• Berliner Kliniken erwarten Coronavirus-Welle: Die große Unsicherheit in einem der größten Krankenhäuser der Republik

Berliner Kliniken erwarten Coronavirus-Welle : Die große Unsicherheit in einem der größten Krankenhäuser der Republik

Kliniken stellen sich auf eine Welle von Corona-Patienten ein. Ärzte klagen über fehlende Informationen, wie sie mit eigenen Infektionen umgehen sollen.

Der Haupteingang des Helios-Klinikums Berlin-Buch. Ärzte dort sind wegen der Coronakrise verunsichert.
Der Haupteingang des Helios-Klinikums Berlin-Buch. Ärzte dort sind wegen der Coronakrise verunsichert.Foto: Tobias Kleinschmidt dpa/lbn

Mit 60 Fachabteilungen, mehr als 1.000 Betten und über 200.000 Patienten pro Jahr ist das Helios Klinikum Berlin-Buch eines der meistfrequentierten Häuser der Republik, nicht umsonst trägt es den Titel „Maximalversorger“.

Mit seinem hohen Patientenaufkommen und unzähligen täglichen Kontakten zwischen Ärzten und teils schwer kranken Patienten gibt es an Orten wie diesen eine besondere Notwendigkeit, einer Aus- und Verbreitung des Coronavirus‘ entgegenzuwirken.

Allzu großes Vertrauen in das Krisenmanagement haben manche Kollegen im Klinikum offenbar aber nicht, geht es um den Schutz der eigenen Mitarbeiter. Das jedenfalls legen die Berichte eines Arztes, der ungenannt bleiben möchte, nahe.

„Es gibt bei uns im Haus keinerlei Kommunikation zur Corona-Pandemie“, beklagt dieser. „Gegenüber uns wird von der Hausleitung das Problem heruntergespielt und der Eindruck vermittelt, dass es uns nicht betrifft, sondern nur die Rettungsstelle.“

Klinik sieht sich gut auf Coronavirus vorbereitet

Eine Helios-Sprecherin widerspricht dieser Darstellung entschieden. „Das Helios Klinikum Berlin-Buch ist auf die pflegerische und medizinische Betreuung hoch infektiöser Patienten sehr gut vorbereitet“, sagt sie. Man arbeite eng mit den Gesundheitsamt zusammen.

„Auch bei Verdachtsfällen unter Mitarbeitern verläuft die Informationskette, die Identifikation und Testung von Kontaktpersonen nach Abstimmung mit dem Gesundheitsamt“, so die Sprecherin. Bei Verdacht auf eine Infektion seien Mitarbeiter aufgerufen, sich bei Vorgesetzten und dem Gesundheitsamt zu melden.

Hätten sich Mitarbeiter in den letzten zwei Wochen in einem Corona-Risikogebiet aufgehalten oder Kontakt zu einem Erkrankten gehabt, folge eine Beratung und gegebenenfalls ein Corona-Test.

Das „Bunkern“ von Desinfektionsmitteln sei kontraproduktiv

Besondere Sorge bereitet dem Helios-Arzt ein drohender Mangel an Desinfektionsmitteln. Es würden schon jetzt deutlich weniger Flaschen geliefert als bestellt.

„Bis jetzt haben wir noch genug, weil wir in den letzten Wochen gebunkert haben.“ Man bitte, sagt dazu die Helios-Sprecherin, aktuell alle Mitarbeiter darum, „ressourcenschonend“ mit Desinfektionsmitteln und Atemschutzmasken umzugehen.

Der derzeitige Bestand reiche aus, „um die Regelversorgung sicherzustellen. Die Versorgungslage ist jedoch durch das stark eingeschränkte Marktangebot außergewöhnlich angespannt.“

Das „Bunkern“ von Desinfektionsmitteln hingegen sei kontraproduktiv, „es gefährdet unter Umständen andere Mitarbeiter und Patienten“ – darauf werde im Intranet auch deutlich hingewiesen.

Die Sprecherin betont, dass es im Klinikum seit Wochen einen „Pandemiestab“ gebe, dem unter anderem sie selbst, Mitglieder der Geschäftsführung und Mitarbeiter aus dem ärztlichen und pflegerischen Dienst angehörten.

Hintergrund über das Coronavirus:

Allerdings, beklagt der Arzt, „ist dort weder ein Epidemiologe, ein Infektiologe oder ein Virologe vertreten“. Er vermisse deutliche Vorgaben für die Ärzte und Pflegekräfte im Haus, was sie im Falle eines Verdachts auf Infektionen bei Patienten oder Personal tun sollen.

„Es gibt zwar die ausdrückliche Empfehlung, das dem Haus zu melden, aber eben keine Verpflichtung. Auch hier lässt man letztlich die Kollegen mit ihren Entscheidungen allein.“

Dazu die Unternehmenskommunikation: „Selbstverständlich können auf jeder Station bei Bedarf Abstriche vorgenommen werden. Die Testung erfolgt in Abstimmung mit den Gesundheitsämtern. Nur so kann die Meldepflicht sichergestellt werden.“

14 Tage Quarantäne an der Charité

Die Helios-Spitze betont, dass ihr Krisenstab die Lage sehr genau beobachte und sich gut vorbereitet sieht, man halte sich strikt an alle offiziellen Vorgaben und die Leitlinien des Robert Koch-Instituts (RKI). Die Unsicherheit des Helios-Arztes dürfte indes durchaus repräsentativ sein für viele Kollegen im Land – immer wieder steht die Frage im Raum, wie man mit einem Infektionsverdacht beim Klinik-Personal umzugehen hat.

Eine Sprecherin des RKI erklärt gegenüber Tagesspiegel Background, dass man in ihrem Institut derzeit diskutiere, wann medizinisches Personal getestet werden soll. Kritisch sei vor allem der enge, ungeschützte Kontakt: Mehr als 15 Minuten im Abstand von unter einem Meter mit einem SARS-CoV-2-Träger. 

An der Berliner Charité hält man an den geltenden RKI-Empfehlung fest: Dementsprechend wird medizinisches Personal, das Kontakt mit Corona-infizierten Patienten hatte, vorsorglich für 14 Tage unter häusliche Quarantäne gestellt. Zeigten sich in dieser Zeit keine Symptome, sollen die Betroffenen wieder zur Arbeit erscheinen.

Ein Test, ob tatsächlich eine Infektion mit dem Coronavirus vorliegt, ist in solchen Fällen nicht vorgesehen. Wie viele Ärzte und Pflegekräfte der Universitätsklinik sich aufgrund dieser Regel derzeit in häuslicher Quarantäne befinden, dazu will die Charité keine Auskunft geben.

Verkürzte Quarantäne für Ärzte

Diese Regelung, die dazu führen kann, dass möglicherweise unnötig das dringend gebrauchte Personal für die medizinische Versorgung fehlt, wird auch von Experten der Charité kritisiert. Man erwäge eine Anpassung der Regelungen in den kommenden Tagen, heißt es bei der Charité.

Im Gespräch seien eine auf acht Tage verkürzte Quarantäne oder eine tägliche Testung von Personal in Schlüsselpositionen, wie es der Charité-Virologe Christian Drosten kürzlich vorgeschlagen hat. Die Diskussionen seien aber noch nicht abgeschlossen. 

Der kommunale Berliner Krankenhauskonzern Vivantes testet seine Mitarbeiter und Patienten derzeit laut einer Unternehmenssprecherin dann, wenn es einen direkten Kontakt zu einer positiv auf SARS-CoV-2 getesteten Person gegeben hat und sich zusätzlich Symptome zeigen, dazu zählen auch Halsschmerzen oder Schnupfen.

Ohne Symptome allerdings sei ein Test nicht ratsam, weil dieser trotz einer sich vielleicht entwickelnden Infektion negativ ausfallen und alle „in falscher Sicherheit wiegen“ könne, wie Vivantes auf Anfrage erklärt. Der Betriebsärztliche Dienst von Vivantes berate Mitarbeiter, ob die Indikation für einen Abstrich gegeben sei. (Mitarbeit Gunnar Göpel und Ingo Bach)

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