Mehr Fälle, weniger schwere Verläufe : Wird Corona harmloser?

Es werden wieder mehr Menschen positiv auf das Virus getestet. Aber vieles ist ganz anders als während der Schockwelle im März.

Zwei Mitarbeiterinnen demonstrieren die Arbeit im Labor der mobilen Corona-Teststation in Mannheim.
Zwei Mitarbeiterinnen demonstrieren die Arbeit im Labor der mobilen Corona-Teststation in Mannheim.Foto: Uwe Anspach/dpa

Die Zahl an Neuinfektionen steigt in Deutschland weiter – das Robert-Koch- Institut warnt und mahnt stetig, die Gefahr durch das Coronavirus nicht zu unterschätzen. Während der Anteil der Urlaubs-Rückkehrer an positiv auf das Virus getesteten Menschen auf 40 Prozent der Neuinfektionen gestiegen ist, normalisiert sich der Arbeits- und Schulalltag weiter, auch die Politik gibt sich hoffnungsvoll, dass die Infektionslage weiter unter Kontrolle gehalten werden kann.

Tatsächlich liegt der R-Wert – der besagt, wie viele weitere Menschen ein Infizierter ansteckt – aktuell nur knapp über 1. Das spricht zumindest dafür, dass die Zahlen zwar steigen, aber längst nicht so rasant wie zum Beginn der Epidemie im Februar und März. Die aktuellen Statistiken und Kurven prägen ganz andere Faktoren als im Frühjahr.

Sterben derzeit wirklich vergleichsweise weniger Menschen an Covid-19, müssen weniger auf Intensivstationen als zuvor?

In den vergangenen Wochen sahen die reinen Zahlen der Statistiken so aus. Bisher ist die Zahl der Verstorbenen nicht wieder nennenswert gestiegen – sie pendelte in den vergangenen Wochen zwischen einem und, etwa am Donnerstag, zehn Toten pro Tag.

Ein Grund, warum derzeit relativ wenige Personen schwer erkrankt sind und sterben, könnte aber schlicht auch die zeitliche Verzögerung zwischen Ansteckung, Erkrankung mit nicht ernsthaften Symptomen und schließlich lebensgefährlicher Erkrankung mit längerer Behandlung im Krankenhaus sein.

Sophia führt bei Felix im Corona-Testzentrum am Moritzplatz in Berlin-Kreuzberg einen Coronatest durch.
Sophia führt bei Felix im Corona-Testzentrum am Moritzplatz in Berlin-Kreuzberg einen Coronatest durch.Foto: dpa

Denn erst seit drei, vier Wochen steigt die Zahl der Neuinfektionen in Deutschland wieder signifikant. Diese Infektionen sind also meist noch gar nicht lange genug her, um schon jetzt ernsthaft erkrankt oder gar gestorben zu sein.

Wie die Lage wirklich ist, welcher Anteil der positiv auf das Coronavirus getesteten Menschen in dieser Phase der Epidemie hierzulande ernsthaft erkrankt, wird man erst in einigen Wochen wissen.

Was heißt es für die Statistiken, dass jetzt viel mehr getestet wird?

Wenn derzeit zehntausende Urlaubsrückkehrer, ohne dass sie Erkrankungszeichen zeigen, getestet werden und auch in Schulen, Betrieben und einzelnen Coronavirus-Hotspots Tests vorsorglich und auch bei Menschen ohne Symptome vorgenommen werden, so führt das zu einer anderen Zusammensetzung der statistisch erfassten Personen als vor einigen Monaten. Damals waren Tests den Personen mit mehr oder weniger eindeutigen Krankheitszeichen vorbehalten.

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Weil viele der derzeit vorsorglich getesteten Personen jung und insgesamt gesund sind, steigt in der Statistik also der Anteil jener Infizierten mit geringerem Risiko, ernsthaft zu erkranken. Die meisten Ansteckungen werden momentan in den Altersgruppen der Jungerwachsenen 15- bis 34-Jährigen und der 5- bis 14-jährigen Kinder registriert. Demnach infizieren sich sogar mehr Kleinkinder unter vier Jahren als Menschen ab 60.

Grund zur Beruhigung ist das nicht, denn es sagt einerseits nichts darüber aus, ob das Virus selbst vielleicht wirklich weniger gefährlich geworden ist. Die Tatsache, dass diese Tests bei einem bedeutsamen Anteil der Getesten auch ohne Symptome der Krankheit positiv ausfallen, bedeutet andererseits, dass das Virus in Deutschland großflächig verbreitet sein dürfte – was auch Ansteckungen von Personen mit erhöhtem Krankheitsrisiko wieder wahrscheinlicher macht.

Auch diesen möglichen Effekt würde man wegen der Inkubationszeit, der Testverfahren und Meldewege erst in einigen Wochen sehen. Andererseits liegt der Fokus der Tests momentan bei Urlaubern, auf der arbeitenden Bevölkerung und in Schulen – und nicht mehr wie im Frühsommer in Alten- und Pflegeheimen.

Welche Rolle spielen bessere medizinische Therapien?

Ob und in welchem Maß eine inzwischen verbesserte intensivmedizinische Versorgung die Schwere von Erkrankungen positiv beeinflusst und Todesfälle verhindert, dazu gibt es keine Gesamtstatistik. Es existieren aber inzwischen einige Studien und Erfahrungsberichte, die die Wirksamkeit bestimmter Interventionen belegen oder zumindest nahelegen.

Die Ärzte wissen heute besser als etwa im März und April, wie man ernsthaft Erkrankte richtig behandelt, etwa was die Art der Beatmung angeht oder die Verabreichung von Medikamenten, die Komplikationen der Erkrankung lindern können. Dazu gehören Mittel zur Hemmung der überschießenden Immunreaktion und zur Vorbeugung von Blutgefäßverschlüssen.

Zudem kann sich Personal, das sich nur um zwei Covid-Intensivpatienten kümmern muss statt um 20, natürlich überlegter, schneller, individueller und damit wirksamer eingreifen. Wenn die Zahlen schwer Erkrankter wieder zunehmen, werden diese Vorteile nicht komplett wieder verschwinden, aber wenn die Betreuungsquote und -intensität wegen zunehmender Patientenzahlen wieder sinken müssten, würde das wohl nicht ohne Folgen bleiben.

Schützen uns auch die Jahreszeit und das Wetter?

Ob im Sommer höhere Spiegel des Hormons Vitamin D dazu beitragen könnten, Covid-19-Krankheitsverläufe abzumildern, wird unter Medizinern intensiv diskutiert. Sicher kann man sagen, dass es im Sommer leichter ist, Räume gut zu durchlüften und viele Menschen halten sich mehr im Freien auf.

Sommerliche Witterung, sommertypische Luftfeuchtigkeit und Sonnenlicht tragen ebenfalls dazu bei, Virenkonzentrationen zu vermindern. Dies sorgt dafür, dass nicht nur Infektionen weniger wahrscheinlich werden – es bedeutet auch, wenn trotzdem eine Übertragung stattfindet, dass durchschnittlich weniger Viren auf den Schleimhäuten landen. Es gilt als hochwahrscheinlich, dass die anfängliche „Viruslast“ im Moment der Übertragung oft auch eine Rolle für die Verläufe Covid-19-Erkrankung spielt.

Was bringen die „AHA“-Regeln?

Auch die inzwischen weit verbreiteten, zu Anfang der Epidemie aber vernachlässigten Schutzmaßnahmen tragen zu einer geringeren Zahl übertragener Keime maßgeblich bei. Das Immunsystem einer Person, die viele Viren auf einmal abbekommt, und dies vielleicht auch teilweise schon bis in die tieferen Atemwege, hat weniger Zeit, ausreichend aber nicht überschießend auf die Infektion zu reagieren, als wenn die Virenkonzentration geringer ist.

Mehr Abstand zwischen zwei Menschen bedeutet sicher weniger Keimaufnahme als bei unmittelbarer Nähe zu einer infizierten Person. Mit einer Maske vor Mund und Nase geben Infizierte weniger Keime direkt an andere Menschen und in die Umgebungsluft ab. Und selbst ein normaler Mund-Nasen- Schutz filtert umgekehrt auch bei jemandem, der einatmet, zumindest einen Teil der in der Luft befindlichen Viren aus – je nachdem, ob es sich um Aerosole oder Tröpfchen handelt, ist dieser Effekt aber unterschiedlich stark.

Sind Hochrisikopatienten inzwischen besser geschützt?

Ein Risikopatient wird nicht an Covid-19 erkranken, wenn er den Sars-CoV-2-Keim gar nicht abbekommt – und dann auch nicht daran sterben und in keiner Covid-Todesstatistik auftauchen. Wenn sich zeigen würde, dass auch bei insgesamt weiter steigenden Infektionszahlen signifikant weniger schwere Verläufe und Todesfälle passieren, könnte eine Teil-Erklärung dafür auch sein, dass Personen, die zu einer Risikogruppe gehören, sich inzwischen schlicht selbst besser vor Ansteckungsmöglichkeiten schützen oder von Angehörigen und Pflegepersonal besser geschützt werden als zum Beginn der Epidemie. Die starke Sensibilisierung aller Bevölkerungsgruppen wirkt auch hier.

Mehr Fälle, weniger Kranke – ist das Virus also weniger gefährlich?

Wenn die Statistik in den kommenden Wochen wirklich nachhaltig prozentual weniger schwere und tödlich verlaufende Fälle zeigen sollte, läge das an vielen Faktoren: Ein verbreitetes besseres Bewusstsein für die Gefährlichkeit des Coronavirus und die Schutzmaßnahmen gehört ebenso dazu wie mehr Erfahrung beim Schutz und bei der Behandlung auch besonders gefährdeter alter oder vorerkrankter Menschen.

Außerdem könnte durch das immens verstärkte Testen in vielen Bevölkerungsgruppen die Dunkelziffer symptomlos und auch deshalb unerkannt Infizierter kleiner geworden sein, weil immer mehr von ihnen jetzt in die offiziellen Statistiken eingehen. Aber auch wenn immer mehr getestet wird, dürfte es weiterhin unentdeckte Fälle geben. Kein Land der Welt kann die gesamte Bevölkerung auf das Virus testen. Die Schutzmaßnahmen sollten daher beibehalten werden – auch die weniger Gefährdeten müssen dazu ihren Beitrag leisten, etwa durch das Tragen von Masken, Einhalten von Abständen und das Vermeiden von Risikoverhalten.

Das Virus mutiert – wird es dadurch aggressiver oder harmloser?

Bei jedem Vermehrungsvorgang von Viren passieren Fehler, wenn das Erbgut kopiert wird. Viren mutieren also ständig. Meistens führen die Mutationen dazu, dass die Viren nicht mehr funktionieren. Doch mitunter ist eine Mutation dabei, die dem Virus einen Vorteil verschafft, besser verbreitet und vermehrt zu werden. Mutationen, die das Virus sehr aggressiv und den infizierten Wirt sehr schnell sehr krank machen, sind eher selten. Je schneller sich ein Infizierter krank fühlt, umso eher bleibt er allein zuhause im Bett – was die Verbreitungsoptionen genauso einschränkt wie ein schnell sterbender Wirt. Daher ist das Pandemie-Potential von Ebola weitaus geringer als das von Corona.

Das neuartige Coronavirus ist so erfolgreich, weil es viele Menschen, wenn überhaupt, erst Tage nach der Infektion erkranken lässt, so dass viel Zeit und viele Gelegenheiten zur Infektion neuer Wirte bleiben. Manche Virologen hoffen, dass Sars-CoV-2 im Verlauf der Pandemie diese Eigenschaft noch weiter ausbaut, also immer weniger Menschen krank oder gar schwerkrank macht, sondern immer mehr nur infiziert, um besser verbreitet zu werden. Ein Indiz dafür ist eine Mutation namens „D614G”. Laborexperimenten mit Viren an Zellkulturen zufolge führt sie dazu, dass die „Stachel“ („Spikes”) des Virus, mit denen es in die Zellen eindringt, zehnfach effektiver sind.

Ob das für die derzeitige Verbreitung der Viren aber tatsächlich eine Rolle spielt, ist unbekannt. Dass die D614G-Variante in Europa vergleichsweise verbreitet ist, könne auch einfach Zufall sein, meint Richard Neher, Leiter der Forschungsgruppe Evolution von Viren und Bakterien an der Universität Basel, eine Art „Gründereffekt“: Viren mit dieser Mutation waren zufällig an einem der schnellwachsenden Ausbrüche im Februar beteiligt, weshalb sie jetzt so häufig sind. Das gilt auch für die vielen anderen Mutationen, deren Wirkung in aufwändigen Tests erst noch überprüft werden müsste.

Tatsache ist, dass konsequentes Abstandhalten, Maskentragen und das Vermeiden von Massenveranstaltungen einen gewissen „evolutiven Druck” auf das Virus ausüben: Es vermehren sich eher Varianten, die einem Infizierten helfen, länger Viren zu verbreiten – ihn also weitgehend gesund lassen. Solche Viren befallen dann etwa vorwiegend die Nasenschleimhaut und vermehren sich gleich dort so stark, dass sie den nächsten Wirt schon mit dem Atem erreichen.

Epidemiologische Belege gibt es für ein abgeschwächtes, gar harmloses Sars-CoV-2, das irgendwann nur noch einen Schnupfen auslöst, bis jetzt aber nicht. Hinweise auf aggressivere Virusmutanten aber – immerhin – auch nicht.