Covid-19-Vorsorge beim Fliegen : Sind die „Aussteigekarten“ am Flughäfen nutzlos?

Reisende aus Risikogebieten müssen die Karten ausfüllen. Doch das produziert Papierberge, über die niemand den Überblick behält. Amtsärzte fordern Alternativen.

Flughäfen haben wegen des Coronavirus verschärfte Sicherheitsvorkehrungen.
Flughäfen haben wegen des Coronavirus verschärfte Sicherheitsvorkehrungen.Foto: dpa

Rund 1000 Zettel werden bei Patrick Larscheid in Berlin-Tegel täglich abgegeben, bei Udo Götsch am internationalen Drehkreuz Frankfurt sind es sogar 6000 Papiere pro Tag. Die beiden Mediziner sind als Amtsärzte zuständig für die Flughäfen – und stöhnen über die neue Zusatzaufgabe, die sie Ende Februar von Innen-, Gesundheits- und Verkehrsministerium bekommen haben: Die Verwaltung der „Aussteigekarten“, mit denen Infektionsketten des Coronavirus schneller und besser nachvollzogen werden sollen, aus Sicht der Experten aber vor allem eines sind: Unnötige Papierberge.

Hintergrund über das Coronavirus:

Ausgefüllt werden müssen die sogenannten „Aussteigekarten“ von allen Passagieren, die aus China, Südkorea, Japan, dem Iran und Italien einreisen. Sie müssen darin Angaben zu ihrem Flug und zu ihrem Aufenthaltsort in den 30 Tagen nach Landung machen, Reisende aus China müssen auch Fragen zu ihrem Gesundheitszustand beantworten – eine besondere Form der Vorratsdatenspeicherung, durch die man Leute schneller erreichen will, falls ein anderer Reisender mit dem Virus infiziert ist.

Doch was erstmal gut klingt, stellt sich nach zwei Wochen als umständlich heraus: „Wir hoffen, dass die Aussteigekarte schnell wieder abgeschafft wird“, sagt der für Frankfurt zuständige Götsch.

100.000 Karten in Kisten

Mangels Kapazitäten werden die Zettelchen analog aufbewahrt – ordentlich sortiert nach Tag und Flugnummer. Bei etwa 52 relevanten Flügen pro Tag könnte beispielsweise in Frankfurt sonst schnell der Überblick verloren gehen. Mehr als 100.000 Karten werden im Gesundheitsamt der Stadt Frankfurt inzwischen in Kisten aufbewahrt, sagt Götsch.

Würde er nun vom Robert Koch-Institut über einen Corona-Fall informiert, müsste er erst die passende Kiste finden, dann den DinA4-Umschlag, um dann aus den Hunderten Karten die betroffenen Passagiere zu fischen, die in unmittelbarer Nähe gesessen haben, also so genannte Kontakte der Kategorie 1 sind.

All das, so sagt er, könnte er in so einem Fall eigentlich auch viel schneller bekommen – und zwar von den Airlines direkt. Denn genau das war bereits notwendig, da es bereits Coronafälle auf vermeintlich „harmlosen Flügen“ innerhalb Deutschlands und aus Skandinavien gab, also bei Passagieren, die keine Aussteigekarte ausgefüllt hatten.

Landeten Karten in Tegel im Müll?

Denn erst am Wochenende zeigte ein Fall in Tegel, dass die Crews selber offenbar nicht wissen, wohin mit der Zettelwirtschaft. So berichtete eine aus Rom kommende Passagierin auf Twitter, dass die Flugbegleiter die Karten zwar wieder eingesammelt hätten, dann aber mitteilten, dass die Karten von den Passagieren selbst im Flughafengebäude abgegeben werden sollten. Dort war kein Abholer, auch Polizisten wussten nicht weiter, also seien alle Passagiere mit ihren Karten nach Hause gegangen – wo die Karten vermutlich im Müll gelandet sind.

Der für Tegel zuständige Amtsarzt Larscheid bestätigt den Fall, sagt aber, dass es noch einmal Gespräche mit den so genannten Rampagents gegeben habe, die die Karten von der Crew in Empfang und ihrem Vorgesetzten übergeben sollen. Am Schichtende würden die Karten an einer zentralen Stelle im Flughafen deponiert, wo sie durch das Gesundheitsamt Reinickendorf täglich abgeholt würden.

Aus seiner Sicht bringen die Aussteigekarten nichts als „unfassbare Mengen an Papier“. Die Vorhaltung der Daten würde weder einen Vorsprung noch eine schnellere Reaktion ermöglichen, da es „tote Daten“ seien. Es sei viel sinnvoller, die Airlines direkt zu kontaktieren.

Aussteigekarten auch bei Bahn und Bus

Warum dann also der Umstand? Darauf haben weder das Bundesgesundheits- noch das Bundesinnenministerium eine Antwort. Aus der Opposition kommt zwar grundsätzlich Unterstützung, aber nicht für die Art und Weise des Vorgehens. Die Identifikation von Reisenden und ihren Kontaktketten hätte „von Anfang an digital erfolgen müssen“, erklärt die gesundheitspolitische Sprecherin der FDP, Christine Aschenberg-Dugnus. Zeit habe beim Coronavirus „einen elementar hohen Stellenwert“.

Übrigens müssen nicht nur Flugreisende solche Aussteigekarten ausfüllen, sondern auch Bahn- und Fernbusreisende im Verdachtsfall. Ob und wie viele Karten schon verteilt worden sind, kann ein Bahn-Sprecher nicht mitteilen. Er verweist auf die Bundespolizei. Ein Sprecher des Innenministeriums verweist wiederum auf die örtlichen Gesundheitsbehörden. Der Fernbusanbieter Flixbus kann sich die Zettelwirtschaft ersparen. Er kann im Fall der Fälle auf die digital gespeicherten Buchungen zurückgreifen.

Ob die Aktion der Aussteigekarten nach der Kritik der Amtsärzte womöglich überdacht wird, wollte ein Sprecher des Gesundheitsministeriums bislang nicht kommentieren. Er teilte mit, dass die Vorkehrungen „bis auf weiteres“ gelten.

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