Am Anfang läuft alles wunderbar

Seite 3 von 4
Die Reportage : Der Heilige Krieg der Leila Bah

Ähnlich ist die Rolle, in die sich Leila in ihrer zweiten Liebesbeziehung begibt, damals kennt sie Shahab bereits. Nach sechs Monaten beendet ihr Freund das Verhältnis. Er vermisse Impulse von ihrer Seite, eine Gesprächspartnerin, mit der man sich auch mal streiten könne, sagt er Leila. Keine, die ihn bedingungslos anhimmelt.

Eigentlich hätten sie angenommen, dass Leila sich nach kurzer Zeit mit Shahab unterfordert fühlen würde, sagen ihre Freundinnen. Ein lieber Kerl, zweifellos, und sehr zärtlich im Umgang mit Leila – aber ihr, was Ehrgeiz und Intelligenz angehe, deutlich unterlegen. Die Schule und eine Ausbildung zum Bauzeichner hat Shahab abgebrochen, nennenswerte Anerkennung erfährt er lediglich als Mitglied einer Basketballmannschaft. „Ein total netter Typ“, sagen seine ehemaligen Vereinskollegen. Für eine politische und religiöse Radikalisierung sahen sie keine Anhaltspunkte. Einzig, dass er darauf bestand, in den Spielpausen und beim Training Koransuren auf dem MP3-Player zu hören, ist ihnen als ungewöhnlich in Erinnerung geblieben.

Trotz des offenbaren Ungleichgewichts lässt sich die Beziehung zwischen Shahab und Leila gut an. Beide wirken glücklich, gehen bald in der Familie des anderen ein und aus. Zur Hochzeit einer Cousine fahren sie mit Leilas Eltern nach Süddeutschland. „Was für ein wunderbares Paar ihr seid“, sagen die Verwandten. Und dass sie sicher einmal zauberhafte Kinder haben werden.

Dass Shahab hochgradig eifersüchtig war, fiel den Freundinnen bald auf. Sie dachten sich nichts dabei. Es komme ja öfter mal vor, sagen sie, dass ein Kerl schlecht gelaunt zusehe, wenn seine Freundin die Blicke anderer Männer auf sich zieht. Doch dabei bleibt es nicht. Als Leila im Unterricht ein Referat halten soll und sich zur Vorbereitung mit einem Klassenkameraden trifft, macht Shahab ihr eine Riesenszene. Irgendwann ärgert es ihn, dass Leila überhaupt ausgeht – und Leila lässt es. Selbst mit ihren Freundinnen will sie sich bald nur noch nachmittags treffen und an Orten, an denen kein Alkohol ausgeschenkt wird. Die Freundinnen stellen sie zur Rede, wollen nicht verstehen, dass Leila sich derart einschränken lässt. Leila aber verteidigt ihre Entscheidungen. Sie teile Shahabs Ansichten, sagt sie.

Auch der Freund, mit dem Leila vor Shahab zusammen ist, stammt aus dem Iran und ist gläubiger Muslim. Während der Beziehung zu ihm äußert sich Leila in Gesprächen mit Johanna noch kritisch über das Frauenverständnis des Islam. Dass auf Familienfeiern die Männer zuerst begrüßt werden, findet sie ungeheuerlich. Leilas aus dem Senegal stammender Vater ist ebenfalls Muslim, in ihrer Erziehung aber spielt das keine Rolle. Leila wächst nach westlichen Werte- und Moralvorstellungen auf, sie trägt Miniröcke, die andere Väter ihren Töchtern vielleicht nicht durchgehen ließen. Zu ihren favorisierten Kleidungsstücken zählt der Bikini. Sie habe eine Auswahl besessen, die andere nicht an T-Shirts vorweisen könnten, sagt Johanna lachend. Doch es kommt der Tag, an dem Leila Kopftuch trägt. Zu diesem Zeitpunkt hat sie den Kontakt zu ihren Freundinnen gänzlich abgebrochen.

Begonnen, sagt Johanna, habe die Entfremdung mit dem Schulwechsel. Seit der siebten Klasse träumt Leila davon, Zahnärztin zu werden. Als sie Leistungskurse belegen soll, wählt sie Chemie und Mathematik, eine Kombination, die an ihrem Gymnasium nicht angeboten wird. Gemeinsam mit einer der acht Freundinnen meldet Leila sich an einer Schule auf der anderen Alsterseite an. Die übrigen sieht sie fortan nicht mehr täglich, nach einigen Monaten gar nicht mehr. Wie es Leila denn gehe, fragen die anderen beunruhigt, sie reagiere nicht mehr auf Anrufe und Nachrichten. Sie habe keine Ahnung, antwortet die Freundin resigniert, Leila spreche auch mit ihr kaum noch. Sie, der die Gesellschaft einst so wichtig war, führt mehr und mehr das Leben einer Einsiedlerin. Kommt pünktlich zum Unterricht, arbeitet konzentriert mit, zieht sich in den Pausen allein zurück und verschwindet beim Schlussklingeln.

Haben sie nicht versucht, Leila zur Rede zu stellen? „Oh ja“, sagt Johanna, „anfangs haben wir das.“ Aber Leila habe reagiert wie eine Magersüchtige, die man auf ihre Krankheit anspricht: Entrüstet war sie, beleidigt, sie strafte alle, die Kritik äußerten – indem sie sich noch mehr zurückzog. Ein Schutzmechanismus, um nicht mit unangenehmen Fragen konfrontiert zu werden.

Einmal besucht Johanna Leila im Laden ihrer Mutter, einer kleinen, feinen Boutique im Quartier. Ganz in Schwarz gekleidet sitzt Leila hinter der Kasse, sie behandelt Johanna höflich, wie eine fremde Kundin. „Das war ungeheuer verletzend. Leila hat getan, als kenne sie mich nicht“, sagt Johanna. Und sie zieht ihre Strickjacke enger um den Körper, als sei ihr plötzlich kalt.

Natürlich bemerken auch Leilas Eltern die Veränderung. Immer wieder suchen sie das Gespräch mit der Tochter. Der Vater äußert sich entsetzt über die radikalen Auffassungen des Islam, die in der Moschee am Steindamm gepredigt werden. Leila aber blockt total und verweist auf ihre Volljährigkeit. Die Freundinnen mögen Leilas Eltern, manchmal teilen sie ihren Kummer mit der offenen, stets mitfühlenden Frau Bah, wenn sie ein Thema zu Hause nicht anzusprechen wagen. Zu Leila aber dringen die Worte ihrer Mutter nicht mehr durch.

Ein halbes Jahr nach ihrem Besuch in der Boutique begegnet Johanna ein letztes Mal Shahab, in einem Coffeeshop, er arbeitet hinter dem Tresen, wenige hundert Meter von der Moschee entfernt. Fast erkennt sie ihn nicht. Er hat sich einen Bart wachsen lassen, wie es unter vielen Muslimen als besonders gottesfürchtig gilt, als Zeichen von Respekt vor Allahs Schöpfung. Kurz nach dieser Begegnung kündigt Shahab seinen Job. Zu viele oberflächliche, laute Frauen im Café, sagt er seinen Kumpels. So, wie er von Leila ungeteilte Liebe fordere, wolle auch er anderen Frauen aus dem Weg gehen.

2007 nimmt Leila den islamischen Glauben an. 2008 heiratet sie Shahab, nicht vor einem Standesamt, sondern nach islamischem Recht. Bei der Hochzeit ist Leilas Mutter die einzige Nicht-Muslimin. Johanna und die anderen einstigen Freundinnen erfahren es erst im Nachhinein, als eine von ihnen bei Leilas Mutter einkauft.

Obwohl sie verheiratet sind, leben Leila und Shahab getrennt, bei ihren jeweiligen Eltern. Wenn Leila das Haus verlässt, trägt sie neuerdings ein schwarzes Gewand über der Kleidung. Im Frühjahr 2009, Leila studiert Zahnmedizin und steht kurz vor dem Physikum, sagt sie ihren Eltern, sie wolle in den Semesterferien eine Reise machen. Als Herr und Frau Bah sie verabschieden, glauben sie, Leila fahre mit Shahab zum Pilgern nach Mekka. Es ist das letzte Mal, dass sie ihre Tochter sehen.

Mehr lesen? Jetzt E-Paper gratis testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar