• Museumsbesuche mit Mund-Nasen-Schutz: Was für ein Privileg es ist, mit der Kunst allein zu sein

Museumsbesuche mit Mund-Nasen-Schutz : Was für ein Privileg es ist, mit der Kunst allein zu sein

Endlich öffnen die ersten Berliner Museen ihre Türen. Es gelten Zeitfenster und Zugangsbeschränkungen. So lässt sich Kunst ganz neu erleben.

Eine Besucherin der Alten Nationalgalerie schaut dem "Denker" des französischen Bildhauers Auguste Rodin beim Denken zu.
Eine Besucherin der Alten Nationalgalerie schaut dem "Denker" des französischen Bildhauers Auguste Rodin beim Denken zu.Foto: John MacdougalL / AFP

Kommt man vom Hackeschen Markt, geht’s gleich rechts hinter der Spreebrücke zur Alten Nationalgalerie, die am gestrigen Morgen in vollstem Sonnenlicht dasteht, hochaufgereckt das Reiterstandbild ihres königlichen Schutzherren.

Die Warteschlange vor dem Eingang ist nur ein Schlänglein. Dennoch geht’s nur im Minutentakt weiter. Im Inneren dann findet der Besucher die Kassen bestens besetzt – warum eigentlich, wo doch ein im Internet erworbenes Zeitfensterticket obligatorisch ist? 

Ach, sehen wir darüber hinweg und genießen das Museum: So schön haben wir es noch nie gesehen. Das Hauptgeschoss mit der Kunst der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts leuchtet prachtvoll in dunkelroter und blaugrüner Wandgestaltung.

Menzel, der größte deutsche Maler der zweiten Jahrhunderthälfte – ein einziger Genuss. In einem der kleinen, ovalen Kabinette in der „Apsis“ des Museums gleich drei Hauptwerke beieinander, dazu auf schmalem Wandfeld der „eigene Fuß“, erworben 1998. In den beiden Obergeschossen – kunstchronologisch gesehen, muss man oben anfangen und dann nach unten gehen – setzt sich die so ungemein logische, plausible Präsentation fort.

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Welchen Reichtum doch die deutsche Malerei des 19. Jahrhunderts kennzeichnet, in der Alten Nationalgalerie kontrastiert mit den besten Franzosen, voran Manet! Ganz oben, bei Caspar David Friedrich, erspäht man erstmals mehr als ein oder zwei Besucher.

Soweit wir zu stören wagen – mancher hat den Audioguide am Ohr –, handelt es sich um Berliner, bestens übers Internet informiert, darunter zwei ältere Damen, die ihre Lieblingsbilder mit derselben Sorgfalt enträtseln, wie sie die Maler des 19. Jahrhunderts selbst in deren Ausführung übten.

Die gleiche Freude und Lebhaftigkeit hätten wir gerne auch im Alten Museum gefunden; indes, da ist der Publikumszuspruch gering. Keine Warteschlange draußen, und allenfalls ein oder zwei Personen in den Sälen, die uns doch aufs Verständlichste die Welt der Antike nahebringen wollen. Ein Jammer.

Hier, wo denn sonst, können wir lernen, woher wir kommen und welche Existenzängste wir mit denen teilen, die doch nur scheinbar Jahrtausende vor uns gelebt haben.

Begeisterung für klassizistische Bildhauerkunst

Eine feierliche, heitere Stille liegt über den Räumen. „Amor und Psyche in Kindergestalt“ – hat nicht gerade dieses antike Sujet die klassizistischen Bildhauer begeistert, drüben in der Nationalgalerie? Hier ist nichts von der Muffigkeit so mancher Antikensammlung.

Natürlich sind auch hier die Besucher, die wir fragen, aus Berlin. Ein Paar bleibt vor der Landkarte des Mittelmeerraumes stehen. „Wo waren wir?“, fragt sie ihn. „In Ephesos“, antwortet er und markiert einen Punkt auf der Karte. Urlaubserinnerungen.

Die Reise findet im Museum statt, ein zweites Mal, oder eine ganz neue wird gewagt, durch Raum und Zeit. Wenn die Hiergebliebenen dieses Schatzhaus doch nur für sich nutzen wollten! Bernhard Schulz

[Alte Nationalgalerie und Altes Museum, Museumsinsel (außer diesen beiden Häusern ist noch das Pergamon-Panorama geöffnet), Di-So 10-18 Uhr.]

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