• Pleiten, Schulden, Sorgen: Wie die Coronakrise Berliner Kleinunternehmer in die Knie zwingt

Pleiten, Schulden, Sorgen : Wie die Coronakrise Berliner Kleinunternehmer in die Knie zwingt

Die Kassen sind leer, die Perspektive verheerend: Bei vielen Kleinunternehmern in Berlin geht die Coronakrise jetzt an die Existenz. Drei Schicksale.

Mieten und Mitarbeiter wollen bezahlt werden, doch die Schulden wachsen.
Mieten und Mitarbeiter wollen bezahlt werden, doch die Schulden wachsen.Foto: imago/Jan Huebner

Die Corona-Pandemie und der Lockdown haben für viele Kleinunternehmer in Berlin wirtschaftlich schwere Folgen. Reisebüro-Besitzerin Daniela Mann hat inzwischen Hartz IV beantragt, steht mit einem Bein in der Insolvenz. Fitnessstudio-Inhaber Jürgen Mischok sagt: „Ich habe keine Kraft mehr“; er hat ein Karzinom in der Speiseröhre und muss sein Studio nach 35 Jahren schließen. Yoga-Lehrerin Patrizia Thielemann hält sich mit Online-Kursen über Wasser, musste eines ihrer drei Studios schließen und erklärt: „Eine zweite Welle überstehe ich nicht.“ Drei Schicksale.

Die Reisebüro-Besitzerin

Vor ein paar Tagen hat sie Hartz IV beantragt, damit zumindest die Miete für ihre Wohnung und die Krankenkasse bezahlt wird. „Eigentlich“, sagt Daniela Mann, „habe ich den Antrag zu spät gestellt. Aber wir haben halt von früh bis abends gearbeitet.“

Sie sitzt auf einem bequemen Sessel in ihrem kleinen Reisebüro, das Sportforum Hohenschönhausen ist ein paar Meter entfernt. Überall stehen Palmen, an einer Staude hängen Plastik-Bananen.

Südländische, gemütliche Atmosphäre im Reisebüro „Ferienland“, dem Familienbetrieb, dem Unternehmen, das Daniela Mann seit 20 Jahren mit ihrer Schwester führt. Doch in dieser entspannten Atmosphäre sagte die 50-Jährige: „Hier geht es ums nackte Überleben.“

Reisebüros gehören zu den größten Verlierern in der Corona-Krise. Die Ländergrenzen waren wochenlang zu, die Kunden, die auftauchten, kamen nur, weil sie das Geld für ihre stornierte Reise zurückhaben wollten. „Im April“, sagt Daniela Mann, „haben wir überhaupt keinen Umsatz gemacht“. Und jetzt, die jüngsten Abschlüsse? Ein Kunde flog für eine Woche nach Mallorca, ein anderer buchte drei Übernachtungen in Köln, das war's. „Ein Witz“, stöhnt Mann.

Seit Wochen lebt sie vom Ersparten, den Provisionen, die sie von den Reiseveranstaltern für jeden Vertragsabschluss erhalten hat. Teilweise wurden die Reisen schon im vergangenen Herbst gebucht.

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Das Problem ist nur: Viele Provisionen muss die Reisebüro-Inhaberin an die Veranstalter zurückzahlen, die Reisen finden ja nicht statt. Noch haben die Veranstalter vielen Urlaubern, die ihre Reise stornieren mussten, nicht deren Geld zurückbezahlt. Solange das nicht passiert ist, kann auch Daniela Mann ihre Provisionen behalten.

Aber sie ist in vollem Tempo im Wettlauf mit der Zeit. Sie muss wieder in nächster Zeit so viel Umsatz machen, dass sie das Geld für die Rückzahlung der Provisionen besitzt, wenn die Veranstalter bei ihr die Hand aufhalten. Hat sie das Geld nicht, kann sie nichts zurückzahlen. Dann ist sie pleite.

"Hier geht es ums nackte Überleben", sagt Daniela Mann.
"Hier geht es ums nackte Überleben", sagt Daniela Mann.Foto: Frank Bachner

9000 Euro flossen als Soforthilfe im März aufs Geschäftskonto. Damit konnte sie zumindest mal die Betriebskosten bezahlen. Miete, Strom, solche Dinge. Aber dieses Geld ist längst verbraucht. Ihre Hoffnung ist das milliardenschwere Konjunkturprogramm, das der Bundestag gerade verabschiedet hat. Da sind diverse Milliarden auch für Mittelständler vorgesehen. Aber ob sie dazu gehören wird, weiß sie nicht. Und wenn, dann wären es maximal nochmal 9000 Euro, gestreckt auf drei Monate. Immerhin. Etwas Zeit gewonnen.

Vor zwei Monaten, sagt Daniela Mann, stand sie vor einem Nervenzusammenbruch, sie wollte einfach nicht mehr. Ihrer Mutter hatte sie da schon längst gekündigt, direkt nach dem Lockdown. Die Mutter, Rentnerin, hatte einen Arbeitsvertrag mit dem Reisebüro. Andere Angestellte gibt es nicht, Daniela Manns Partner arbeitet auf Honorarbasis im „Ferienland“.

Mit einem Bein in der Insolvenz

Zwischen glänzenden Umsätzen und tiefster Verzweiflung lagen nur wenige Wochen. „Im Februar war alles noch wunderbar.“ Die Umsätze waren hoch, die Kunden zufrieden. Das Ferienland ist spezialisiert auf „Rund-um-Sorglos“-Reisen. Daniela Mann arbeitet ihren Kunden ein vollständiges Reiseprogramm aus, die Urlauber haben es vor Ort einfach. „ 50 Prozent unseres Umsatzes haben wir mit diesen Reisen gemacht.“

Und jetzt steht sie mit einem Bein in der Insolvenz. Selbst wenn sie Fördergelder erhalten sollte, ist Hartz IV nötig. Geld für die Miete der eigenen Wohnung und die Kranken- und Rentenkasse ist einfach nicht da. Die Schwester ist verheiratet, die ist zumindest über ihren Mann einigermaßen abgesichert.

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Dem tristen Alltag setzt Daniela Mann eine sonnige Phantasie gegenüber, eine Art Selbstschutz. „Ich zwinge mich, einfach zu glauben, dass es gut wird“, sagt sie. Eine optimistische Botschaft im Tonfall eines Seufzers.

Die entspannte Atmosphäre des „Ferienland“ soll auch auf die Kunden ausstrahlen. Niemand möchte mit einer depressiven Verkäuferin reden, wenn er Urlaub buchen will. Also verbreitet Daniela Mann in ihrem Laden fröhliche Stimmung.

Sie hat extra ein Plakat herstellen lassen, das sie jetzt gut sichtbar aufhängt. Ein Krokodil versucht darauf mit aufgerissenem Maul, einen Urlauber zu verschlingen. Doch im Maul steckt ein langer Holzstab, das Krokodil kann nicht zuschnappen. Und in großen Buchstaben steht: „Wir retten Ihren Urlaub.“ Wer das Reisebüro von Daniela Mann und ihrer Schwester rettet, ist noch offen.

Der Fitnessstudio-Inhaber

Jürgen Mischok ist am Ende. „Ich habe keine Kraft mehr“, sagt er am Telefon und klingt dabei wirklich sehr matt. Ein Karzinom hat er in der Speiseröhre, der Vater ist vor sechs Wochen am Coronavirus gestorben, und jetzt steht er auch noch vor dem wirtschaftlichen Ruin seines Fitnessstudios in Tempelhof.

Die Entscheidung ist gefallen: Nach 35 Jahren wird am 15. Juli in der Manteuffelstraße Schluss sein. „Es ist einfach nur noch furchtbar und schrecklich“, sagt er.

Noch vor knapp sechs Monaten stand Mischok auf der Sonnenseite. Sein Fitnesscenter „Nautilus“ in der Manteuffelstraße lief ausgezeichnet. Neue Kunden, volle Kurse, eine neue Kooperation mit Urban Sports. Der 51-Jährige war zufrieden, im September 2019 verlängerte er den Mietvertrag um fünf Jahre.

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Genau dieser Vertrag hat ihm in der Corona-Krise das Genick gebrochen. 8000 Euro müsse er monatlich an die private Vermieterin bezahlen. Schon im März, als der Lockdown beginnt, signalisiert er, es könne eng werden.

Ab Mitte April bucht er seinen Kunden keine Mitgliedsbeiträge mehr ab, trotzdem kündigen fast 100 allein im April. Die Einnahmen brechen weg, die Polster von 2019 schmelzen rasant, die Miete bleibt hoch. Vom Senat bekommt er 15.000 Euro Soforthilfe – für sich und acht Mitarbeiter nur der Tropfen auf den heißen Stein.

Seine Miete soll sinken: Von 8000 auf 7870 Euro

Als er im Juni wieder öffnen darf, bleibt sein Umsatz gering. Die Sauna ist dicht, an Kursen dürfen nur wenige Personen teilnehmen, die Geräteanzahl ist begrenzt, viele Kunden haben Vorerkrankungen und bleiben zu Hause. Früher ließen sich sechs Kunden täglich massieren, jetzt kommt nur ein Besucher. Einige Kunden hatten sich während des Lockdowns selbst Geräte angeschafft, das Fitnessstudio brauchen sie nicht mehr.

In der vergangenen Woche führt er ein finales Gespräch mit seiner Vermieterin. Sie wolle ihm entgegenkommen – um 130 Euro, sagt Mischok. Er klingt zynisch, für Wut fehlt die Energie. Seinen Mitarbeitern hat er gekündigt, die meisten kommen in anderen Studios unter. Seine Kunden hat er informiert.

„Ein Tränenmeer“, sagt Mischok. Einige seien seit 35 Jahren im „Nautilus“. „Ich bin finanziell ruiniert. Ich habe seit drei Tagen nicht geschlafen, jetzt warte ich nur noch auf den Schlag.“ Er will jetzt erst nur gesund werden. Die Wunden heilen lassen – nicht nur die an der Speiseröhre.

Die Yoga-Lehrerin

An die Wand ist riesengroß eine Chiffre gemalt, die aussieht wie die künstlerisch verschnörkelte Zahl 30. „Om“ steht da, das spirituelle Symbol für „Das Universelle, das Ganze“.

Vier Meter vor der Wand hat Patrizia Thielemann das Symbol ihrer wirtschaftlichen Rettung aufgestellt. Eine Kamera, flankiert von Scheinwerfern. „Das hier hat mich gesichert“, sagt sie. Mit der Kamera kann sie online ihre Yoga-Kurse übertragen, für jeweils 15 und 20 Personen, die eingeloggt sind. Sie sehen am Laptop die Übungen von Patrizia Thielemann. Sie sehen nicht, dass ihre Lehrerin allein in ihrem riesigen Studio in Charlottenburg arbeitet. Die Kunden müssen es nicht sehen, sie wissen es sowieso.

Mit Online-Kursen hält sich Yogalehrerin Patrizia Thielemann über Wasser, doch sie macht Verluste. Eines ihrer drei Studios hat sie bereits geschlossen.
Mit Online-Kursen hält sich Yogalehrerin Patrizia Thielemann über Wasser, doch sie macht Verluste. Eines ihrer drei Studios hat...Foto: Sven Darmer

Patrizia Thielemann ist Inhaberin von „Spirit Yoga“, einer renommierten Adresse in der Szene. Der Preis für ihre Rettung ist allerdings beträchtlich: Zwischen Mitte März und Pfingsten waren alle drei Studios, in Mitte, Charlottenburg und Zehlendorf, für Kunden geschlossen. Thielemann konnte nur online Kontakt zu ihren halten.

Zum Preis der Rettung gehört auch das leer geräumte Studio in Mitte, die 52-Jährige hat es endgültig geschlossen, ausgerechnet Mitte, ausgerechnet jenes Studio, in denen vor 16 Jahren „Spirit Yoga“ begann. „Es war ein Entschluss in weiser Voraussicht“, sagt die 52-Jährige. Sie sitzt in einem Café in der Nähe des Charlottenburger Studios, eine Frau mit nach hinten gegelten, blonden Haaren und freundlichem Blick. „Die gestundete Miete für das Studio wäre immer höher geworden.“ Charlottenburg und Zehlendorf sind noch offen.

Im Moment macht sie Schulden - trotz langer Arbeitstage

Den Preis zahlen auch 40 festangestellte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, Menschen, die am Tresen standen, Abrechnungen erledigten, Organisationsfragen klärten. Sie beziehen jetzt Kurzarbeitergeld. Und die meisten der rund 100 freischaffende Yoga-Lehrer, die normalerweise in den Studios arbeiten, müssen auf andere Weise Geld verdienen. Zwei Mitarbeiterinnen unterstützen Patrizia Thielemann derzeit, sie arbeiten je acht Stunden am Tag. Online-Kurse bietet sie natürlich weiter an.

Der Kampf geht jeden Tag weiter, er ist nur etwas weniger hart, seit Yoga-Studios wieder öffnen dürfen. Sieben Personen, mehr nicht, sind pro Kurs erlaubt, ein Minusgeschäft. „Kostendeckend wären 15 Teilnehmer“, sagt Thielemann. Kostendeckend, das bedeutet: „Dann käme ich auf Plusminus null raus.“ Insgesamt 22 Kurse mit je sieben Teilnehmern bietet sie derzeit pro Woche an. Vor Corona gab es 150 Kurse, im Schnitt mit 20 bis 25 Teilnehmern.

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Das Minusgeschäft muss sie in Kauf nehmen, es ist das kleinere Übel. 120 Mitglieder hat „Yoga Spirit“, nur 20 Prozent akzeptieren Übungen vor dem Laptop. „Viele sagten, sie bezahlten doch nicht für Online-Kurse.“ Beim Yoga geht es ja auch ganz viel um Atmosphäre, um das Gefühl von Gemeinsamkeit, um die Suche nach innerer Ruhe.

Patrizia Thielemann nützt die Philosophie des Yoga auch, um selber zur Ruhe zu finden. Sie betrachtet den Alltag derzeit auch als Herausforderung. „Es geht um die Gestaltung besonderer Erlebnisse, das wird sich trotz der schwierigen wirtschaftlichen Lage nicht ändern.“

Die Lage: Die Mieten der Studios sind derzeit gestundet, aber Strom und Versicherung laufen weiter. Gerade bereitet sie einen KfW-Kredit vor.

Corona, das ist für sie wie ein Rutschfahrt bei Finsternis in die Tiefe. Es ist kein Ende erkennbar. Nach vier Wochen Pandemie? „Da dachte ich: Das kriegst du hin.“ Nach acht Wochen? „Da dachte ich: Jetzt musst du mit deinem Vermieter sprechen.“ Nach drei Monaten? „Da bemerkte ich, dass ich einen doppelt so hohen Kredit benötige wie einen Monat zuvor.“

In Sicht ist nur das definitive Ende der Unternehmerin Thielemann. „Eine zweite Welle überstehe ich nicht.“

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