Nach dem Juncker-Besuch : Wie sinnvoll ist der Trump-Deal?

Die USA verzichten auf Autozölle, dafür kauft die EU mehr US-Soja und -Gas. Profitieren könnten davon beide Seiten – zumindest theoretisch. Praktisch gibt es noch viele offene Fragen.

US-Landwirte wie hier in Iowa sind vom Export der Sojabohnen abhängig.
US-Landwirte wie hier in Iowa sind vom Export der Sojabohnen abhängig.Foto: dpa

Die Landwirte im mittleren Westen der USA haben Donald Trump umgestimmt. Auch ihretwegen hat der US-Präsident sich auf den Kompromiss mit den Europäern eingelassen: Die Amerikaner verzichten vorerst auf Autozölle, dafür kaufen die Europäer mehr Soja und Flüssiggas in den USA ein. Vor allem die deutschen Autobauer reagierten darauf mit Erleichterung, ihre Aktien legten kräftig zu. Das sei ein wichtiges Signal der Deesklation, heißt es beim Branchenverband VDA. „Damit besteht nun eine reale Chance, zusätzliche Zölle oder gar einen Handelskrieg zwischen den USA und der EU zu verhindern.“

Tatsächlich könnte der Deal, auf den sich Trump und EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker am Mittwochabend in Washington geeinigt haben, für beide Seiten von Vorteil sein.

Was Trump davon hat

Der US-Präsident ist in den letzten Monaten immer mehr unter Druck geraten. Viele Landwirte haben ihm 2016 ihre Stimme gegeben – fühlten sich zuletzt aber verraten. Denn sie waren die Ersten, die die Strafzölle zu spüren bekamen. Ihr wichtigstes Exportprodukt sind Sojabohnen, von denen sie in der Vergangenheit besonders viel nach China verkauft haben. Doch dann hat Peking – als Gegenreaktion auf Trumps Zölle – eine Strafabgabe auf Soja eingeführt. Seitdem kaufen die Chinesen die eiweißhaltigen Bohnen lieber in Brasilien ein.

Trump hat den Landwirten deshalb sogar schon Ausgleichszahlungen zugesagt – was ihnen aber nicht reicht. Das Versprechen, dass die Europäer ihnen künftig mehr Soja abkaufen, ist für sie wie für Trump eine große Erleichterung.

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Handelskrieg zwischen EU und USA vorerst abgewendet
Handelskrieg zwischen EU und USA vorerst abgewendet

Wie die EU profitiert

Gleichzeitig haben aber auch die Europäer etwas von dem Deal. Denn während die Amerikaner sehr viel mehr Soja anbauen, als sie selbst verbrauchen, ist es in der EU umgekehrt. Die Staatengemeinschaft ist auf den Import von Soja angewiesen – vor allem beim Tierfutter, zu dem ein Großteil der Sojabohnen weiterverarbeitet wird. In der EU halten die Landwirte so viele Nutztiere, also Hühner, Schweine oder Rinder, dass hierzulande auf den Feldern für sie schlicht nicht genug eiweißhaltiges Futter angebaut werden kann. Allein im vergangenen Jahr haben die Europäer deshalb 33 Millionen Tonnen Soja aus Nord- und Südamerika einkauft – umgerechnet sind das etwa 64 Kilogramm pro Einwohner.

Dazu kommt: Ökonomen meinen, dass die Europäer ohnehin in den nächsten Monaten mehr Soja in den USA eingekauft hätten – also auch ohne den Trump-Deal. Weil die Chinesen auf Brasilien umschwenken, steigen dort nämlich die Preise – während Soja in den Vereinigten Staaten günstiger wird.

Welche Rolle Flüssiggas spielt

Die Amerikaner fördern jedes Jahr mehr Gas – vor allem dank des Frackings, bei dem es mit Chemikalien aus dem Gestein gelöst wird. Sie produzieren dadurch inzwischen mehr, als sie selbst verbrauchen. Die Internationale Energieagentur geht sogar davon aus, dass die USA bis Ende 2022 zum zweitgrößten Exporteur von Flüssiggas werden könnte (hinter Australien auf Platz eins). Entsprechend groß sind die Bemühungen von Trump, Abnehmerländer zu finden. Dass die EU anbieten, den USA mehr Flüssiggas abzukaufen, kommt ihm also entgegen.

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Die Europäer wiederum können sich auf diese Weise weniger abhängig von dem Gas aus Russland machen. Das Flüssiggas aus den USA könne „ zu einer weiteren Diversifizierung und Flexibilisierung der Importquellen für Erdgas in Europa beitragen“, sagt Stefan Kapferer vom Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft. Zwar sind die Häfen in Deutschland darauf noch gar nicht vorbereitet – es gibt hierzulande schlicht keine Terminals für Gas-Tanker. Allerdings heißt es in der Branche, dass man den Handel über die Häfen in Zeebrügge in Belgien oder Rotterdam in den Niederlanden abwickeln könnte.

Ob sich das am Ende auszahlt, ist allerdings eine andere Frage. „Derzeit ist Pipelinegas in Europa oftmals deutlich günstiger“, sagt Kapferer.

Welche Fragen noch offen sind

So gut sich der Deal mit den USA nun auch anhört, komplett abgesagt ist der Handelskrieg damit noch nicht. Bislang sind das reine Absichtserklärungen, die erst noch schriftlich festgehalten werden müssen. Auch ist unklar, wie die EU überhaupt ihre Versprechen einhalten kann. Wie viel Soja oder Gas Konzerne wo auf der Welt einkaufen, hängt schließlich vom Markt ab – nicht von der Politik.

Gleichzeitig haben sich die Europäer mit diesem Deal erstmal nur Zeit erkauft. Die Vereinbarung gilt lediglich solange, wie verhandelt wird. Und was bei diesen Verhandlungen am Ende herauskommen wird, ist noch völlig unklar. Zumal Trump sich eine radikale Lösung vorstellt: Man wolle in den Gesprächen mit der EU versuchen, die Zölle und Beihilfen komplett auf null zu senken - spricht: sie abschaffen. Dagegen dürften allerdings viele in Europa etwas haben: allen voran die Landwirte, die von hohen Beihilfen aus Brüssel profitieren.

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