Der Gipfel der Küsschen : Diplomatische Lippenbekenntnisse bei G-7

Der Politkuss hat eine neue Funktion. Zu sehen war sie beim Treffen der G-7-Staaten in Biarritz. Wie erwärmend in politisch unterkühlten Zeiten!

First Lady Melania Trump gibt Kanadas Premier Justin Trudeau einen Kuss. Gatte Donald scheints nicht zu freuen.
First Lady Melania Trump gibt Kanadas Premier Justin Trudeau einen Kuss. Gatte Donald scheints nicht zu freuen.Foto: REUTERS/Carlos Barria

Der sozialistische Bruderkuss ist der Dino unter angedeuteten Mund-zu-Mund-Kontakten, die heute in der Politik sichtbar werden.

Beim G-7-Gipfel in Biarritz gab es einige Varianten zu sehen, die wirkten wie geformt nach einem Bonmot von Ingrid Bergmann, die im Kuss einen reizenden Trick der Natur sah, „den Redefluss zu beenden, wenn Worte überflüssig werden“.

Warum soll, was für den erotischen Kuss im besten Sinne stimmt, nicht auch auf den Society-Kuss im komplizierten, viel zu oft festgefahrenen politischen Miteinander zutreffen?

Worte scheinen ja eh nicht mehr zu reichen, um das Weltklima deutlich zu verbessern, wobei mit Klima an dieser Stelle nicht das gemeint ist, das Gletscher zum Schmelzen bringt, sondern eher die Eiszeit, die der Populismus ins Miteinander der Staaten bringt.

Wenn der ewig rumpelnde Donald Trump also einen Alpha-Kuss ausstreut, der die Bundeskanzlerin Angela Merkel trifft und von ferne an das Nasenreiben der Maori erinnert, dann ist das vielleicht kein Einlenken in den großen Fragen. Aber man kann es zumindest als etwas hilflos polterndes Rudiment einer verschütteten positiven Gestik werten.

US-Präsident Donald Trump küsst Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) zur Begrüßung beim G-7-Familienfoto.
US-Präsident Donald Trump küsst Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) zur Begrüßung beim G-7-Familienfoto.Foto: REUTERS/Christian Hartmann

Im Kalten Krieg konnte der Bruderkuss über Beziehungen hinwegtäuschen

Deutlich überflügelt wird der US-Präsident natürlich von Gattin Melania, die mit ihren gut trainierten Modelzügen vor Staatenlenkern blitzschnell mal kurz die Sonne aufstrahlen lassen kann. So in dem Moment, als sie Kanadas Premier Justin Trudeau auf die Wange küsst.

Niemand weiß, was sich hinter solchen Society-Küssen an Gedanken, auch Abgründen verbergen mag. Bekannt ist der nicht-erotische Kuss auch als Symbolhandlung.

Ein Kuss und seine prominenten Beobachter.
Ein Kuss und seine prominenten Beobachter.Foto: REUTERS/Christian Hartmann

Als die Welt noch im Kalten Krieg versunken war, mochte ein ritualisierter, aber geheuchelter sozialistischer Bruderkuss über den wahren Zustand der Beziehungen gründlich hinwegtäuschen. In

In Zeiten der Netz-Transparenz täuscht sich kaum jemand mehr. Das kommt dem diplomatischen Bussi zugute.

Von Liebe oder auch nur Zuneigung mögen die Polit-Küsschen weit entfernt sein, aber das schadet ihrer eigentlichen Bestimmung gar nicht.

Beim Gipfel werden leicht gespitzte Lippen so zu einem minimalen gemeinsamen Good-Will-Nenner, zu einem Klimalächeln, das wenigstens nicht überspitzt, sondern entschärft.

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