Jede Insel hat ihren eigenen Kosmos

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Großbritannien : Karibische Gefühle vor der Küste Cornwalls
Die Mauern des Star Castle Hotel stammen noch aus dem 16. Jahrhundert.
Die Mauern des Star Castle Hotel stammen noch aus dem 16. Jahrhundert.Foto: Star Castle

Aus aller Welt kommen die Bird Watcher, ältere Herrschaften in Funktionskleidung, schwer bewaffnet mit Stativen, Kameras und Ferngläsern. Am besten lassen sich die Vögel auf den unbewohnten Inseln sichten. Die Beobachtung erfordert tiefe innere Ruhe und Geduld. Sie stellt sich auch bei nervösen Typen schnell ein. Es liegt etwas in der Luft, das die ja immer etwas hektische Attitüde des Ankommenden besänftigt.

Vom Star Castle Hotel in Hugh Town – seine dicken Mauern gehen auf das Jahr 1593 zurück, in die Regierungszeit Elisabeths der Ersten – schweift der Blick über die Inseln. Die Lichter des Flughafens ziehen in der Dämmerung eine blaue Spur über die Häuser. Robert, der Eigentümer des Hotels, bietet im Restaurant frische Lebensmittel an; Fisch, Gemüse, Fleisch. Er hat einen Keller mit guten Weinen aus aller Welt – und einen sympathischen Spleen, ein eigenes Weingut. Er weiß, dass es eigentlich zu feucht ist, um erfolgreich Reben anzubauen. Schädlinge haben ihm schwer zugesetzt, die jüngste Ernte war schlecht. Er ist tapfer, verträumt, irgendwie aus der Zeit gefallen.

Die Scillys liegen dicht beieinander. Jede Insel hat ihren eigenen Kosmos. Polizei, Schulen, Supermarkt, Behörden, ein Inselmuseum, Kirchen, Krankenhaus, das findet sich auf St. Mary’s, im Metropolendorf. Sie haben eine eigene Fußballliga mit zwei Mannschaften, die jedes Wochenende auf demselben Sportplatz gegeneinander spielen. Immer ein Heimspiel. Auf Bryher, etwa fünf Kilometer im Norden, wohnen nur wenige Menschen. Sandstrände, Wanderwege, kleine Farmen. Wer nach Bryher kommt, hat ein Leben hinter sich und ein neues vor Augen. Im Hell Bay Hotel hängt eine feine Sammlung britischer Kunst des 20. Jahrhunderts. Das Haus gehört zu denjenigen, die es sich bezahlen lassen, dass es sich nicht anfühlt wie ein Hotel. Man denkt an die Bücher, die man immer schon einmal lesen wollte. Das wäre der richtige Ort.

Auf Tresco ist das Urlaubsleben lässig durchorganisiert

Hier also holt man sich von den Zeitdieben seine Zeit zurück. Fast unwillig setzt man sich in Bewegung. Chris führt die Gäste über die Insel. Er ist Mitte 50, stahlblaue Augen, verwittertes Gesicht und langes Haar, wie ein gut gealterter Rockstar. Früher war er in der Industrie tätig; was und wie, verrät er nicht. Leute wie Chris kommen auf die Scillys, um nicht über alles reden zu müssen. Er genießt, was einst die nackte Not diktierte und heute teures Privileg ist: sich der Natur anzupassen. Auf der Insel schlägt man keine Bäume für Brennholz, sie wachsen kaum auf dem Eiland. Die Bewohner schneiden die dicken, knorrigen Hecken. Damit heizen sie im Winter. Es gibt auch einen milden Insel-Separatismus. Als das Gespräch auf den Brexit und die Politiker in London kommt, findet Chris kräftige Ausdrücke, packt ihn der Zorn auf die „idiots“.

Die Terrassenmöbel auf Tresco sind eindeutig modern.
Die Terrassenmöbel auf Tresco sind eindeutig modern.Foto: VisitEngland

Mit Chris geht es über das Watt nach Tresco. In Gummistiefeln oder barfuß. Die Insel befindet sich in Privatbesitz und kann als die touristischste gelten. Es gibt Pubs, Restaurants, Ferienwohnungen und ein kleines Hotel. Die Wege auf Tresco sind vorgezeichnet, das Urlaubsleben ist lässig durchorganisiert. Luxus mit Understatement, ein Golf-Gefühl.

Im 12. Jahrhundert gründeten die Benediktiner auf Tresco eine Abtei. Im frühen 19. Jahrhundert übernahm die Familie Dorrien-Smith die Insel. Es gibt Besucher, die allein wegen des tropischen Parks von Tresco auf die Scilly-Inseln kommen. 20 000 Arten aus allen Teilen der Welt wachsen in diesem Kosmos klassischer britischer Gartenkunst. Augustus Smith, der Gründer des kleinen Weltreichs, das einst regelmäßig von Piraten angegriffen wurde, sammelte nicht nur Pflanzen, sondern auch Galionsfiguren. Die ehemaligen Schiffsbughelden haben im Park ein eigenes Museum, „The Valhalla“.

Ein Mönch mit Kreuz in der Hand, vollbusige Frauen mit schmaler Taille, ein Offizier mit gezogenem Säbel, ein Adler – sie legen sich weit voraus in den Wind, die Augen zum Himmel erhoben. Segeln werden sie niemals mehr. Nach den Mönchen, den Freibeutern und Aussiedlern kommen die Touristen. Das ist der Gang der Geschichte auf solchen Inseln. Auf den Isles of Scilly aber läuft sie langsam ab. Man könnte dem Irrtum aufsitzen, dass hier die Zeit tatsächlich stehen bleibt.

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