Pflichtfach "Religion und Ethik" ab der ersten Klasse

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Islamisierung des türkischen Bildungssystems : Osmanisch für alle

Auch andere Beschlüsse der Bildungskonferenz entsprachen den Vorgaben Erdogans. So wurde entschieden, die Zubereitung von Cocktails aus den Lehrplänen der Hotelfachschulen zu streichen. Auch entschieden die Bildungspolitiker, das Pflichtfach „Religion und Ethik“ künftig schon ab der ersten Klasse der Grundschule beginnen zu lassen; bisher startete der Religionsunterricht erst in der vierten Klasse. Gegnern dieser Reform wurde laut Presseberichten bei der Sitzung vorgeworfen, sie seien wohl gegen Allah.

Neben weltanschaulichen Motiven spielen auch praktisch-politische Beweggründe eine Rolle. Erdogan sendet klare Botschaften an die Basis seiner Regierungspartei AKP, die bei den Parlamentswahlen im kommenden Jahr mehr als 50 Prozent der Stimmen gewinnen will. Der Präsident fordert die Ausbildung einer „frommen Jugend“, er will ein Land, das stolz ist auf den Islam und auf die islamische Kultur und in dem Säkularisten und andere Skeptiker keine Rolle mehr spielen. Seine umstrittenen Äußerungen über die Entdeckung Amerikas durch Muslime, seine Unterstützung für die religiösen Imam-Hatip-Schulen und seine scharfe Kritik an der angeblich nur an Öl und Gas interessierten Nahost-Politik des Westens sind Ausdruck dieses Weltbildes.

Die Zeit des Osmanen-Reiches als angeblicher Ära von Frieden und Harmonie spielt bei den Bemühungen der islamisch-konservativen Regierung um eine Festigung einer muslimisch geprägten Identität der Türken schon seit längerem eine große Rolle. In Istanbul ließ die AKP-Stadtverwaltung 2009 ein Panorama-Museum zum Thema der Eroberung der Stadt durch Osmanen-Sultan Mehmet II. im Jahr 1453 bauen.

Wie in guten alten, osmanischen Zeiten

Erdogan und sein Ministerpräsident Ahmet Davutoglu verweisen häufig auf die Osmanenherrschaft im Nahen Osten als Beispiel für ein vorbildhaftes Zusammenleben der Angehörigen verschiedener Religionen. Nicht nur türkische Politiker sind fasziniert von der guten alten Zeit. Im türkischen Fernsehen locken Serien über das Leben am osmanischen Hof Millionen von Zuschauern vor die Bildschirme.

Erdogans Forderung nach Osmanisch-Unterricht bildet eine neue Stufe der Osmanen-Verherrlichung. Die Websites regierungsnaher Zeitungen bieten ihren Lesern bereits die Übersetzung ihrer Namen ins Osmanische an. Die Opposition argwöhnt unterdessen, dass Erdogan die vor 90 Jahren abgeschaffte arabische Schrift wieder einführen und damit die Reformen Atatürks zum Teil wieder aufheben will.

Allerdings haben weder Erdogan noch die regierungstreuen Bildungspolitiker bisher erklären können, welcher Stoff im Fach „Osmanisch“ überhaupt gelehrt werden soll. Die osmanische Hofsprache ist ein hochkompliziertes Gebilde, das nur von wenigen Experten beherrscht wird.

Schlechteste Englischkenntnisse Europas

Einige Beobachter plädieren dafür, die osmanische Sprache zum Wahlfach zu machen, um die Erforschung osmanischer Dokumente zu erleichtern, die bisher ungelesen in den Archiven lagern. Doch ein Pflichtfach zu etablieren, sei angesichts der Bedürfnisse der modernen Türkei und ihrer Wirtschaft kontraproduktiv, schrieb der Wirtschaftskolumnist Emre Deliveli in der „Hürriyet Daily News“. Wenn Erdogan wirklich wolle, dass türkische Schüler eine Fremdsprache lernen, dann solle er es einmal mit Englisch versuchen.

Derzeit bildet die Türkei in Sachen Englischkenntnisse das Schlusslicht in Europa. Die Osmanisch-Debatte droht die dringend notwendige Diskussion über die wirklichen Probleme im türkischen Bildungssystem zu verdrängen.

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