Die Zahl antisemitischer Straftaten hat zuletzt zugenommen

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Jüdisches Sportfest in Berlin : Die Angst spielt mit bei der Makkabiade
Lukas Hermsmeier
Debora Rosenthal ist die Enkelin des Talkmasters Hans Rosenthal.
Am Ball. Debora Rosenthal ist die Enkelin des Talkmasters Hans Rosenthal.Foto: Hermsmeier

Die Studentin wohnt in Köln, in Bonn spielte sie Hockey, Zweite Bundesliga. Deboras Großvater, der mit der Fernsehsendung Dalli Dalli berühmt wurde, hatte den Holocaust nur mit sehr viel Glück überlebt. Hans Rosenthal war zwei Jahre lang von zwei Frauen in einer Berliner Kleingartenkolonie versteckt worden. Er starb 1987, fünf Jahre vor der Geburt seiner Enkelin. „Er wäre bestimmt stolz, wenn er sehen würde, dass ich jetzt hier an der Makkabiade teilnehme.“.

Am Montagabend versammeln sie sich alle zum ersten Mal im Convention Center des Estrel. Franziska Giffey, die Bezirksbürgermeisterin von Neukölln, heißt die Athleten, die aus 35 Ländern dieser Welt angereist sind, willkommen. Sie sagt ein paar nette Dinge, tritt dann von der Bühne ab, und als sie sich zum Ausgang bewegt, lächelt sie zufrieden.

Die Bürgermeisterin weiß, dass ihr Bezirk gefährlich sein kann

„Ist doch ein tolles Zeichen, dass sich die Veranstalter ausgerechnet das Estrel in Neukölln ausgesucht haben“, sagt Franziska Giffey. Sie weiß natürlich, dass ihr Bezirk für Juden ein gefährliches Pflaster sein kann. Doch kein anderes deutsches Hotel kann so viele Sportler gleichzeitig beherbergen, und da man alle Teilnehmer an einem Ort unterbringen wollte, nach Vorbild eines Olympischen Dorfes, blieb eben nur der riesige Bau am Neuköllner Schifffahrtskandal. Eine pragmatische Entscheidung. Aber in letzter Konsequenz auch eine problematische. „Die Bedenken sind nicht von der Hand zu weisen“, sagt die Bürgermeisterin. „An der Sonnenallee kann man Sicherheit eben nicht zu 100 Prozent garantieren.“

Stéphane Ribette ist einer der wenigen Sportler, die an diesem ersten Abend im Estrel eine Kippa tragen. Der 35-Jährige kommt aus Creteil, einer kleinen Stadt südöstlich von Paris. Bei der Makkabiade tritt er für das französische Tennisteam an. „Wir haben vor ein paar Tagen eine E-Mail von unseren Trainern bekommen, dass wir außerhalb des Hotels keine Kippa tragen sollen. Daran werde ich mich halten.“ Die Warnung könne er verstehen, Sicherheitsmaßnahmen seien notwendig. „In Frankreich gibt es großen Antisemitismus. Wie ist es in Deutschland?“, fragt Stéphane Ribette.

Ja, wie ist es eigentlich in Deutschland?

Die Zahl antisemitischer Straftaten hat zuletzt zugenommen. 2013 wurden 788 Fälle registriert. 2014 waren es 1076. Laut Experten ist die Dunkelziffer groß – Drohungen der Täter würden Opfer oftmals vom Gang zur Polizei abhalten. Als der Rabbiner Daniel Alter in Friedenau im August 2012 von vier Jugendlichen verprügelt wurde, sprach der damalige Bürgermeister Klaus Wowereit von einer „Attacke auf das friedliche Miteinander aller Menschen in der Hauptstadt“. Der Vorfall schockierte die Jüdische Gemeinde – und auch Debora Rosenthal. „Das hat mich traurig gemacht. Man realisiert in solchen Momenten, wie real Antisemitismus noch ist.“ Auch Rosenthal selbst hat solche Erfahrungen gemacht. „Es gab in meiner Oberschule einen Jungen mit arabischem Hintergrund, der mich ganz offensichtlich gemieden hat, weil ich Jüdin bin. Aber sonst ist mir nie etwas passiert. Man sieht mir ja nicht an, dass ich jüdisch bin.“

Rund 10 000 Mitglieder hat die Jüdische Gemeinde in Berlin. Viele leben in Charlottenburg oder in der Spandauer Vorstadt in Mitte. Billig und bunt, spannend und entspannt – Berlins Mischung zieht auch immer mehr junge Israelis an. Zwischen 20 000 und 30 000 leben mittlerweile hier. In Tel Aviv wird von Berlin geschwärmt. Und andersrum.

Aber dann machen wieder Geschichten die Runde über die Fußballer von TuS Makkabi, die bei Auswärtsspielen schon Sätze wie „Baut Auschwitz wieder auf“ gehört haben. Auch auf Pausenhöfen wird Jude als Schimpfwort benutzt. Und die Sonnenallee – eine No-Go-Area? Die muslimische Gemeinde wehrt sich zu Recht gegen eine Stigmatisierung. Und wenn man die Shisha rauchenden Großväter vor den Cafés beobachtet, fühlt sich die Sonnenallee sehr friedlich an, und das ist sie ja auch. Fast immer.

Die Ausnahmen bleiben im Gedächtnis

Es sind eben die Ausnahmen, die eher im Gedächtnis bleiben. Im Juli 2014 wurde ein Video veröffentlicht, das den Prediger Abu Bilal Ismail bei einer Predigt in der Al-Nur-Moschee zeigt. „O Allah, destroy the Zionist Jews“, ruft Ismail. Er wurde zu einer Geldstrafe wegen Volksverhetzung verurteilt. Deborah Rosenthal und ihre Mannschaft sind in dieser Woche mit dem Shuttlebus auf dem Weg zum Olympiapark an der Moschee vorbeigefahren. „Das war schon ein komisches Gefühl. Weil wir ja die Geschichten gehört haben“, sagt sie.

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