Rückgang trotz Coronakrise : Bedarf an Leasingkräften in der Pflege sinkt überraschend

Zeitarbeitsfirmen, die Leih-Pflegekräfte vermitteln, haben sich auf einen Ansturm vorbereitet. Jetzt müssen sie Kurzarbeit anmelden. Die Gründe sind vielfältig.

Pflege in Zeiten von Corona. Hier ein Seniorenheim in Baden-Württemberg.
Pflege in Zeiten von Corona. Hier ein Seniorenheim in Baden-Württemberg.Foto: dpa/Felix Kästle

Viele Krankenhäuser haben wie von der Politik gefordert in der Coronakrise ihre Behandlungskapazitäten hochgefahren. Dafür haben sie in großen Aufrufen Medizinstudenten in höheren Semestern, pensionierte Pflegekräfte und Berufswechsler mit einem medizinischen Abschluss reaktiviert, um für den vermuteten Ansturm von Covid-19-Patienten gerüstet zu sein.

Das Potenzial von Leih-Pflegekräften bleibt jedoch weitgehend ungenutzt, wie Recherchen des Tagesspiegel Background Gesundheit& E-Health zeigen. Dabei wächst die Zahl von Pflegekräften in Kliniken und Pflegeheimen, die sich mit dem Coronavirus infiziert haben und deshalb unter Quarantäne stehen. Allein in Berlin sind derzeit knapp 100 Mitarbeiter in den stationären Pflegeheimen nachgewiesenermaßen infiziert.

Vor diesem Hintergrund hatten noch im März Zeitarbeitsfirmen, die auf die Überlassung von Pflegekräften spezialisiert sind, eine stark wachsende Nachfrage nach ihrer Dienstleistung erwartet. Man rechnete bereits mit steigenden Entgelten. Laut einer 2019 veröffentlichten Detailanalyse der Bundesagentur für Arbeit gibt es in der Krankenpflege in Deutschland rund 22 000 Leiharbeitnehmer, in der Altenpflege 12 000.

Personalreserve der Zeitarbeit bleibt ungenutzt

Doch ausgerechnet in einer Zeit, in der zum einen durch den Ausbau von Behandlungskapazitäten in den Krankenhäusern und zum anderen durch eine immer größere Zahl von infizierten Pflegekräften die Lücken größer werden, bleibt diese Personalreserve zum großen Teil ungenutzt. Tagesspiegel Background Gesundheit& E-Health hat sich bei Vermittlungsagenturen und Zeitarbeitsfirmen umgehört.

Das Ergebnis: Die erwartete große Nachfrage bei den Leasingkräften in der Pflege blieb aus. Der Bedarf fällt derzeit sogar geringer aus als im Vorjahr. „Wir registrieren aktuell eine Halbierung der Nachfrage zum Vorjahr“, sagt Alexander Muschalle, Geschäftsführer der Berliner Firma InSitu, dem nach eigenen Angaben größten Vermittlungsportal in Deutschland, das Auftraggeber und Leiharbeitsfirmen in der Pflege zusammenbringt.

Die Preise der Verleiher sinken 

Mit 70 Prozent weniger sei der Nachfragerückgang bei den Pflegehelfern „dramatisch“. Auch die Nachfrage nach Fachkräften sei deutlich zurückgegangen. Das Ergebnis des Einbruchs sei, dass bereits einige Zeitarbeitsunternehmen Kurzarbeit anmelden mussten. Und der Nachfragerückgang wirkt sich auch auf die Honorare aus: „Die Preise der Verleiher sinken“, sagt Muschalle.

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Ähnliche Erfahrungen macht die Berliner Zeitarbeitsfirma Anbosa, die auf die Überlassung von Pflegekräften in Berliner und Brandenburger Krankenhäusern und Pflegeheimen spezialisiert ist. „Im Vorjahresvergleich erleben wir gerade eine stark rückläufige Nachfrage sowohl nach Leasingkräften als auch nach Freelancern“, sagt Anbosa-Geschäftsführer Andreas Worch. „Wir haben grob geschätzt etwa zehn Prozent weniger Anfragen.“

Kliniken haben wegen der Corona-Pandemie Stationen geschlossen

Einen rückläufigen Bedarf bestätigt auch die auf Pflege spezialisierte Berliner Zeitarbeitsfirma Flexxicare, „sowohl in den Kliniken als auch in den Pflegeeinrichtungen“, sagt Ulrike Müller, stellvertretende Geschäftsführerin von Flexxicare. Die Gründe lägen auf der Hand, meint Worch. „Krankenhäuser haben viele Stationen geschlossen, um die Intensivbetten und die personellen Kapazitäten dafür bereitzustellen.“

Weil die übrigen Stationen nicht belegt seien, könnten die „Kundenbetriebe“ in der Regel den Bedarf aus eigenen Reihen sicherstellen. Das zeige sich schon daran, dass einige Krankenhäuser in Deutschland Kurzarbeit angemeldet hätten.

[Alle aktuellen Entwicklungen in Folge der Coronavirus-Pandemie finden Sie hier in unserem Newsblog. Über die Entwicklungen speziell in Berlin halten wir Sie an dieser Stelle auf dem Laufenden.]

Ein "stilles Sterben" in Pflegeheimen

Und auch in den Pflegeheimen wachse der Personalbedarf nicht, denn dort habe „ein stilles Sterben begonnen“. Etwa ein Drittel aller Corona-Toten lebte in Heimen. Ein weiterer Grund sei, dass Pflegeheime Leasingpersonal mit größter Achtsamkeit buchen, um das Eintragen von Infektionen ins Haus zu vermeiden, sagt Flexxicare-Vizechefin Müller. Und auch die Leasingfirmen selbst leiden unter einem hohen Krankenstand.

„Wir hatten in den schlimmsten Zeiten der Pandemie einen coronabedingten Personalausfall in Höhe von 20 Prozent“, sagt Anbosa-Geschäftsführer Worch. „Es ist anders gekommen, als wir alle dachten“, sagt InSitu-Chef Muschalle. „Der Markt ist extrem zurückgegangen, da die Einrichtungen sehr hohe Kapazitäten geschaffen haben und wir in Deutschland keine Überforderung des Gesundheitssystems haben.“

Vielleicht ist genau das ein weiteres Argument für die Berliner Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci (SPD), die daran festhält, das Verbot von Leasing in der Pflege vorantreiben zu wollen. Die Bundesratsinitiative zur Eindämmung der Leiharbeit in der Pflege wurde am 13. März in den Bundesrat eingebracht und in die Ausschüsse überwiesen, die wegen der Coronakrise derzeit pausieren. Das Thema wird also wiederkommen.

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