zum Hauptinhalt
Lesefrüchte. Knallgelb sind die Reclam-Hefte erst seit 1970.
© Gisela Linda
Tagesspiegel Plus

Inspiration oder Qual?: Unsere Kulturredakteure erinnern sich an ihre Schullektüre

Die Bücher auf dem Lehrplan sind eine Herausforderung, aber eine sinnvolle? Wir blicken auf Werke, die wir im Unterricht lasen – und die heute noch zählen.

Stets gedacht als Inspiration, meist gelesen als Pflicht, oft geendet als Qual. Die im Deutschunterricht besprochenen Bücher prägen lebenslang unser Verhältnis zur Literatur. Es gibt hierzulande keinen einheitlichen und verbindlichen Kanon, den alle Schülerinnen und Schüler abzuarbeiten hätten. Und trotzdem werden seit Jahrzehnten großteils immer dieselben Werke gewählt.

Meistgelesen ist Goethe, gefolgt von Kleist, Kafka und Eichendorff. Die Klassiker als reiner Herrenverein? Erst in den vergangenen Jahren erscheinen Autorinnen wie Juli Zeh oder Judith Herrmann vermehrt in Lehrplänen. Hier tauchen Redakteurinnen und Redakteure noch einmal in ihre Schulzeit ein – und erklären, was die Lektüre von damals ihnen heute noch gibt. 


„Lenz“ von Peter Schneider

Hat unseren Autor nicht überzeugt. „Lenz“ von Peter Schneider.
Hat unseren Autor nicht überzeugt. „Lenz“ von Peter Schneider.
© Kiepenheuer & Witsch

Das frühere Cover dieses Buches hat sich in meinem Kopf festgesetzt, keine Frage. Der rote Rand, die blaustichige Aufnahme einer vermutlich italienischen Landschaft, und darauf blau auf weiß der Name des Autors, der Erzählung und des Verlages: Peter Schneider, „Lenz“, Rotbuch Verlag.

Das Buch ist noch in meinem Besitz, wo auch immer es sich verborgen hält, gefunden habe ich es auf die Schnelle nicht. Aber es gehörte zu meiner Schullektüre, entweder in der zehnten oder elften Klasse, in den frühen Achtzigerjahren. Höchstwahrscheinlich sollten wir es nicht isoliert lesen, sondern im Vergleich mit Büchners „Lenz“.

Aber habe ich es wirklich gelesen? Gelesen, wie Schneiders Lenz Anfang der Siebzigerjahre erst in der Fabrik arbeitet, um sich dann auf den Weg nach Rom zu machen? Oder er einen Schriftsteller beim Einkaufen trifft und bei diesem eine Trauer im Gesicht bemerkt, „wie sie Leute auszeichnet, deren sämtliche Wünsche in Erfüllung gegangen sind und die sich nun erstaunt fragen, was sie auf dieser Welt, die ihnen schon zur Nachwelt geworden ist, überhaupt noch auszurichten haben“?

Jegliche Erinnerung an diese Lektüre ist gelöscht. Mit einer gewissen Anstrengung erinnere ich mich jedoch gut an die Lehrerin, die wir damals hatten, allerdings nicht an ihren Namen. Es war eine kleine, junge Frau, die sich allein vom Outfit her unterschied vom Lehrkörper dieses Wolfenbütteler Gymnasiums: Die altgedienten Lehrer trugen Anzüge, die Lehrerinnen Kostüme.

Sie jedoch hatte lange blonde Haare, die ihr wie bei Nico streng am Gesicht lagen, trug Wollpullover, Jeans mit Schlag und diese furchtbaren Entenschuhe. Erkennbar Siebzigerjahre. Immerhin fühlte sie sich als Deutschlehrerin der zeitgenössischen Literatur verpflichtet, einer der Innerlichkeit und neuen Subjektivität. Nur stieß das anscheinend auf keinen Widerhall bei mir.

1983 war schließlich schon Rainald Goetz’ Debütroman „Irre“ erschienen – den ich aber auch erst Jahre später entdecken sollte. Ob der einmal auf einem Lehrplan stand? (Gerrit Bartels)


„Die Verwandlung“ von Franz Kafka

Eine prägende Erfahrung. „Die Verwandlung“ von Franz Kafka.
Eine prägende Erfahrung. „Die Verwandlung“ von Franz Kafka.
© Random House

Ich erinnere mich nicht daran, wann „Die Verwandlung“ von Franz Kafka bei uns auf dem Lehrplan stand. Ich erinnere mich auch nicht an den Deutschlehrer, der das damals mit uns durchgegangen ist. Sehr wohl weiß ich aber, dass „Die Verwandlung“ bei mir bleibenden Eindruck hinterließ.

Zunächst ist da dieser Name: Gregor Samsa. Vorne langweilig, hinten interessant, für mich damals kaum zu verorten. Und dann der erste Satz: „Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheuren Ungeziefer verwandelt.“

Schnell heruntergerattert, kann man damit ein Lebensgefühl zwischen Fatalismus und großer Erwartung ausdrücken. Sehr hilfreich in der Adoleszenz. Der Typ, der sich in seinem Zimmer über Nacht in einen Käfer verwandelt und nicht mehr dem ohnehin verhasste Job nachgehen kann, hat sich bei mir eingebrannt. Und diese undankbare Familie. Auch die Szene mit den Äpfeln, die der Vater auf ihn wirft und die sich unter seinen Panzer ins weiche Käferfleisch bohren.

Erschienen mir die Charaktere aus anderen Lektüren („Sansibar oder der letzte Grund“, „Andorra“, „Geschlossene Gesellschaft“) oft fremd, konnte ich mit Gregor Samsa mitfühlen. Das lag sicher an der Sprache. Kein Wort zu viel und glasklar. Auch die Tatsache, dass Kafka kein schwelgender Dichter, sondern ein hadernder Versicherungsangestellter war, spielte eine Rolle. Ich fühlte mit den Underdogs.

Eine Weile fanden wir es cool, Dinge als „kafkaesk“ zu bezeichnen. Erlebnisse mit Lehrern, Familie, Ausleihvorgänge in der Videothek, alles kafkaesk. Diese erste Begegnung mit Kafka führte dazu, dass ich weiterlas: „Das Schloss“, „Der Prozess“, „In der Strafkolonie“, „Brief an den Vater“.

Etwas später, bei einem Praktikum in Prag, konnte ich mir die fragile Verfasstheit Kafkas gut vorstellen, wie er über die nebligen Brücken stapfte. Dazu passten die verrauchten Bierstuben, das Bürogebäude mit Paternoster, die Villa auf dem Hügel, in der ich ein Zimmer bewohnte. Ich schrieb einen Text über Tafelspitz in einem Restaurant und bildete mir ein, zu klingen wie er. (Birgit Rieger)


„Die Räuber“ von Friedrich Schiller

Hochgestochen und ein bisschen zum Gähnen. „Die Räuber“ von Friedrich Schiller.
Hochgestochen und ein bisschen zum Gähnen. „Die Räuber“ von Friedrich Schiller.
© Random House

Rückblickend hätte es die ideale Lektüre für unsere Oberstufenzeit sein können. Wie echte Stürmer und Dränger planten wir in den großen Pausen in der Raucherecke die Rebellion gegen Autorität und Tradition. Doch auch das Che-Guevara-Shirt half im Leistungskurs Deutsch nicht, um die hochgestochene, affektierte Rede der Gebrüder Moor zu durchdringen.

Um den leidenschaftlichen Leipziger Studenten und späteren Räuberhauptmann Karl oder den heimtückischen Narzissten und Nihilisten Franz zu verstehen, haftete ein Auge stets an der Lektürehilfe. „Ich soll meinen Leib pressen in eine Schnürbrust und meinen Willen schnüren in Gesetze. Das Gesetz hat zum Schneckengang verdorben, was Adlerflug geworden wäre.“

Irgendwie hatten wir uns die freie Selbstentfaltung parolenhafter vorgestellt. Nur manchmal belohnte uns Schiller mit Derbheiten („Das ist dein Bruder! – das ist verdolmetscht: Er ist aus eben dem Ofen geschossen worden, aus dem du geschossen bist“). An Begriffen wie „Hottentottenaugen“ und „Judenzins“ störte sich dagegen noch niemand.

Das Theater glich einem Irrenhaus, rollende Augen, geballte Fäuste, heisere Aufschreie im Zuschauerraum

Augenzeugenbericht der Uraufführung

Nach Abschluss der Lektüre sah der Kurs eine Inszenierung der „Räuber“ im Staatstheater Kassel. Unsere Lehrerin verlas vorab einen Augenzeugenbericht der Uraufführung von 1782 in Mannheim: „Das Theater glich einem Irrenhaus, rollende Augen, geballte Fäuste, heisere Aufschreie im Zuschauerraum. Fremde Menschen fielen einander schluchzend in die Arme, Frauen wankten, einer Ohnmacht nahe, zur Tür. Es war eine allgemeine Auflösung wie ein Chaos, aus dessen Nebeln eine neue Schöpfung hervorbricht.“

Als der Vorhang in Kassel fiel, waren jedoch die meisten vor Erschöpfung vernebelt zusammengebrochen – und eingedöst. Unsere Form der Rebellion gegen die Tradition. Nachgewirkt hat es offensichtlich trotzdem: Studium in Leipzig, Abschlussarbeit zu Schillers ästhetischer Theorie – zugegeben: eher im Schneckengang als im Adlerflug. (Hannes Soltau)


„Effi Briest“ von Theodor Fontane

Entfaltet immer noch einen Sog. „Effi Briest“.
Entfaltet immer noch einen Sog. „Effi Briest“.
© S. Fischer Verlag

Immer noch „Effi Briest“? Das kann doch nicht wahr sein! Doch für Tochter Josefine gehörte Theodors Fontanes Gesellschaftsroman ebenfalls zum Lehrplan. Sie hat ihn sogar mit Begeisterung gelesen und mein altes Exemplar aus meiner eigenen Schulzeit einfach wieder benutzt: jugendstilig aufgemacht, mit einem nachkolorierten Filmstill von Rainer Werner Fassbinder auf dem Titel.

Nur mit den krakeligen Notizen am Rand aus den späten Siebzigern konnte sie vermutlich nicht allzu viel anfangen. „Gebärden haben repräsentierenden Stellenwert für das Bürgertum“, steht da etwas erratisch.

Wie akribisch muss ich damals im Unterricht mitgeschrieben, dabei aber nicht immer richtig zugehört haben. Dazu wurden die verschiedenen Zeilen blau und rot unterstrichen, da und dort ein rotes Kreuzchen gesetzt. Aha.

Doch wenn man den Roman heute zur Hand nimmt und wieder anfängt zu lesen, dann entwickelt er erneut seinen Sog. Die harmlosen Szenen am Anfang, die auf das ganze Drama schon verweisen, ziehen gleich wieder ins Geschehen.

Die gnädige Frau ließe bitten, daß das gnädige Fräulein zur rechten Zeit Toilette mache

„Effi Briest“

Dass hier eine überzogene Moral eine junge Frau ins Unglück stürzt, ein Jahre zurückliegender Seitensprung einen Automatismus gesellschaftlicher Regeln auslöst, der unmenschlich gegen alle Beteiligten ist – das fasziniert nach wie vor.

Von Entrüstung aber ist auch heute bei der jüngeren wie der älteren Lesegeneration keine Spur. Dafür stellt Fontane das Räderwerk der perfiden Entwicklung viel zu fein, zu akribisch, zu kunstvoll dar. „Effi Briest“ bleibt auch bei der zweiten Lektüre, Jahrzehnte später, ein fantastischer Roman.

Natürlich fallen jetzt andere Redewendungen, andere Szenen auf als damals. Sätze wie „Die gnädige Frau ließe bitten, daß das gnädige Fräulein zur rechten Zeit Toilette mache“ oder „Und ist es dir denn gar nicht, ja, wie sag’ ich nur, ein bißchen genant?“ sind heute himmlisch, früher wirkten sie vor allem grotesk.

Fontane ist ein Meister der Dialoge, der örtlichen Beschreibungen. Seine Geschichte, die 1894/95 ursprünglich als Fortsetzungsroman für die „Deutsche Rundschau“ geschrieben war, perlt nur so dahin. So reist Effi mit ihrer Mutter zur Vorbereitung der Hochzeit für Einkäufe nach Berlin, wo sie zusammen mit dem kessen Cousin in der Nationalgalerie Böcklins „Insel der Seligen“ betrachten. Das kann nicht gut enden. (Nicola Kuhn)


„Iphigenie auf Tauris“ von Johann Wolfgang Goethe

Mehr Ethikunterricht als gutes Theater. „Iphigenie auf Tauris“.
Mehr Ethikunterricht als gutes Theater. „Iphigenie auf Tauris“.
© Reclam

Auf der Bühne sucht man dieses Stück vergeblich. Auf dem Lehrplan für Abiturklassen steht es allerdings nach wie vor. Goethe schrieb die erste Fassung als Auftragswerk des Weimarer Hofs, spielte 1779 bei der Uraufführung selbst mit. Wie auch beim „Faust“ hat er den mythischen Stoff immer wieder neu bearbeitet und geglättet.

Erste Lektion: Klassiker per se gibt es nicht, sie sind eine Erfindung bigotter Germanisten. Die edle Fassung in fünfhebigen Jamben von 1802 hat uns damals in der Schule entsetzlich gelangweilt. Zweite Lektion: Mit Theater hatte die Deutschstunden-Lektüre wenig zu tun, eher mit Ethikunterricht.

Hier sind alle unglaublich gute Menschen. Der Barbarenherrscher Thoas, bei dem die fremde Griechin Gastrecht genießt, erweist sich als souverän im Verzicht auf die Frau und das Menschenopfer. Selbst der Muttermörder Orest – es handelt sich um ein idealistisches Endspiel des Trojanischen Kriegs und der horrenden Atridensage – macht einen freundlichen Eindruck. Und Iphigenie, Tochter des Agamemnon, ist ein übermenschliches Vorbild an Klugheit und Sensibilität.

Da wird endlos geredet, es passiert nichts, und ich habe mich später nicht nur bei diesem „Klassiker“ gefragt, ob das Gute, Wahre und Schöne nicht ein grandioses Missverständnis ist.

Dritte Lektion: Bei Shakespeare gibt es solche verkopften Monologe und Dialoge jedenfalls nicht, auch bei Schiller ist mehr Action. „Du sprichst ein großes Wort gelassen aus“, lautet ein berühmtes Zitat aus der „Iphigenie“. Das lässt sich von Goethes Dichtung kaum sagen, groß war nur die Pause, und auch die nur dem Namen nach.

Es gibt also ein paar Gründe, dass ich dieses Stück in vierzig Jahren nur ein- oder zweimal im Theater erlebt habe. In der Oper ist die an sich ja dramatische Geschichte besser aufgehoben. (Rüdiger Schaper)


„Die neuen Leiden des jungen W.“ von Ulrich Plenzdorf

Coole Interpretation eines Klassikers. „Die neuen Leiden des jungen W.“.
Coole Interpretation eines Klassikers. „Die neuen Leiden des jungen W.“.
© Suhrkamp

Das Buch war erst ein, zwei Jahre vorher bei Suhrkamp erschienen und schon stand es im Lehrplan. So holt man die jungen Leute ab, dachten schlaue Pädagogen offenbar in den Siebzigerjahren. Erst Ulrich Plenzdorfs „Die neuen Leiden des jungen W.“, dann kann man ihnen auch Goethes „Werther“ nahebringen.

Da hockt Edgar auf dem Plumpsklo in der Laube seines Kumpels Willi, nutzt die Umschlagseiten des Taschenbuchs zum Hintern-Abwischen und liest diesen Briefroman, nachdem er ihn erst mal in die Ecke gefeuert hat. „Leute, das konnte wirklich kein Schwein lesen“.

Aber dann ist er angefixt, verschickt Tonbänder an Willi, auf denen er mit Goethe-Zitaten von Charlie schwärmt, der Kindergärtnerin mit den irren Augen-Scheinwerfern und dem Verlobten Dieter.

Ein leicht durchschaubares Anbiederungsmanöver, wir Nonnenschülerinnen waren ja nicht blöd. Hier Goethes Charlotte im Kreis ihrer acht kleineren Geschwister (die Brotschneide-Szene!), da die Kindergärtnerin, hier die Briefe an Wilhelm, da die Bänder an Willi, hier wie da keine Chance wegen des langweiligen Verlobten.

Bei Goethe ist es dieser „Kissenpuper“ Albert, wie Plenzdorf schreibt. Und schließlich der Selbstmord beziehungsweise der tödliche Stromschlag. So sollten auch wir für Goethe angefixt werden, mit dieser coolen Jugendsprache im Rabaukenjargon samt Hymnen auf die Bluejeans und auf Salingers „Fänger im Roggen“, und mit Ostrockervokabeln.

Aber die Pädagogen irrten, nicht nur, weil die DDR in der Stadt nahe der französischen Grenze viel weiter weg war als jeder Sturm und Drang. Edgar schimpft über den Herzschmerz bei Goethe, aber genau das war es doch, dieses Fiebrige, Überspannte, Verzückte, dieses seufzend Verliebte.

Mit 15, 16 ist man sich selber ganz nah und gleichzeitig fremd. Vor allem fühlt man sich hoffnungslos unverstanden, von allen. „Ich habe eine Bekanntschaft gemacht, die mein Herz näher angeht. Ich habe – ich weiß nicht.“

Endlich jemand, dem es genauso ging. Einer, der in Gedankenstrichen schwelgt und der die Zukunft als ebenjene Ferne beschreibt, wie man sie selber halluzinierte: „Ein großes dämmerndes Ganzes ruht vor unserer Seele, unsere Empfindung verschwimmt darin wie unser Auge, und wir sehnen uns ach! unser ganzes Wesen hinzugeben“.

Allein dieses ständige Ach, herrlich. Hat sie wieder ihren Weltschmerz, feixte mein Vater. Ich hasste ihn dafür und suchte Zuflucht bei Goethe. Seitdem weiß ich, dass das Fremde oft das Ureigenste ist. Und dass man sich Kindern nicht anbiedern soll. (Christiane Peitz)

Zur Startseite