Berliner Kunstherbst : Diese drei Namen sollten Sie sich merken

Die Art Week ist zu Ende – aber Kunst ist ja immer. Hier ist die BERLINER-Watchlist für den Herbst.

Videostill aus "Exhibition".
Videostill aus "Exhibition".Foto: Bertrand Flanet

1. Bertrand Flanet: der fiese Schatten deiner Selbst

Es kommt nicht oft vor, dass man im Kunstbetrieb jemanden trifft, der sich und seine Bubble so stark in Frage stellt wie Bertrand Flanet. Der junge Franzose, der in Frankfurt am Main an der Städelschule studierte, beobachtet die Gepflogenheiten in der Kunst mit Skepsis. Nachdem er eine Weile als Kurator Ausstellungen betreute, unter anderem am Palais de Tokyo in Paris, wendet er sich, gelangweilt von den immergleichen Inhalten, dem eigenen Schaffen zu.

Der Künstler Bertrand Flanet.
Der Künstler Bertrand Flanet.Foto: Alexey Vanushkin

Sein Video "Dungeons" klingt, als liefe ein Hund in Fußketten herum. Es scheppert, der Boden bebt, die Horizontlinie wankt. Ist man selbst dieses Tier, das an einem dürren Pferd herumschnüffelt? "Dungeons" ist eine Mischung aus Achterbahnfahrt und Egoshooter, mit einer Computerspiel-Engine programmiert, wie die meisten von Flanets Arbeiten. Dieses Video, das vor kurzem in Berlin im Eigen + Art Lab zu sehen war, macht seekrank. Weggucken tut gut. Eine Tat oder ein Verbrechen ist bei Flanet immer mitgedacht, ohne dass man das Schlimme je sähe. In "Exhibitions" irrt man durch eine mit Krähenbabys bevölkerte Wohnung. Es ist, als versuchte man angestrengt, den Inhalt eines Traums zu erinnern – ohne dass der Nebel sich lichtet.

Flanet erzählt über sich, dass er in seiner Kindheit überhaupt nichts mit Kunst zu tun hatte. Wie wir geworden sind, was wir sind, ist eine zentrale Frage seiner Arbeit. Und: Wie erinnern wir uns an jede neue Version unserer selbst? Einer von Flanets Charakteren, Boy, schlitzt ermattete Monster auf und badet in deren Blut. Statt der zwölf Kapitel der Geschichte präsentiert Flanet manchmal nur eines. Den Rest überlässt er den Betrachtern.
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2. Lisa Tiemann: Harter Stoff, weicher Kern und alles dazwischen

Die Künstlerin Lisa Tiemann
Die Künstlerin Lisa TiemannFoto: privat

"Mach das aus Stahl", rieten ihr Kollegen. Aber Lisa Tiemann, 1981 in Kassel geboren, experimentierte so lange mit Keramik, bis sie hatte, was sie wollte. Ihre Skulpturen aus der Serie "Notiz" wirken wie eine Kritzelei auf Papier, wie eine spontane Zeichnung, die vom Blatt in den Raum und auf einen schwarzen Gummibügel gesprungen zu sein scheint. Keramik als Arbeitsmaterial entdeckte Tiemann erst nach ihrem Studium an der Universität der Künste. Das Potenzial dieses Stoffs ist für sie unerschöpflich.

Die Keramikarbeit "Gelbe Notiz".
Die Keramikarbeit "Gelbe Notiz".Foto: Lisa Tiemann

So wie die Hand unendlich viele Möglichkeiten findet, eine freie Linie aufs Blatt zu zeichnen, gleicht keine "Notiz" der anderen. Auch in Tiemanns "Couples"-Serie geht es um Spannung, Balance und Schwerkraft. Zwei Formen schmiegen sich aneinander, sind aber nicht gleich, schon gar nicht in ihrer Materialität. Die eine ist aus Keramik, die andere aus Papier. Die "Couples" will Tiemann nun auch in raumgreifender Größe umsetzen. Darauf sind wir gespannt.

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3. sergey kasich: Beats, aus der Pistole geschossen

Der Künstler sergey kasich, der seinen Namen immer klein geschrieben wissen will.
Der Künstler sergey kasich, der seinen Namen immer klein geschrieben wissen will.Foto: Krzysztof Zieliński

Berlin ist bekannt als Stadt der elektronischen Musik. Hierher kommen sie alle: Klangkünstler, DJs und Soundfetischistinnen, die Ungehörtes auf die Plattenteller bringen und in die Laufwerke legen wollen. Ein aktueller Neuzugang ist der in Sevastopol geborene Künstler, Kurator und Community-Aktivist sergey kasich. In Russland vielfach ausgezeichnet, Gründer einer Sound-Art Galerie in Moskau, ist er derzeit als Gast des DAAD-Künstlerprogramms in Berlin.

Die Arbeit " PFX/presence FX (2015)" von sergey kasich.
Die Arbeit " PFX/presence FX (2015)" von sergey kasich.Foto: sergey kasich

kasich, der seinen Namen immer klein geschrieben wissen will, lässt sich für seine interaktiven Klanginstallationen stets neue, verrückte Methoden der Sounderzeugung einfallen, alles in bester Hackermentalität selbst zusammengeschraubt. In der Ausstellung "klngkldg" zeigt er zwei Ideen aus seiner Trickkiste: einen Laserstrahl, der die Wand abtastet und die erfassten Daten in Töne umwandelt. Und eine auf ein Mikrofon gerichtete Pistole (Bild oben), die stündlich einen Schuss abfeuert und damit einen Kompositionsalgorithmus auslöst (ACUD, Veteranenstraße 21, 19. September bis 5. Oktober).