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Reinhardt zweifelt an Alltagsmasken : Ärztepräsident spricht von „Vermummungsgebot“ – Lauterbach fordert Rücktritt

Masken böten wohl nur wenig Schutz, sagt der Ärztepräsident. SPD-Gesundheitsexperte Lauterbach ist entsetzt über die Aussagen. „Unentschuldbar“ sei das.

Ein Hinweisschild in der Einkaufsstraße Zeil in Frankfurt am Main.
Ein Hinweisschild in der Einkaufsstraße Zeil in Frankfurt am Main.Foto: Andreas Arnold/dpa

Den Mund-Nasen-Schutz empfinden viele als lästig, nicht zuletzt die Menschen, die ihn berufsbedingt länger tragen müssen. Glaubt man jüngsten Umfragen, unterstützt die ganz große Mehrheit der Bundesbürger die Maskenpflicht dennoch. Ein prominenter Akteur in der Pandemie hat jetzt mit Aussagen dazu Irritationen ausgelöst.

Der Präsident der Bundesärztekammer, Klaus Reinhardt, machte am Mittwochabend deutlich, dass er am Nutzen von Alltagsmasken bei der Bekämpfung der Coronavirus-Pandemie zweifelt. Er sei von den Alltagsmasken nicht überzeugt, „weil es auch keine tatsächliche wissenschaftliche Evidenz darüber gibt, dass die tatsächlich hilfreich sind“, sagte er in der ZDF-Talkshow „Markus Lanz“ vor einem Millionenpublikum. „Schon gar nicht im Selbstschutz und wahrscheinlich auch nur ganz wenig im Schutz, andere anzustecken.“

Reinhardt reihte sich damit in eine Reihe mit dem schwedischen Staatsepidemiologen Anders Tegnell, der es bisher ablehnt, für sein Land eine Maskenpflicht zu empfehlen – und dafür von vielen anderen Experten scharf kritisiert wird. Im Zusammenhang mit der Maskenpflicht sprach Reinhardt an einer Stelle der Sendung sogar von einem „Vermummungsgebot“.

Am Freitag ruderte Reinhardt allerdings zurück. „Die aktuelle Evidenz aus vielfältigen Studien spricht für einen Nutzen des Mund-Nasen-Schutzes“, teilte er mit. Seine Aussagen hätten zu erheblichen Irritationen geführt, die er sehr bedaure. „Die Studien weisen darauf hin, dass sowohl die Übertragung auf andere als auch die Selbstansteckung durch Alltagsmasken reduziert wird“, sagte er laut einer Mitteilung der Bundesärztekammer.

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Der SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach bezeichnete die Äußerungen Reinhardts im ZDF in einem Tweet als „unentschuldbar“ für den „ranghöchsten deutschen Ärztefunktionär“. „Aus meiner Sicht ein Rücktrittsgrund, wenn er das nicht sofort zurücknimmt“, schrieb er.

„Focus online“ sagte er: „Dr. Reinhardt ist mehrfach durch völlig unwissenschaftliche und auch nicht ganz verantwortungsvolle Äußerungen in den letzten Tagen aufgefallen.“ Sollte Reinhardt seine Meinung zu Masken nicht ändern, „wäre ehrlich gesagt sogar sein Rücktritt etwas, worüber man in Kammerkreisen unbedingt diskutieren muss“, forderte Lauterbach.

Auch von der Ärztegewerkschaft Marburger Bund wurde Reinhardt kritisiert. „Diese persönliche Auffassung des Bundesärztekammer-Präsidenten steht im Widerspruch zur aktuellen Studienlage und ist geeignet, das seit Monaten wirksame und evidenzgestützte Konzept zur Minimierung von Infektionen zu diskreditieren“, sagte die Vorsitzende Susanne Johna.

In den allermeisten Ländern gelten Masken inzwischen als eine der wichtigsten Maßnahmen, um die Ausbreitung des Coronavirus zu bremsen. Lange zögerten die Weltgesundheitsorganisation (WHO) wie auch das Robert-Koch-Institut (RKI), diese Maßnahme flächendeckend zu empfehlen.

Eine Metaanalyse der McMaster University in Hamilton in Kanada von Beobachtungsstudien aus 16 Ländern kam dann im Sommer zu dem Ergebnis, Schutzmasken können vor einer Infektion mit dem neuen Coronavirus bewahren – nicht nur die anderen, sondern auch sich selbst.

RKI-Chef Wieler sprach sich für Maskenpflicht aus

RKI-Präsdent Lothar Wieler sprach sich am Donnerstagmorgen angesichts der explodierenden Infektionszahlen für eine umfangreiche Maskenpflicht in Deutschland aus. Zur Frage, an welcher Stelle wirklich etwas bewirkt werden könne, sagte Wieler bei einer Pressekonferenz in Berlin: „Also Maskenpflicht in den Räumen, wo man sich anstecken kann.“

Wieler erwähnte den öffentlichen Nahverkehr und Geschäfte – wo dies bereits gilt – sowie Innenräume, wo viele Menschen zusammenkämen. Seine Empfehlung sei, das Tragen einer Maske, „in den Bereichen, wo Menschen zusammenkommen, insbesondere in Innenräumen, ganz klar“.

Auch Reinhardt hatte in der Sendung gesagt, er glaube, dass man den Mund-Nasen-Schutz tragen könne, wo man den Abstand nicht wahren könne, etwa im öffentlichen Nahverkehr oder in Räumlichkeiten, wo man notwendigerweise eng beieinander sei. Zum Tragen an der frischen Luft sagte er: „Ich glaube, dass das wenig bringen wird.“

Präsident der Bundesärztekammer: Klaus Reinhardt.
Präsident der Bundesärztekammer: Klaus Reinhardt.Foto: Wolfgang Kumm/dpa

In einigen Städten wurde die Maskenpflicht auch auf viel frequentierten öffentlichen Straßen und Plätzen angeordnet, an denen es nicht genug Raum zum Abstandhalten für alle gibt. So soll der der Mund-Nasen-Schutz in Berlin ab Samstag noch mehr zum Alltag gehören – auch im Freien auf dem Wochenmarkt oder der Shopping-Meile.

Am Donnerstagmittag veröffentlichte die Bundesärztekammer dann ein gemeinsames Statement von Reinhardt und den Vizepräsidentinnen Ellen Lundershausen und Heidrun Gitter.

Darin heißt es, die Schutzkonzepte für Menschen mit erhöhtem Risiko müssten angepasst werden, dies gelte insbesondere für die Orte, wo ältere Menschen zusammenleben, also beispielsweise in Seniorenheimen. „Für Menschen mit erhöhtem Risiko kann das Tragen einer FFP2-Schutzmaske sehr sinnvoll sein. Wir plädieren deshalb dafür, Risikopatienten FFP2-Masken zur Verfügung zu stellen.“

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Für alle anderen Menschen gelte, dass in allen Situationen, in denen kein ausreichender Abstand gewahrt werden könne, zum Beispiel in geschlossenen Räumen oder im Öffentlichen Nahverkehr, „das Tragen eines Mund-Nase-Schutzes sinnvoll ist. Dieser ist zwar kein sicherer Schutz vor einer eigenen Infektion, hilft aber, durch eine mechanische Reduktion der Aerosol-Verbreitung andere zu schützen.“

Dem Tagesspiegel hatte Reinhardt Ende August in einem Interview gesagt: „Nach meinem persönlichen Eindruck, etwa bei Zugreisen, funktioniert das Maskentragen einigermaßen. Manchmal hängen sie zwar unter der Nase, und den hygienischen Zustand manches Atemschutzes lasse ich auch mal außen vor.“

Mund-Nasen-Masken seien kein sicherer Schutz

Sehr wenig Disziplin erlebe er aber beim gebotenen Abstandhalten in der Öffentlichkeit. „Wie nahe man sich auf der Rolltreppe kommt, wie man in einen Zug ein- und aussteigt, ist wichtig für die Eindämmung der Pandemie. Ich habe mich lange dafür ausgesprochen, hier an die Vernunft der Menschen zu appellieren. Mittlerweile finde ich, dass wir da schärfer vorgehen und auch sanktionieren müssen“, so Reinhardt.

Auf eine Anfrage des Tagesspiegels, wie die unterschiedlichen Äußerungen Reinhardts einzuordnen sind, teilte die Bundesärztekammer mit: „In der Sendung ,Markus Lanz' konnten nicht alle Argumente und Sachverhalte ausreichend differenziert erörtert werden, beispielsweise die Schutzwirkung von Mund-Nasen-Masken (MNM). Deren mechanische Schutzfunktion führt zu einer Aerosol-Reduktion und hilft damit, Infektionen anderer zu vermeiden.“

Die MNM seien aber kein sicherer Schutz vor einer eigenen Infektion. Mit der Stellungnahme hätten „der BÄK-Präsident und die BÄK-Vize-Präsidentinnen diese Sachverhalte noch einmal herausgestellt und die nun notwendigen Schritte zu einer wirksamen Begrenzung des Infektionsgeschehens dargelegt“. Das RKI lehnte es ab, die Aussagen Reinhardts aus der TV-Sendung zu kommentieren.

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