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Warnbrief an Berliner Senat : RKI-Chef befürchtet Blockade der Covid-19-Forschung

Weil die Tierversuchskommission nicht tagt, fallen Experimente aus. RKI und Charité sehen „gravierende“ Nachteile und appellieren an Senatschef Müller.

Lothar Wieler ist Präsident des Robert-Koch-Instituts (RKI).
Lothar Wieler ist Präsident des Robert-Koch-Instituts (RKI).Foto: imago images

Spitzenvertreter der deutschen Biomedizin werfen Berlins Senat vor, die Wissenschaft zu blockieren – und so mitten in der Pandemie zur „erheblichen Verzögerung beantragter Forschungsvorhaben“ beizutragen. Das geht aus einem Brief an den Senat hervor, der dem Tagesspiegel vorliegt.

Das Schreiben unterzeichneten Lothar Wieler, Präsident des Robert Koch-Instituts (RKI), Charité-Dekan Axel Pries, Thomas Sommer vom Vorstand des Max-Delbrück-Centrums für molekulare Medizin (MDC) und Günter Ziegler, Chef der Freien Universität (FU).

Anlass der Beschwerde sind aufgeschobene Anträge für Tierversuche, da die zuständige Kommission „ihre regulären Sitzungen seit Anfang September ausgesetzt hat“. Nach Tagesspiegel-Informationen warten seit Wochen 20 Anträge auf Genehmigung, darunter ein Experiment zur Covid-19-Forschung.

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Gesetzlich vorgeschrieben ist, dass die Tierversuchskommission vor entsprechenden Versuchen angehört werden muss. Für die siebenköpfige Kommission ist Justiz- und Verbraucherschutzsenator Dirk Behrendt (Grüne) zuständig. Der Brandbrief ging in den ersten November-Tagen sowohl an Behrendt als auch an Senatschef Michael Müller (SPD).

Der Justizsenator blockiere die turnusmäßige Neubesetzung der Kommission insofern, heißt es aus Wissenschaftskreisen, als dass er darauf dränge, die meisten Sitze in dem Gremium mit Tierschützern zu besetzen. Seine Verwaltung habe zuletzt eine konstituierende Sitzung ohne Angabe von Gründen abgesagt.

Mehr als 90 Prozent der Tierversuche in Berlin fanden zuletzt mit Mäusen und Ratten statt.
Mehr als 90 Prozent der Tierversuche in Berlin fanden zuletzt mit Mäusen und Ratten statt.Getty Images

Die Kommission ist beim Landesamt für Gesundheit und Soziales (Lageso) angesiedelt. Bislang wurde mindestens ein Drittel der Mitglieder in das Gremium nach Vorschlägen von Tierschutzorganisationen berufen, die anderen Sitze von Forschern besetzt.

Spitzenforscher beklagen „kritischen Zustand“ in der Pandemie

In der rot-rot-grünen Senatskoalition hieß es am Sonntag, dass sich Grünen-Politiker Behrendt durch seinen Kurs an der Parteibasis profilieren wolle. Ein Sprecher des Senators sagte auf Anfrage, es solle bald zwei Tierversuchskommissionen geben. Die konstituierende Sitzung finde am 26. November 2020 statt - die erste Kommission werde noch an diesem Tag die Arbeit aufnehmen.

Vorläufig allerdings fühlen sich Forscher durch Behrendt offenbar ausgebremst. „Diese Situation blockiert die biomedizinische Forschung und kann zu einer ernstzunehmenden Verzerrung des europäischen (und weltweiten) Forschungswettbewerbs führen“, schreiben die Spitzen von RKI, Charité, MDC und FU. „Vor dem Hintergrund, dass die Berliner Forschungsgemeinschaft im Zuge der Covid-19-Pandemie besondere Herausforderungen zu bewältigen hat, ist dies ein kritischer Zustand, der eine gravierende Benachteiligung des Wissenschaftsstandorts Berlin bedeutet."

Senatschef Müller will Berlin zur Medizinmetropole machen

Forscher sagen nun, Senatschef Müller, der auch Wissenschaftssenator und Charité-Aufsichtsratschef ist, müsse Behrendt die Bedeutung der Biomedizin deutlich machen: Das Gesundheitswesen ist Berlins größte Branche, auch die Hochschulen gehören zu den größten Arbeitgebern. Mit der Charité - Europas größter Universitätsklinik - als Nukleus will Müller die Stadt zur internationalen Medizinmetropole ausbauen.

Vergangene Woche hatte Behrendt die Veterinärmedizinerin Kathrin Herrmann zur Tierschutzbeauftragten ernannt. Sie sagte, Berlin solle „Hauptstadt der tierfreien Forschungsmethoden“ werden. Lageso-Daten zufolge hatte es 2017 in Berlin circa 220.000 Tests an Tieren gegeben. Das entspricht einem Rückgang um elf Prozent zum Vorjahr. Rund 95 Prozent der Experimente werden mit Mäusen und Ratten durchgeführt.

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An der Charité war 2017 ein Institut gegründet worden, um Alternativen zu Tierversuchen zu entwickeln. „Berlin ist ein Zentrum der Biomedizin, mit wichtigen Erkenntnissen für die Gesundheitsforschung“, sagte Bürgermeister Müller damals. "Die Kehrseite ist, dass solche Innovationen noch zu oft mit Tierversuchen verbunden sind. Statt diese einfach nur einzuschränken, setzen wir auf die Entwicklung von Alternativmethoden und stärken so Tierschutz und Wissenschaft."

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