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Anschlag auf das Berliner Stromnetz: „99,9 Prozent“ der Haushalte haben wieder Strom
Stromversorgung noch für einige Haushalte unterbrochen + Wegner spielte Tennis während des Blackouts am Sonnabend + Alle Entwicklungen im Blog.
Stand:
Am frühen Mittwochabend verkündet die Stromnetz Berlin, „99,9 Prozent“ der betroffenen Haushalte würden wieder mit Strom versorgt. Zuvor hatte der Wechsel von Notstromaggregaten auf die reguläre Versorgung noch bei einigen Haushalten Ausfälle verursacht.
Zehntausende Haushalte, dazu Supermärkte, Läden, Lokale und Unternehmen im Südwesten von Berlin waren seit Samstagmorgen ohne Strom. Betroffen von dem Stromausfall waren weite Teile von Steglitz-Zehlendorf. Polizei, Feuerwehr, Katastrophenschutz und Hilfsorganisationen waren im Großeinsatz.
Die Fakten im Überblick
- Laut der Stromnetz Berlin werden „99,9 Prozent“ der Haushalte wieder mit Strom versorgt.
- Die linksextremistische Vulkangruppe hat sich dazu bekannt, einen Brandanschlag auf eine Kabelbrücke am Kraftwerk Lichterfelde verübt zu haben.
- Schulen bleiben weiterhin geschlossen; es wird eine Notbetreuung angeboten.
- es gab mehrere Einbrüche und Einbruchsversuchen
- eine Frau starb im betroffenen Gebiet aus bisher unbekannter Ursache
Wie geht es weiter? Was müssen Betroffene für die nächsten Tage wissen? In diesem Liveblog informieren wir über die Entwicklungen rund um den Stromausfall.
Leserinnen und Leser berichten dem Tagesspiegel, dass die Elektrizität bei weitem nicht überall in Steglitz-Zehlendorf wieder fließt. Eine Leserin aus der Mittelstraße berichtet von andauernder Stromlosigkeit, auch in Teilen von Wannsee und Nikolassee gebe es noch kein Licht. „Stromnetz hat mir gerade erläutert, dass das Technische Hilfswerk nach und nach Generatoren abbaut und erst danach wieder Strom kommt, es kann sogar noch bis morgen dauern“, so die Leserin. Sie bittet darum, dass der Tagesspiegel nicht vermeldet, das Stromproblem sei behoben: „Es ist sehr frustrierend, wenn man friert und solche Nachrichten liest.“
„Wir haben uns gefreut, dass das Warmwasser ging“, erzählt ein 86-Jähriger am Mexikoplatz. Zum Zähneputzen, Rasieren und Ähnlichem. „Ach, ist das schön.“ Die Heizung sei dann auch langsam wiedergekommen. Eigentlich hatte er seinen Koffer schon gepackt, um ins Hotel zu ziehen. „Dann hat sich meine Frau nochmal umgedreht: „Sag' mal, warum brennt denn unsere Lampe auf dem Balkon draußen?" Da war der Strom wieder da“, erzählt der Mann, der seit gestern wieder Strom hat.
Bundesinnenministerium: Keine Spuren nach Russland
Die deutschen Sicherheitsbehörden haben nach Angaben des Bundesinnenministeriums keine Erkenntnisse über eine mögliche Drahtzieherschaft Russlands bei dem Anschlag auf das Berliner Stromnetz. Eine Sprecherin des Ministeriums äußerte sich am Mittwoch zu Spekulationen, wonach sprachliche und orthografische Besonderheiten des nach der Tat veröffentlichten Bekennerschreibens darauf hindeuteten, dass der Text aus dem Russischen ins Deutsche übersetzt worden sein könnte.
„Erkenntnisse über eine mögliche russische Übersetzung liegen uns nicht vor“, stellte die Sprecherin klar. „Auch Erkenntnisse über eine sogenannte False-Flag-Aktion liegen uns ebenfalls nicht vor.“ Unter False-Flag-Aktionen – also Aktionen unter falscher Flagge - werden Taten verstanden, bei denen die Täter unter falscher Identität handeln, um bewusst falsche Fährten zu legen.
Das Bundesinnenministerium halte das Bekennerschreiben einer linksextremistischen sogenannten Vulkangruppe für authentisch, sagte die Sprecherin. Die Täter „ordnen wir dem linksextremistischen Spektrum zu“, sagte sie.
Regierungssprecher Stefan Kornelius wies Kritik daran zurück, dass Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) sich nicht persönlich zu der Tat geäußert habe und die vom Stromausfall Betroffenen nicht besucht habe. „Nicht jede Situation in der Republik erfordert, dass der Kanzler dann auch öffentlich sichtbar wird“, sagte Kornelius.
Die Bundesregierung habe die Berliner Behörden aber tatkräftig unterstützt, und dies habe „auch unter der Steuerung des Bundeskanzlers stattgefunden“, sagte der Sprecher weiter. „Die Tatsache, dass heute der Strom bereits wiederhergestellt wurde – und dass das Ganze nun doch schon deutlich schneller ging - mag auch ein Stück weit auf die Unterstützung der Bundesregierung zurückzuführen sein.“ (AFP)
Neun öffentliche Schulen und fünf freie Schulen sind im Stromausfall-Gebiet geschlossen und bleiben es voraussichtlich bis Ende der Woche. Gilt für Schulen wie die Süd-Grundschule und die Anna-Essinger-Gemeinschaftsschule, die zu Beginn der Woche geschlossen waren, aber den Betrieb schon wieder aufnehmen konnten, die Schulbesuchspflicht? Ja, bestätigt ein Sprecher der Bildungsverwaltung auf Anfrage.
Analog zu den Schulen werden laut Kitaaufsicht voraussichtlich auch nicht alle Kindertagesstätten im Stromausfall-Gebiet ab Donnerstag öffnen. Es würden „aktuell die notwendigen technischen und sicherheitsrelevanten Prüfungen vorgenommen, um nach dem Stromausfall sicherzustellen, dass alle Systeme ordnungsgemäß funktionieren und die erforderlichen Raumtemperaturen wieder erreicht sind”, teilte eine Sprecherin dem Tagesspiegel mit.
Nach dem großflächigen Stromausfall im Berliner Südwesten sind nun wieder alle Haushalte, Geschäfte und Betriebe mit Energie versorgt.
Während der Senatspressekonferenz teilte Polizeivizepräsident Marco Langner mit, dass eine Seniorin während des Stromausfalls verstorben ist. „Die 83-jährige Dame wurde von einem Angehörigen noch lebend in der Wohnung vorgefunden“, sagte er. Im Rettungswagen sei ein Reanimationsversuch jedoch erfolglos geblieben.
Es handele sich um den einzigen Todesfall im vom Stromausfall betroffenen Gebiet, von dem die Polizei bislang Kenntnis habe. Zu der Todesursache äußerte er sich nicht. Auf Nachfrage des Tagesspiegel sagte er, dass bisher nicht festgestellt werden konnte, ob ein Sturz oder der Gesundheitszustand der Seniorin zum Tode geführt habe. Es sei eine Obduktion angeordnet worden, die Klarheit bringen soll. „Es ist für die Angehörigen ein sehr bedauerlicher Vorfall“, sagte Langner.
Langner berichtete zudem von mehreren Einbrüchen und Einbruchsversuchen. Am Dienstagabend habe es zwei Einbrüche in Einfamilienhäuser gegeben. In einem Fall sei ein Schaden von rund 60.000 Euro entstanden.
Deutlich angestiegen seien außerdem die Einbruchsversuche. Da die Großschadenslage weiterhin andauert, bleiben die Einsatzkräfte vor Ort präsent. (mit cla)
Giffey: "Der Fokus liegt jetzt auf der Heizversorgung"
Wirtschaftssenatorin Franziska Giffey (SPD) nannte konkrete Zahlen: „Es sind noch 552 Haushalte und 42 Gewerbebetriebe, die derzeit nicht am Netz sind. Das ändert sich jetzt minütlich.“ Betroffen sei vor allem der Bereich Schlachtensee.
„Es ist noch nicht vorbei. Wir müssen die Wärmeversorgung wieder hochfahren, und dafür müssen entsprechende Einstellungen an den Heizungen vorgenommen werden.“ Das sei ein großes Thema für die kommenden Stunden. „Jetzt, wo der Strom wieder da ist, liegt der Fokus auf der Heizung.“
Betroffene sollten kontrollieren, ob es Schäden an ihren Heizungen gebe. „Wenn Sie merken, ihre Heizung funktioniert nicht, versuchen Sie nicht selbst daran rumzumachen, sondern rufen sie einen Installateurbetrieb.“ Mit der Innung sei besprochen, dass alle Betriebe aufgerufen sind, zu helfen. Auch die noch betroffenen 3000 Haushalte, die an die Fernwärme angeschlossen sind, würden nun „sukzessive ans Netz gebracht“, sagte Giffey. (mit cla)
(bob)
Innensenatorin rechtfertigt berlinweite Warnmeldung nach Stromausfall
Innensenatorin Iris Spranger erklärte, weshalb am Mittwochmorgen eine Warnmeldung berlinweit an Mobiltelefone verschickt wurde. „Damit die Informationen wirklich alle erreichen – insbesondere Betroffene, die sich nicht in ihren Wohnungen aufhalten –, haben wir die Meldung in ganz Berlin ausgesendet“, sagte sie.
Obwohl die Stromversorgung im Südwesten inzwischen wiederhergestellt ist, gilt weiterhin die Großschadenslage. „Berlin befindet sich weiter in der Großschadenslage. Sie ist erst beendet, wenn ich das bekanntgebe. Ich habe die Großschadenslage ausgerufen, und ich werde sie beenden“, betonte Spranger.
Auch zu den Ermittlungen äußerte sie sich. Das Verfahren laufe in enger Abstimmung mit dem Generalbundesanwalt. Die Tat sei „menschensverachtend“, sagte die Innensenatorin. „Distanzierungsversuche anonymer Personen im Netz werden die Tat nicht ungeschehen machen.“ Videoüberwachung an gefährdeten Objekten sei legitim, fügte sie hinzu. (mit cla)
Wegner will kritische Infrastruktur besser schützen: „Wir wollen sehr schnell auf 100 Prozent kommen“
Kai Wegner bedankte sich nach der Wiederherstellung der Stromversorgung im Berliner Südwesten bei allen Helfern. „Heute ist ein guter Tag für die vielen Betroffenen, die seit dem 3. Januar ohne Strom und Wärme auskommen mussten“, sagte er. Es herrsche große Erleichterung darüber, dass der Anschluss schneller als erwartet habe wiederhergestellt werden können.
Sein besonderer Dank gelte Stromnetz Berlin und den Tiefbaufirmen, „die bei eisigen Temperaturen mit großer Motivation und Leidenschaft gearbeitet haben“. Auch der Bundeswehr, der Berliner Polizei, der Feuerwehr und allen weiteren Helfern sprach der Regierende Bürgermeister seinen Dank aus.
Dass die Bundesanwaltschaft die Ermittlungen übernommen habe, unterstreiche, worum es gehe: nicht um einen einfachen Brandanschlag, sondern um Linksterrorismus.
In den kommenden Tagen müsse zudem geprüft werden, wie das Krisenmanagement verbessert werden könne. Es sei richtig gewesen, dass die Innensenatorin die Großschadenslage ausgerufen habe. Man müsse überlegen, wie angreifbare Orte schneller geschützt werden könnten – etwa mit zusätzlichen Videoschutzmaßnahmen.
„Wir werden uns nochmal anschauen müssen, wie wir unsere Krisenstrukturen verbessern können. Das ein oder andere ist mir aufgefallen“, sagte er. „Wir werden jetzt nochmal schauen, wie wir sehr kurzfristig, die Orte, die angreifbar sind in unserer kritischen Infrastruktur schneller schützen können. Drei Viertel sind mit Videoüberwachung ausgestattet. Wir wollen jetzt sehr schnell auf hundert Prozent kommen.“, sagte Wegner.
Er habe dazu auch mit Kanzler Merz gesprochen. Es sei Aufgabe aller, die kritische Infrastruktur im gesamten Land besser zu schützen. (mit cla)
(cpa)
(Cpa)
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