden sind. Die Räume mit den abgenutzten Dielen sind vollgestellt mit Möbeln, auch ein, zwei Gemälde gibt es, 19. Jahrhundert. Beherrschend sind die Regale, die bis zur hohen Decke reichen – nichts als Akten. Viele Meter füllen die Unterlagen aus den RAF-Prozessen.

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Otto Schily nannte ihn in der „Süddeutschen Zeitung“ einmal einen „terrible simplificateur“. In der Tat besitzt Ströbele ein Gespür für Themen, die einen linken Populismus bedienen, und er kann komplexe Themen auf den einfachen Punkt bringen. Etwa im Fall Edward Snowden, als er den Ex-NSA-Mitarbeiter in Moskau besuchte und öffentlichkeitswirksam nach Berlin einlud, um über die Überwachungspraktiken der USA auszusagen. Ein Coup, „auf den ich immer noch stolz bin“.

Er schleppte Berge belegter Brote an

Mit dieser Karriere scheint auch eine Epoche zu Ende zu gehen. Ströbele gehört zu den Gründern der Berliner Grünen – der „Alternativen Liste“ –, trat der Partei aber erst Jahre später bei. Er fachte die Empörungswelle über die Volkszählung mit an, deren Fragen heute so harmlos erscheinen. Beim Verfassungsgericht erkämpfte er, dass bei der Einheitswahl 1990 die Stimmen der Ost-Parteien getrennt gezählt wurden. Das hat die Grünen gerettet, nachdem die West-Partei an der Fünf-Prozent-Hürde gescheitert war. Auch die linke Tageszeitung „taz“ hat er mitgegründet. Er machte sich dafür stark, Geld für „Waffen für El Salvador“ zu sammeln, und überraschte die „taz“-Redakteure im chaotischen Bürobetrieb fast väterlich und regelmäßig mit Kuchenblechen oder belegten Broten.

Was wäre aus Ströbele geworden, wenn die SPD ihn nicht 1975 wegen „schwerer Schädigung der Partei“ rausgeworfen hätte, weil er RAF-Mitglieder verteidigte? Eingetreten in den Zehlendorfer Ortsverband war er, als Rudi Dutschke 1969 den „langen Marsch durch die Institutionen“ propagierte. Zumindest bis zum Kreisdelegierten hat er es gebracht.

Anfang der 70er Jahre wurde er, der Ulrike Meinhof und Andreas Baader verteidigte, selbst wegen „Unterstützung einer terroristischen Vereinigung“ angeklagt und saß fünf Wochen in Haft. Die Verurteilung zu zehn Monaten auf Bewährung, weil er das „Kassibersystem“ der Gefangenen unterstützt haben soll, ärgert ihn bis heute. Er habe sich nie gemein gemacht mit der RAF-Ideologie, sondern nur seine Arbeit als Verteidiger getan.

Ströbele hat nie einen Joint geraucht

Ströbele hat für die Legalisierung von Cannabis gekämpft, aber nie einen Joint geraucht oder Alkohol getrunken. Seine Droge war die Politik. „Ich habe immer vermitteln wollen, dass Ehrlichkeit in die Politik gehört.“ Man nimmt ihm ab, dass er nie nach Posten strebte. In den Jahren der rot-grünen Bundesregierung hat er die Realos ständig gegen sich aufgebracht. Gerhard Schröders Mehrheit wackelte, weil Ströbele gegen die Kriegseinsätze in Afghanistan und im Kosovo stimmte, und im Beharren auf die Trennung von Amt und Mandat erzwang er den Rücktritt der Parteichefs Fritz Kuhn und Claudia Roth. Ströbeles Insistieren beim Thema „Schwarze Kassen“ bei der CDU veranlasste zudem Wolfgang Schäuble zu einer Lüge – weshalb er als Partei- und Fraktionschef zurücktreten musste.

Es gab auch Rückschläge. Anfang der 90er Jahre musste er als Co-Vorsitzender zurücktreten. Zuvor hatte er nach irakischen Raketenangriffen kommentiert, Israel habe diese durch seine Politik selbst provoziert. Und als vor drei Jahren Vorwürfe aufkamen, dass Pädophile unter dem ideologischen Schutzmantel der Grünen agieren konnten, waren von ihm vor allem Rechtfertigungen zu hören.

Sein Motto: Fischer quälen!

Eigentlich nahm Ströbeles Karriere erst richtig Fahrt auf, als sie schon zu Ende schien. 2002 wollten die Realos den Außenseiter vergraulen, zur Bundestagswahl bekam er keinen Listenplatz mehr. Dann eben ein Mandat direkt erobern, hat er sich gesagt. Ströbele wählen, so hieß sein Motto, heißt Fischer quälen.

Sensationell holte er damit in Friedrichshain-Kreuzberg das erste Direktmandat der Grünen. Das war „der persönlich befriedigendste Erfolg“, weil es ihn unabhängig machte. Seine Lizenz zum Widerspruch auch in der eigenen Partei.

Auf seinem letzten Grünen-Parteitag warf er sich noch mal in die Schlacht. Entgegen der Forderung der Parteiführung lehnte er ein zentralisiertes Bundesamt für Verfassungsschutz mit Außenstellen in den Ländern ab. Das Bundesamt habe total versagt, beim Fall Amri und den NSU-Morden, ein kompletter Neuanfang sei deshalb nötig – aber mit föderaler Struktur. Ströbele setzte sich durch.

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