Seuchenpolitik in der Coronakrise : Warum sich Experten auch widersprechen müssen

Der Wissenschaftshistoriker Caspar Hirschi über die schwierige Rolle der Forscher in der Coronakrise und Christian Drosten als "Paradebeispiel".

Gesundheitsminister Jens Spahn mit Charité-Virologe Christian Drosten und RKI-Chef Lothar Wieler (von rechts). Ohne Expertise wäre Politik verloren, sagt Caspar Hirschi.
Gesundheitsminister Jens Spahn mit Charité-Virologe Christian Drosten und RKI-Chef Lothar Wieler (von rechts). Ohne Expertise wäre...Foto: Bern von Jutrczenka/dpa

Caspar Hirschi ist Professor für Allgemeine Geschichte an der Universität St. Gallen. Zuletzt erschien von ihm „Skandalexperten, Expertenskandale: Zur Geschichte eines Gegenwartsproblems“.

Herr Hirschi, Sie haben zur „Geschichte der Experten“ geforscht, deren diskursive Macht in Zeiten der Corona-Pandemie offensichtlich zunimmt. Ist der Experte/die Expertin in Krisenzeiten eine notwendige Orientierungsfigur?
Die Politik wäre in der aktuellen Situation ohne wissenschaftliche Expertise verloren. Sie hätte keine Chance, die potenziellen Folgen bestimmter Maßnahmen abzuschätzen. Gleichzeitig sind Expertinnen und Experten nur bedingt beratungsfähig, da ihnen wichtige Erkenntnisse zum Coronavirus noch fehlen.

Das ist das Paradox der aktuellen Krisenpolitik: Regierungen brauchen Experten mehr denn je, diese aber können in entscheidenden Punkten noch keine wissenschaftlich fundierten Empfehlungen abgeben. Die Situation ist nicht ganz ungefährlich, denn es kann der Eindruck eines wissenschaftlich induzierten Sachzwangs aufkommen, wo mangels gesicherten Wissens eigentlich keiner besteht.

Sie meinen, die Politik stellt auf ihre wissenschaftliche Fundierung ab, obwohl die Wissenschaft gar nicht in der Lage ist, einen klaren politischen Fingerzeig zu geben?
Die Politik möchte Diskussionen vermeiden, wenn sie bei hoher Ungewissheit massive Eingriffe ins gesellschaftliche Leben vornimmt. Da ist die Versuchung groß, die wissenschaftliche Fundierung zu überdehnen. Vor einem Monat wurden Schulen allein auf der Basis von epidemiologischen Modellrechnungen geschlossen, ohne dass man die Ansteckungsgefahr durch Kinder empirisch abgeklärt hatte. Nun sollen sie wieder geöffnet werden, und die Frage ist – wie Christian Drosten jüngst betonte – noch immer nicht abschließend geklärt. 

Wenn sich die Politik in so entscheidenden Belangen gar nicht auf wissenschaftliche Erkenntnis abstützen kann, stellt sich die Frage, ob der Gleichklang der Maßnahmen, den wir in fast allen europäischen Staaten beobachtet haben, nicht einem anderen Gesetz folgt.

Welches könnte das sein?
Das, was die Organisationstheorie mimetischen Isomorphismus nennt: In Krisenzeiten kommt es zur Angleichung durch Nachahmung, weil Organisationen, um Risiken zu minimieren und schnell zu reagieren, das tun, was andere bereits getan haben, ohne zu prüfen, ob es der eigenen Kultur oder Gesellschaftsstruktur angemessen ist. Täten sie etwas anderes, würde das nicht nur Zeit, sondern auch zusätzliche Rechtfertigungsarbeit kosten. 

Mein Eindruck ist, dass in der Coronakrise genau das passiert ist: Mangels gesicherten Wissens haben die Staaten, die später betroffen waren, jene kopiert, die früher dran waren, wobei es im März unter öffentlichem Druck zu einer Verschärfungskaskade kam. Experten hatten dabei auch die Funktion von Übersetzern. Sie erklärten Politikern in Europa, wie die Regierungen in Taiwan, Südkorea, Singapur und China das Virus bekämpften und was daraus zu lernen sei. So wurde Europa zum Schüler Asiens.

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Die europäische Seuchenpolitik ist also mehr durch Nachahmung geprägt, als dass sie wirklich verwissenschaftlicht wäre?
Ich meine: ja, zumal die Verwissenschaftlichung den Ereignissen zwangsläufig hinterherhinkt. Besonders der Umgang mit Schweden spricht für mimetischen Isomorphismus. Das Land verweigert sich als einziges dem Nachahmungszwang und steht deshalb unter enormem Rechtfertigungsdruck. Der Vorwurf von Kritikern, Schweden nehme den wissenschaftlichen Erkenntnisstand nicht ernst, greift dabei zu kurz. 

Das Land nimmt ihn vielleicht ernster als alle anderen. Es hat sich gegen Schulschließungen ausgesprochen, weil noch keine Evidenz vorliegt, dass Schulen als Virenschleudern wirken. Bis jetzt sind die schwarzen Prognosen, die Kritiker aufgestellt haben, auch nicht wirklich eingetroffen.

Haben Sie das Gefühl, dass Experten ihre blinden Flecken hinreichend reflektieren und mit der ihnen zuteilwerdenden Macht und Aufmerksamkeit verantwortungsvoll umgehen?
Vielfach ja, allerdings mehr in der Virologie als in der Epidemiologie. Christian Drosten ist diesbezüglich vorbildlich. Er macht immer wieder deutlich, wo es sinnvoll ist, auf das beschränkte und vorläufige Wissen der Experten zurückzugreifen, und wo nicht. Auch erklärt er, auf welchen Feldern trotz fehlender Expertise ein Handlungsdruck besteht, und lässt die Politik somit nicht aus der Verantwortung, eigene Entscheidungen zu treffen.

Der Wissenschaftshistoriker und "Experte des Expertentums", Caspar Hirschi.
Der Wissenschaftshistoriker und "Experte des Expertentums", Caspar Hirschi.Foto: Promo

Lässt sich Wissenschaft überhaupt adäquat in Politik übersetzen oder haben wir es hier mit jeweils einzigartigen Handlungslogiken zu tun, die schlicht nicht miteinander kompatibel sind?
Absolut! Es sind völlig verschiedene Systeme, deshalb finde ich die in der Wochenzeitung „Die Zeit“ ironisch gestellte Frage, ob Christian Drosten nun der neue Kanzler ist, selbst im Scherz etwas unglücklich. 

Würden wissenschaftliche Spezialisten Entscheidungsmacht ausüben, wäre das nicht nur undemokratisch, sondern auch wenig erfolgversprechend, weil sie jedes Problem nur aus ihrer fachwissenschaftlichen Perspektive betrachten können. Das große Ganze im Blick zu haben und verschiedene Sichtweisen gegeneinander abzuwägen, ist Aufgabe der Politik.

In Ihrem Buch „Skandalexperten, Expertenskandale. Zur Geschichte eines Gegenwartsproblems“ erklären Sie den – im Grunde antidemokratischen – 90er-Jahre- Traum einer Wissensgesellschaft, in der Experten das Politische qua ihrer objektiven Erkenntnisse konsensualisieren, für gescheitert. Aktuell haben Experten aber stark Konjunktur. Kommt die Wissensgesellschaft vielleicht doch?
Ich hoffe es nicht, und was mich zuversichtlich stimmt, ist die Tatsache, dass sich mittlerweile der Dissens unter den Experten immer stärker artikuliert. Sie widersprechen sich öffentlich, und das ist für die wissenschaftliche und demokratische Diskussionskultur höchst wertvoll.

Das Gegenteil von faktenbasierter Politik kann man derzeit in den USA beobachten, wo mit Donald Trump ein passionierter Klimawandelleugner das höchste politische Amt innehat. Natürlich ist Konsens kein demokratisches Ideal – ist es aber nicht trotzdem zu begrüßen, wenn Politik sich klar auf Wissenschaft stützt? Oder drohen sofort Demokratiedefizite, weil sich wissenschaftlich ummantelte Politik häufig als alternativlos inszeniert?
Die wissenschaftsfeindliche Politik eines Donald Trump ist als Reaktion auf die Versuche zu verstehen, eine expertengestützte Konsensdemokratie aufzubauen. Dass sie zum Scheitern verurteilt ist, sehen wir spätestens jetzt. Meines Erachtens sind aber die Fantasien einer technokratischen Expertenherrschaft und einer populistischen Volksdiktatur für die liberale Demokratie und die Wissenschaft ähnlich gefährlich.

Die Wissenschaft muss sich daher gegen zwei Seiten verteidigen, sowohl gegen die Instrumentalisierung durch die Politik als auch gegen die Anfeindung durch Populisten. Gerade Erstere haben Experten zu lange auf die leichte Schulter genommen. In den letzten Jahrzehnten kam es wiederholt vor – von Merkels Kehrtwende in der Atompolitik bis zu Camerons Remain-Kampagne –, dass sich Experten als Propagandisten haben einspannen lassen. Stellten sich ihre Aussagen dann als falsch heraus, wie die düsteren Konjunkturprognosen der Ökonomen im Falle eines Brexit, fiel es Populisten umso leichter, die Wissenschaft als Teil des „korrupten Establishments“ hinzustellen.

Mimetischer Isomorphismus: Europa ist in Sachen Seuchenpolitik zum Schüler Asiens geworden.
Mimetischer Isomorphismus: Europa ist in Sachen Seuchenpolitik zum Schüler Asiens geworden.Foto: dpa

Sehen Sie die Gefahr einer Selbstkorrumpierung der Wissenschaft durch ihre politische Indienstnahme auch in der Coronakrise?
Heute scheinen mir die Experten deutlich umsichtiger zu sein. Christian Drosten ist wieder das Paradebeispiel, wenn er stets betont, er könne nur eine bestimmte Perspektive, nicht aber die absolute Wahrheit präsentieren.

Vielen Experten ist klar, dass die wissenschaftliche Auseinandersetzung über drängende Probleme vor dem Hintergrund einer kritischen Öffentlichkeit und nicht im Elfenbeinturm geführt werden muss. Es ist gut, wenn die Wissenschaft den Prozess des Suchens und Findens von Lösungen inklusive der Momente des Scheiterns, den ganzen steinigen Weg akademischer Wissensproduktion, transparent gestaltet.

Bislang waren die Wirtschaftswissenschaftler, bei denen manchmal unklar scheint, ob sie für die Wirtschaft oder für die Wissenschaft sprechen, im politischen Diskurs tonangebend. Aktuell sind es die Virologen und zunehmend auch die Soziologen, denen die Gesellschaft zuzuhören scheint. Erleben wir gerade eine Machtverschiebung im wissenschaftlichen Feld?
Womöglich ja, und ich denke, sie stellt eine Bereicherung dar. Je mehr Fachgebiete in Gesellschaft und Politik Gehör finden, desto besser. So wird für alle sichtbar, dass es innerhalb der Wissenschaft eine große Bandbreite an Herangehensweisen gibt und folglich auch Unklarheit darüber, wie Probleme am besten zu bewältigen sind. Die Politik erhält so mehr Handlungsspielraum – kann wissensgestützt operieren, ohne sich als alternativlos auszugeben.

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Wolfgang Sofsky und Jürgen Habermas haben kürzlich gemahnt, Experten der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften sollten mit halbgaren Prognosen vorsichtig sein, da das „Framing“ der Coronakrise im Sinne einer selbsterfüllenden Prophezeiung wirken könne. Sollten sich Wissenschaftler im Bewusstsein ihrer Verantwortung derzeit auch in Zurückhaltung üben?
Ein Gefahrenpotenzial sehe ich im Moment eher bei der Epidemiologie, allerdings ein anderes. Die Experten auf diesem Gebiet sind heute in einer ähnlichen Situation wie die Ökonomen in der Finanzkrise 2008. Das Einzige, was sie tun können, ist auf einer beschränkten Datenbasis Modelle anzubieten, wie sich die Krise entwickeln könnte. Die Gefahr einer selbsterfüllenden Prophezeiung sehe ich dabei weniger, eher das Gegenteil: zu großes Vertrauen aufseiten der Politik in die prognostische Kraft der Modelle. Kommt es anders, als man denkt, kann man nicht adäquat reagieren.

Menschen in einem Café in Schweden in Zeiten von Corona.
Offene Cafés: Schweden geht in der Seuchenpolitik seinen eigenen Weg und steht unter starkem Rechtfertigungsdruck.Foto: via REUTERS

Die Bundesregierung stützt sich in ihrem Handeln auf die Empfehlungen der hauptsächlich durch den Bund finanzierten Nationalen Wissenschaftsakademie Leopoldina. Erhalten die Wissenschaftsakademien, die oft als überflüssig angesehen werden, weil sie keine zwingend relevante Forschung betreiben, sondern Honoratiorenvereine sind, im Augenblick neue Geltung?
Die Wissenschaftsakademien könnten als Diskussionsforen eine wichtige Rolle spielen. Sie haben ja schon qua ihrer Zusammensetzung den Anspruch, unterschiedliche Perspektiven aus der Wissenschaft zu verbinden. Leider hat die Leopoldina mit ihrem dürftigen Papier zu den Lockerungsmaßnahmen die Chance vertan, die Akademie als öffentliches Debattenforum ins Spiel zu bringen.

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WZB-Präsidentin Jutta Allmendinger hat Kritik an der Zusammensetzung der überdurchschnittlich alten, überdurchschnittlich weißen und überdurchschnittlich männlichen Arbeitsgruppe der Leopoldina geäußert. Ein Durchschnittsalter von über 60 Jahren und bei 26 Mitgliedern lediglich zwei Frauen – ist es wichtig, dass einschlägige Expertenräte die Vielfalt der Gesellschaft angemessen repräsentieren?
Ja, unbedingt, es wurde zu Recht kritisiert, dass die meisten Leopoldina-Experten Männer waren. Diese sind in der Corona-Debatte ohnehin stark überrepräsentiert. Das verweist aber auf ein tiefer liegendes Problem. Die fehlende Diversität ist ein Spiegel der Probleme in den akademischen Disziplinen, die in der Coronakrise den Ton angeben. Sie sind noch immer Männerdomänen. Das lässt sich leider nicht im Verlaufe einer Krise beheben.

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