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Eine Pflegekraft schiebt eine Seniorin im Rollstuhl.
© mauritius images / BSIP / Chassenet

Report der Barmer: Berlin braucht 10.000 neue Pflegekräfte allein für die Altenpflege

Krankenkassen-Prognosen zeigen, die Pflegenot in Heimen und ambulanten Diensten könnte größer werden als angenommen. Auch Kliniken suchen Personal.

Die Pflegenot in Berlin wird womöglich größer als bislang angenommen – und die Versorgung so auch teurer. Der Barmer zufolge steigt die Zahl der Bedürftigen in Berlin in den nächsten acht Jahren um circa 43.000 Männer und Frauen auf fast 241.000. Diese Prognose machte die Landeschefin der Krankenkasse, Gabriela Leyh, am Dienstag beim Vorstellen der Barmer-Pflegereports.

Ursächlich für den steilen Anstieg der Zahl der Bedürftigen seien auch die Reformen der Pflegeversicherung, denn dadurch seien mehr Menschen „leistungsberechtigt“ geworden, hätten also Anspruch auf Hilfe durch die Kassen. Den Bedarf an Pflegekräften in Altenheimen und ambulanten Diensten in Berlin schätzt die Barmer bis zum Jahr 2030 auf circa 42 000, das wären 10 000 mehr als heute dort aktiv sind.

Wie berichtet, suchen die meisten Heime, Pflegedienste und Krankenhäuser dringend Personal. Das auch vom rot-grün-roten Senat avisierte Anwerben ausländischer Pflegekräfte funktioniert offenbar nur mäßig. Auch wenn in anderen Staaten – beispielsweise Frankreich – in der Branche keine höheren Löhne gezahlt würden, sagte Leyh, empfänden die Pflegekräfte dort oft höhere Wertschätzung. Der Pflegeberuf müsse hierzulande gestärkt, die Arbeit in Seniorenheimen und ambulanten Diensten attraktiver werden. Die Abschaffung des Schulgeldes sei ein guter Schritt gewesen, doch noch wollten zu wenige Menschen in der Pflege anfangen.

Mehr Autonomie in der Pflege nötig

Zudem sei die Fluktuation hoch, sagte Leyh, was bedeutet, dass Pflegekräfte des Öfteren den Job wechselten. Es müsse mehr auf die Gesundheit der Pflegenden geachtet werden, denen „hohe physische und psychische Belastungen“ infolge einer enormen Arbeitsverdichtung der vergangenen Jahre und des Schichtsystems zusetzten, sagte Leyh: „Mit verbesserten Arbeitsbedingungen muss es gelingen, Pflegekräfte länger im Beruf zu halten, beispielsweise mit Arbeitszeitmodellen, die die Vereinbarkeit von Familie und Beruf verbessern.“

Um die Attraktivität des Berufs zu erhöhen, sollte den Pflegekräften mehr Verantwortung übertragen werden, ein in Deutschland auch von Ärzten skeptischer betrachteter Vorschlag. So seien spanische Arbeitskräfte, berichtete Leyh, aus Deutschland enttäuscht in ihre Heimat zurückgekehrt, weil sie dort im Job mehr Autonomie genössen.

Seit 2020 gibt es keine getrennten Ausbildungen zur Alten- oder Krankenpflegekraft mehr, sondern eine generalistische Pflegeausbildung. Die Absolventen können damit uneingeschränkt in Heimen, Diensten und Kliniken arbeiten. Das werde tendenziell dazu führen, sagen Branchenkenner vorsichtig, dass es die meisten von ihnen in die Krankenhäuser zieht: Die zahlen oft bessere Löhne. In Berlin haben sich die Vivantes-Kliniken und die Charité mit der Gewerkschaft zudem auf einen Tarifvertrag geeinigt, der Hunderte Neueinstellungen vorsieht. Stadtweit werben die beiden landeseigenen Krankenhauskonzerne derzeit um Personal.

Land Berlin investiert wenig in die Pflegeheime

Neben der „Fachkräftesicherung“ braucht es der Barmer zufolge mehr Hilfen, um Pflegebedürftige und ihre Familien vor finanziellen Härten zu schützen. Die Kosten würden unter anderem durch den Personalmangel, aber durch klamme Landeszuschüsse steigen.

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„Schon heute müssen Versicherte für einen Platz in einem Berliner Pflegeheim im Schnitt mehr als 2100 Euro im Monat aus eigener Tasche dazu zahlen“, sagte die Barmer-Landeschefin und gab dem Senat noch einen Hinweis: „Das Land kann diesen Betrag senken, indem es seiner gesetzlichen Pflicht nachkommt, die Investitionskosten in die Heime zu übernehmen.“

Dies sei in den letzten Jahren leider kaum geschehen – ein Vorwurf, der auch aus den Krankenhäusern kommt. Die für die Landesversorgung notwendigen Kliniken haben ebenfalls Anspruch auf öffentliche Mittel, um ihre Bauten und Technik zu modernisieren.

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