Berliner Intensivpfleger über Trinksucht : Was der Alkohol mit dem Körper macht

Eine kaputte Leber ist auch ein Risiko bei Covid-19. Intensivpfleger Ricardo Lange über lebensgefährliche Blutungen, bissige Patienten und Bier auf Station.

Alkoholmissbrauch, findet Ricardo Lange, sei ein gesellschaftlich unterschätztes Problem.
Alkoholmissbrauch, findet Intensivstationspfleger Ricardo Lange, sei ein gesellschaftlich unterschätztes Problem.Foto: Patrick Seeger/dpa

Ricardo Lange, 39, ist Intensivpfleger in Berlin. Hier berichtet er jede Woche vom Kampf gegen das Coronavirus, von Provisorien und Hoffnungsschimmern .

In den letzten Monaten haben wir im Zusammenhang mit der Pandemie oft über das Thema Vorerkrankungen gesprochen. Wir haben uns gefragt, ob Asthmatiker Risikopatienten sind und warum Männer häufiger schwerer an Covid-19 erkranken als Frauen. Wir haben uns also gefragt, was den Körper schwächt.

Was wir dabei gern vergessen: Alkoholkonsum setzt unserem Organismus schwer zu. Ein beträchtlicher Teil meiner Patienten in den letzten Jahren kam als Folge davon auf die Intensivstation.

Oft habe ich dazu ähnliche Geschichten gehört: wie der Patient seine Fahne zunächst mit Mundwasser und Kaugummis zu übertünchen versuchte, wie er irgendwann begann, sich zu vernachlässigen, sich nicht mehr wusch, wie er seinen Job verlor, nicht mehr richtig aß, seine Familie zerbröckelte, seine Kinder litten, er vereinsamte.

Während des Lockdowns habe ich mich häufig gefragt, ob diese Menschen jetzt, da sie nichtmal mehr in die Kneipe konnten, noch stärker isoliert sind.

Abgefaultes Gewebe

Die Geschichten endeten meist damit, dass der Trinksüchtige im Rausch stürzte oder weil er eine alkoholbedingte Polyneuropathie entwickelt hat, eine Erkrankung des Nervensystems, die die Motorik einschränkt. Nicht selten werden diese Menschen erst nach Tagen gefunden, liegen in ihren Exkrementen und ihrem Erbrochenen. Ich erinnere mich an einen, der erst nach fünf Tagen entdeckt wurde. In seinem Gesicht war an den Druckstellen das Gewebe abgefault, nekrotisch nennen wir das.

Andere landen bei uns, weil sie im Suff einen Verkehrsunfall gebaut haben, wieder andere kommen mit Krebs im Mundraum oder einer Aszites, also einem Wasserbauch aufgrund der schwachen Leber. Eine kaputte Leber gilt übrigens ebenfalls als Risikofaktor für Covid-19, das Virus greift ja die Organe an.

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Ricardo Lange an einem freien Tag in seinem Garten.
Ricardo Lange an einem freien Tag in seinem Garten.Foto: Doris Spiekermann-Klaas


Ich habe bei meiner Arbeit schon viele Menschen, darunter einige unter 30-Jährige, an Leberzirrhose sterben sehen. Bei dieser Krankheit wird gesundes Gewebe in funktionsloses umgewandelt, die Leber sieht dann aus wie aus Styropor. In Speiseröhre und Magen bilden sich sogenannte Varizen, eine Art Krampfadern. Wenn wir da beispielsweise intubieren oder endoskopieren und diese Gebilde versehentlich berühren, können sie platzen.

Wir Pfleger müssen wissen, dass wir einem solchen Patienten keine Magensonde verpassen dürfen, sonst könnte er verbluten. Es kommt vor, dass er so viel Blut verliert, dass wir einen Eimer unter sein Bett stellen müssen. Die Leber ist ja unter anderem für die Blutgerinnung zuständig. Mit einer Senkstaken-Sonde, an deren Ende ein kugelförmiger Ballon sitzt, klemmen wir die Blutung ab. Nicht immer sind wir schnell genug.

"Manche Patienten schlagen und beißen uns"


Ich habe Menschen mit Korsakow erlebt, eine Demenz, die meist durch Alkoholmissbrauch ausgelöst wird. Und natürlich bekommen Patienten, die an Alkoholsucht leiden, bei uns auch Entzugserscheinungen. Sie zittern, schwitzen, manche fallen in ein Koma. Einige drehen durch, schlagen um sich, beißen uns, wecken die anderen ruhebedürftigen Patienten. Eine Kollegin stürmte mal blutüberströmt aus dem Zimmer, weil einer ihr aggressiv den Galgen des Bettes ins Gesicht geschleudert hatte.

[Die anderen Folgen der Kolumne "Außer Atem" mit Ricardo Lange lesen Sie hier, hier, hier, hier, hier, hier und hier]


Wir müssen dann professionell bleiben und uns immer wieder klar machen, dass auch die Sucht dieser Menschen eine Krankheit ist. In der Ausbildung haben wir gelernt: Nicht verurteilen, handeln.

Wenn ein wacher Patient nicht erlaubt, dass ich ihn wasche oder ihm die Zähne putze, muss ich das akzeptieren. Am Ende gilt das Selbstbestimmungsrecht des Patienten, er hat sogar ein Recht darauf, zu verwahrlosen.

"Wir reichen auch schon mal ein Bier"

Weil wir auf der Intensivstation vor allem dafür sorgen wollen, dass die Leute überleben, reichen wir, nach ärztlicher Rücksprache, in so einem Fall schonmal ein Bier oder einen Schnaps, damit es dem Kranken kurzfristig besser geht. Wir fragen auch: Im Glas oder aus der Flasche?

Manche "entzugigen" Patienten trinken sonst, was sie kriegen können: Desinfektionsmittel, Rasierwasser, Reinigungszeug. Ein schwerer Raucher bekommt bei uns ein Nikotinpflaster.

Alkoholkranke Patienten kommen aus allen Schichten und allen Altersgruppen. Es ist ein gesellschaftliches Problem, das viele unterschätzen. Auch, weil ich all das gesehen habe, trinke ich selbst nicht und werde auf Partys manchmal schräg angeschaut.

Oft wachen meine Patienten aus dem Koma auf, sind dem Tod gerade von der Schippe gesprungen und sagen als Erstes: "Ich will in die Kneipe". Das muss ich dann auch akzeptieren.