Nach dem Aus für Müller : Der radikale Umbau bei Volkswagen geht weiter

Die Ablösung von VW-Chef Matthias Müller gleicht einer Demontage. Der Umbau dürfte noch ein weiteres prominentes Opfer fordern.

Die Schatten von Vorstandsmitgliedern der Volkswagen AG
Die Schatten von Vorstandsmitgliedern der Volkswagen AGFoto: dpa/Julian Stratenschulte

Früher als geplant und mit aller Macht werden im VW-Konzern die Weichen für eine neue Führung und eine andere Unternehmensstruktur gestellt. Am Donnerstagnachmittag der 20-köpfige Aufsichtsrat von Volkswagen zusammen, das Treffen war vorgezogen worden. Eine lange Tagesordnung lag auf dem Tisch, es wurde mit einer Sitzung bis in die Nacht gerechnet. Vor allem sollte es um die überraschende Ablösung von Vorstandschef Matthias Müller (64) gehen, dessen Vertrag eigentlich noch bis 2020 läuft. Seine Aufgaben soll Herbert Diess (59) übernehmen. Zusätzlich, wie es heißt, denn Diess soll offenbar auch Chef der Kernmarke VW bleiben.

Damit nicht genug: Insidern zufolge wird der künftige Konzernchef auch die geplante Volumenmarken-Gruppe um VW, Seat und Skoda leiten. Eine Machtfülle, die vor allem auf der Arbeitnehmerbank sehr kritisch gesehen wird. Volkswagen laufe Gefahr, in die alten, zentralisierten Strukturen der Winterkorn-Ära zurückzufallen, hieß es am Donnerstag bei der IG Metall.

Einkaufsvorstand soll vor Ablösung stehen

Beim Führungsumbau steht außerdem nach Tagesspiegel-Informationen der langjährige Einkaufsvorstand Francisco Javier Garcia Sanz vor der Ablösung. Auch Personalvorstand Karlheinz Blessing wird ersetzt – durch Gunnar Kilian, der bisher Generalsekretär und rechte Hand des Betriebsratsvorsitzenden Bernd Osterloh ist. Nach einem Bericht der „Automobilwoche“ bekommt Porsche-Chef Oliver Blume, bisher schon ständiger Gast in der Konzernführung, einen Vorstandsposten.

Nach Indiskretionen über die Umbaupläne hatte der Konzern am Dienstag angekündigt, es werde Veränderungen im Vorstand geben, dabei aber keine Namen genannt. Nach und nach sickerten Details durch, viele Mitarbeiter erfuhren aus der Zeitung von den Veränderungen. Im Unternehmen stößt das auf Unmut. „Die Art und Weise, wie der Wechsel verkündet wurde, ist unsäglich“, sagte ein Manager dem „Handelsblatt“. Vor allem die mangelnde Kommunikation des Aufsichtsrats, der vom früheren Finanzvorstand Hans Dieter Pötsch geführt wird, wurde kritisiert. Pötsch, der enge Beziehungen zur Eigentümerfamilie Porsche/Piech pflegt, hatte laut „Handelsblatt“ die neun Konzernvorstände am Dienstag gerade über den Chefwechsel informiert, da legte Diess seine eigenen detaillierten Pläne schon auf den Tisch – in Anwesenheit von Müller. Das Vorpreschen des VW-Markenchefs habe einige Vorstandskollegen vor den Kopf gestoßen. Finanzvorstand Frank Witter sei entrüstet gewesen.

Ablösung gleicht einer Demontage

Hinter dem plötzlichen Machtwechsel stehen der Familienclan und das Land Niedersachsen, dem 20 Prozent von Volkswagen gehören. Sie trauen Müller, der unmittelbar nach Bekanntwerden der Dieselaffäre Ende 2015 ins Amt kam, nicht mehr zu, den Konzern in die Zukunft zu führen. Müller selbst hatte angedeutet, dass er 2015 mehr aus Pflichtgefühl dem Wunsch der Mehrheitseigentümer nachgekommen sei, als erfolgreicher Porsche-Chef nach Wolfsburg zu wechseln. Auch hatte er erklärt, dass er seinen Vertrag bis 2020 erfüllen wolle – und nicht darüber hinaus.

Nun wird ihm die Entscheidung vorzeitig abgenommen; seine Ablösung gleicht einer Demontage. „Ihm fehlt das Format“, heißt es hinter den Kulissen. Aufgezählt werden seine Schwächen, vor allem in der Kommunikation – trotz des sehr erfolgreichen Geschäftsjahres 2017 und der unbestritten gelungenen Transformation des VW- Konzerns in Müllers Regie. Doch Herbert Diess wird mehr zugetraut. „Er ist klüger und differenzierter als Müller, er hört besser zu, sieht die Notwendigkeit von Kommunikation und Kooperation“, heißt es. „Diess weiß, worauf es im VW-Konzern ankommt und welche Erwartungen die Öffentlichkeit an das Unternehmen hat.“

Diess ist ehrgeizig, aber nicht arrogant

Von Vorteil sei außerdem, dass Diess keine Vorgeschichte bei VW habe. Anders als Müller, der schon mehr als 30 Jahre im Unternehmen arbeitet, kam Diess im Sommer 2015 von BMW, keine drei Monate vor Bekanntwerden des Dieselskandals. Zwar leitete die Staatsanwaltschaft auch gegen ihn Ermittlungen im Diesel-Kontext ein – gleichzeitig kann aber niemand Diess vorwerfen, an der Entwicklung der illegalen Abschalteinrichtung beteiligt gewesen zu sein. „Diess kommt von außen, aber er kennt den Konzern inzwischen wie ein Insider“, heißt es im Umfeld.

Martin Winterkorn hatte ihn geholt, um die Profitabilität bei der Kernmarke VW zu steigern. Das ist ihm gelungen. Schon bei BMW, wo Diess gerne Vorstandsvorsitzender geworden wäre, setzte er Einsparungen durch. Zunächst als Leiter einiger Werke, als Motorrad-Chef, dann als Einkaufsvorstand. Als Entwicklungschef prägte er den Ausbau des Hybrid-Programms und der Elektromobilität. Diess ist ehrgeizig, aber nicht arrogant, er kann überzeugen und begeistern. Sein Traum, einen Autokonzern zu führen, dürfte nun in Wolfsburg in Erfüllung gehen.

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