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Hier heißt es warten: Die Museumsinsel, besonders die Ausstellung "Impressionismus - Expressionismus" in der Alten Nationalgalerie, wird zur Zeit von Touristen überlaufen.

© Paul Zinken / dpa

Sommerferien in der Hauptstadt: Volles Berlin, leeres Berlin

Wo sich sonst die Massen drängen, ist in Berlin plötzlich viel Platz – weil in den Ferien ganz andere Orte angesagt sind. Ein Überblick.

Während die Berliner Hals über Kopf die muffig schwüle Hauptstadt verlassen, bevölkern Massen von Touristen die Metropole. Der August ist mit etwa drei Millionen Besuchern der Tourismus-Monat schlechthin. Nur Paris und London können mehr Gäste verbuchen. Andere Leute, andere Vorlieben: Mit den Besuchern verschieben sich auch die Ballungszentren der Stadt – da quillt der Primark über, während auf den Tanzflächen in den Clubs tote Hose herrscht. Die 10 gegenläufigen Trends.

IST DAS VOLL HIER!

Primark am Alexanderplatz

Der wahrscheinlich überlaufenste Ort in Berlin dieser Tage. Teenager stürmen das eigentlich recht unscheinbare Gebäude am Alexanderplatz, als würde Justin Bieber zwölf Stunden täglich Autogrammkarten schreiben. Es scheint, als würden Busunternehmen extra all-inclusive Roadtrips anbieten: einmal Primark und zurück. Die sportlichen Shopping-Queens und -Kings rennen meist mit kiloschweren Umzugskartons voller Neu-Klamotten wieder aus dem Billigmarkt. Preis, alles zusammen? 9,99 Euro. KiK ist eine Edelboutique dagegen.

Fahrkartenautomaten
Nirgends lässt sich der Zustrom ausländischer Gäste empirisch besser messen, nirgends ist die Verzweiflung selbiger größer. Die Schlangen an den Automaten von Checkpoint Charlie bis Alexanderplatz sind ein verlässlicher Zwischenstandsanzeiger für den aktuellen Touristen-Pegel. An einigen Stationen gibt es eigene Infopoints und Touri-Sitter, die sich um Besucher kümmern, die bei all dem VBB, ABC, BVG nur noch Bahnhof verstehen. Die helfen bei der Frage, wo komme ich am schnellsten wohin. Kurios: „Viele Leute fragen, wir erklären ihnen den schnellsten Weg. Doch die Leute akzeptieren es nicht – weil das iPhone alles besser weiß“, empört sich eine Service-Mitarbeiterin vom Checkpoint Charlie.

Museumsinsel
Die meisten Touristen kommen tatsächlich nicht wegen der Bierbikes oder Madame Tussauds. „Die meisten Gäste kommen wegen der Kultur“, sagt Christian Tänzler, Sprecher von Visit Berlin. Auf dem Kulturindikator ganz weit oben stehen Museen. Am besucherstärksten ist seit jeher das Pergamonmuseum, dicht gefolgt vom Neuen Museum. Das Sommerhighlight ist dieses Jahr aber ein anderes: die „Impressionismus – Expressionismus“-Ausstellung in der Alten Nationalgalerie. 2000 Besucher kommen täglich. Verständlich: Wer erfrischt sich nicht gern in der kühlen Galerie neben Max Pechstein und Franz Marc, wenn draußen die Sonne bei 30 Grad auf den Asphalt knallt?

Fast-Food-Ketten
McDonalds, KFC und Co.? In den hippen Kiezen begehrte das Volk erfolgreich gegen die Kommerzialisierung der Essenskultur auf. Qualitätsbuden wie Burgermeister, Ketchup & Mayo und Burgeramt werden die Türen eingerannt. In den Ferien allerdings sind auch die Fast-Food- Discounter wieder rappelvoll. Gerade die britischen Jugendlichen scheinen ihre Prinzipien nicht vergessen zu haben: kostenfreies WLAN und ewig gleiche Burger.

Fernsehturm

Der Londoner hat sein London Eye, der Pariser hat den Eiffelturm, der Wiener sein Riesenrad im Prater. Und der Berliner hat seinen Fernsehturm. Der wird täglich von Touristen gestürmt. 3500 pro Tag, 5000 am Wochenende drängen sich auf die Aussichtsplattform in 203 Metern Höhe. Immerhin, die Füße platt stehen muss sich heute niemand mehr: Die Warteschlangen wurden längst digitalisiert. „Die Leute reservieren im Internet und werden von uns informiert, wenn sie in den nächsten ein bis drei Stunden auf den Turm können“, sagt Fernsehturm-Sprecher Dietmar Jeserich. Warten auf Abruf – ist der Turm, den Berliner laut Touri-Guide „Telespargel“ nennen, das wirklich wert? Das Kollhoff-Hochhaus am Potsdamer Platz, der Berliner Dom oder der Funkturm sind günstigere, wenngleich niedrigere Ausguck-Alternativen.

Ist das leer hier!

Mal so richtig schön alleine joggen: Im Winter geht das im Park, im Sommer auch im Fitnessstudio: Wenn es alle Schönwettersportler nach draußen zieht, hat man hier richtig viel Platz.

© Britta Pedersen/dpa

Parkplätze
Eine Sache der Unmöglichkeit, ein Graus für jeden Berliner: Das Feierabend-Parkplatzsuch-Programm im Kiez. Aber wenn die Jungfamilien mit dem Minivan nach Frankreich, Italien oder an die Ostsee fahren, stattdessen Touristen – wenn nicht gerade des Lebens überdrüssig oder mit Vorliebe für Großstadtgehupe – mit Flieger, Bus und Bahn anreisen, rüttelt das am hauptstädtischen Straßenbild: Achtung ist geboten auf den Bürgersteigen – sonst wird der unachtsame Passant von einem rudelartig auftauchenden Segway-Pulk überrollt. Andererseits: Abendessen in Kreuzkölln und freie Wahl zwischen: Drei. Verschiedenen. Parkbuchten. Was kommt als nächstes? Ein drogenfreier Görli? Gutgelaunte BVG-Kontrolleure? Okay, okay, alles zu seiner Zeit.

Studentenbuden
„You might be poor on money, but rich on life“, träumen viele Backpacker. Weil man mit so gar keinem Geld aber auch nicht weit rumkommt in dieser Welt, vermieten zahlreiche junge Leute ihre Studentenbuden und WG-Zimmer. Unterdessen fliegen sie aus: nach Marokko, Thailand oder ganz klassisch, wie schon die Elterngeneration, per Interrail quer durch Europa. Die Abenteuer-Suchenden zieht es derweil in den Iran oder nach Kuba – noch ein bisschen „Realness“ schnuppern, bevor der Amerikanismus um sich greift. Sie sorgen damit für ein weiteres in Berlin sonst eher ungewöhnliches Phänomen: Überakkumulation an freiem Wohnraum. Im Internet auf wg-gesucht.de oder Airbnb ist die Auswahl groß. Für einen Monat.

Fitnessstudios

Den Fitnessstudios bleiben die Sportler aus. Die einen haben sich wohl endlich ihren perfekten Beach-Body antrainiert und dürfen statt stählernen Hanteln endlich Sangria-Eimer und Maßkrüge stemmen. Die Schönwettersportler zieht es im Sommer nach draußen in Parks und City-Bootcamps, von deren anglizismus-lastigen Angeboten das Internet regelrecht überschwemmt wird. Das liest sich dann etwa so: „Top Workout in deinen Wunschlocations mit Personal-Headcoach für den perfekten Sommerbody!“

Bibliotheken
Menschenleer, aber doch gesteckt voll. Berlins Bibliotheken sind ein Paradoxon in sich: Während Stadtbibliotheken nach Menschen lechzen und in den voll belegten Regalen die Schmöker einzustauben drohen, platzt die Grimm-Bibliothek der HU aus allen Nähten. Diagnose: Sommerferien – beziehungsweise: facharbeitsschreibende Studenten.

Clubs
Es ist nicht so, dass die Berliner weniger feiern. Im Gegenteil. Sie feiern noch intensiver. Ein Wochenende? Pah, lieber vier, fünf Tage am Stück auf Festivals und Open Airs. Wenn am Wochenende die Partypeople auf große Elektrofestivals und Raves wie die Nation of Gondwana, das Melt oder das Garbicz Festival in Polen strömen, machen sogar Clubs wie das Sisyphos oder die Rummelbucht die Schotten dicht. Andernorts tanzt der Tourist dann eben – allein.

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