Aussehen und (Wahl-)Erfolg : So schön ist Politik

Wahlentscheidungen sind nicht nur rational - es geht dabei auch um Sympathie. Was bedeutet das für die, die sich zur Wahl stellen?

Macht macht schön ... sagen die einen. Die anderen sagen: Schönheit schafft Macht.
Foto: Soeren Stache/dpa, Mike Wolff, John MacDougall/AFP, Michael Kappeler/dpa, Getty Images/iStockphoto; Montage: Sascha Lobers

Um mal vorsichtshalber ganz gelehrt anzufangen, denn, seien wir ehrlich, wir begeben uns hier auf dünnes Eis: Es gibt zwei Arten des Schönen, „in der einen liegt Anmut, in der anderen liegt Würde“. Sagt Cicero. Schön gesagt. Die alten Römer wussten schon, wovon sie sprechen. Schaut man sich heute deren Politiker an, jedenfalls die Büsten, dann kann man sagen: Schön zu sein bedarf es wenig.

Was wiederum auch philosophisch passt. Nehmen wir Immanuel Kant. Abgesehen davon, dass er irgendwie immer passt, hat er sich eigentlich auch zu allem sinnvoll geäußert. Nicht dass man es immer auf Anhieb verstünde, aber das ist eine andere Geschichte. Schönheit verstehen wir ja auch nicht, mindestens nicht immer richtig. Denn nach Kant ist das Urteil darüber höchst eigen. Im Politischen bleibt es nur nicht privat.

Was gefällt uns, was nicht? Das bestimmt, was wir mögen, und wen. Nehmen wir, mal so, Martin Schulz. Er steht in der Rangliste der – politisch gesehen – Schönen vor Angela Merkel, aber weit hinten. Eine nicht repräsentative Umfrage ergibt: Männer finden seine Lippen sinnlich. Und sinnliche Lippen sind – ja, was? Schön? Zumindest gelten solche Menschen als persönlich angenehm. Obwohl: Jassir Arafat hatte auch sinnliche Lippen, und er war beileibe nicht für alle Betrachter des Politischen der umjubelte Friedensnobelpreisträger, sondern auch ein umstrittener Freischärler.

Es ist eben nicht so einfach, zumal dann, wenn man sich wirklich auf Definitionsfragen einlässt. Eigentlich kann man doch über alles streiten, was hier eine Rolle spielt. Auch wenn Kant sagt, dass man über das, was man als angenehm empfindet, nicht streiten kann, weil jeder etwas anderes als angenehm ansieht oder empfindet – unsere Gesellschaft heute kann es. Das sieht man in den medialen Netzwerken.

Schönheit widerspricht man nicht

Von wegen, dass Schönheit allgemein ist. Nicht der jeweilige Begriff davon ist es, sondern der bloße Begriff, sprich: das Wort, ist Allgemeingut. Manchmal entsteht ein allgemein geltendes Urteil auch, weil immer mehr sagen: „Das ist aber schön“, und dann wenige zu widersprechen wagen. Wer würde dem widersprechen…

Über Geschmack, wieder so ein Begriff, lässt sich dagegen unbestritten streiten, weil jeder einen hat und seinen am besten findet. Oder zumindest ziemlich gut. Wer das dann sagt, muss mit Widerspruch rechnen. Dann gibt ein Wort das andere, und flugs ist der schönste Streit im Gange. Übrigens: Auch Streit kann man schön finden, dann nämlich, wenn man sich streiten mag. Und wenn man dem, mit dem man sich streitet, nicht bestreitet, eine Meinung haben zu dürfen. Es muss am Ende ja auch keine gemeinsame sein.

So, und damit sind wir – auch nach dem Lesen lexikalischer Werke – bei der Abgrenzung zwischen dem Guten, dem Angenehmen und dem Schönen. Und der Politik.

Auch der Raum bestimmt die Ästhetik

Die Ästhetik eines Auftritts in der Politik zum Beispiel kann, natürlich aus subjektiver Sicht, ein die Vorstellung vom Schönen bestimmender Faktor sein. Zu kompliziert? Dann nicht, wenn man sich nur mal anschaut, wie allein schon die Bühnenbilder auf Parteitagen die jeweiligen Frontleute illuminieren sollen. In Magenta getaucht oder in gedämpftes Rot, vor kühlem Blau – ob Frau oder Mann, sie sehen alle gleich ganz anders aus. Oder so: Man nimmt sie gleich ganz anders wahr. Wie wohl Kleopatra, auch eine Politikerin, vor diesem Hintergrund ausgesehen hätte? Oder Marc Anton, damals, bei seiner Brutusrede?

Noch heute haben wir solche Reden, und die Frage ist, ob sich die Politiker im Typus verändert haben. Christian Lindner ist auch deshalb vielen angenehm, weil er sich im Ganzen gut zu illuminieren versteht. Weil er seine Worte zu setzen versteht. Weil man zu versteht glaubt, was er sagt. Es ist die Art, wie er es sagt. Zum Beispiel an Dreikönig, als er der Kanzlerin und KritikerInnen in der eigenen Partei Saures gab. Mit vermeintlich freundlichen Worten. Am Ende sagen die, die ihn mögen, ach, das war ja mal wieder schön. Wobei: Wir wollen uns nicht streiten, das ist auch eine Geschmacksfrage.

Wie schön muss eine Fraktionsvorsitzende sein?

Was wie aussieht, wonach es aussieht, das können inhaltliche Fragen sein. Wer wie aussieht, aber auch. Immer noch. Obwohl wir die Aufklärung, also Kant, wenn nicht verstanden, so doch überstanden haben. Es gab einmal eine Spitzenpolitikerin der SPD, der damals inhaltlich die Führung der Fraktion fraglos zugetraut werden konnte – aber Männer stellten sich die Frage, ob Herta Däubler-Gmelin wohl gut genug aussehe. Und das war zu Zeiten der Herren Helmut Kohl (wir erinnern uns: der Riese mit der Strickjacke und den Bequemschuhen und dem überaus üppigen Bauch) oder Hans-Dietrich Genscher (der mit den Ohren, wie man früher zur Charakteristik sagte). Als ob die Schönheiten gewesen wären.

Bleiben wir noch einen Moment beim Früher. Heute ist Bart ja in, ob Dreitage- oder Dreijahresbart, aber in den neunziger Jahren des vorigen Jahrhunderts war das anders. Als Rudolf Scharping für die Sozialdemokraten Bundeskanzler werden wollte, 1994 statt Kohl, ging es nicht nur um Brutto oder Netto, sondern auch um seinen Bart. Politik mit oder ohne Bart, das war die Frage. Inzwischen hat diese Debatte einen langen Bart.

Dass Petra Kelly, die Grünen-Ikone, als attraktiv galt, wurde anfänglich hinter vorgehaltener Hand sogar auch gegen sie ins Feld geführt. Apropos: Willy Brandts Hände! Sie galten manchen als schön und wurden dann auch noch ästhetisch von einem Fotokünstler ins Werk gesetzt.

Unterhemden, Haartracht, Abendkleider: Alles auf dem öffentlichen Prüfstand

Und heute? Heute ist es irgendwie doch nicht anders. Angela Merkels Frisur… Ihre Finger… Ihre Jacketts… Der Ausschnitt ihres Abendkleids bei der Eröffnung der Oper in Oslo … Christian Lindners Haare… Seine eng geschnittenen Anzüge… Seine Wahlplakate im Unterhemd… Sahra Wagenknechts Frisur, überhaupt, ihr Outfit… Cem Özdemirs Abschied von langen Koteletten… Alexander Gaulands karierte Sakkos und diese Krawatte mit dem Hundemuster… Claudia Roths Begeisterung für Farben… Alexander Dobrindts großgemusterte Anzüge… Ursula von der Leyens nicht mehr gar so strenge Haartracht… Die Aufzählung ist bei Weitem nicht vollständig. Will sagen: Es hängt auch vom Augenblick ab, im wörtlichen wie im übertragenen Sinn, wie Politiker wahrgenommen werden.

Wenn treffend ist, dass Schönheit von Menschen nicht nur im Auge des Betrachters liegt – dann wird der Inhalt ihres Gesagten mit dem Aussehen verbunden und dem entsprechend als angenehm oder nicht empfunden. Manchmal passt das ganz gut. Wenn die Ästhetik des Auftritts auch etwas sagt. Wie bei dem jung angetretenen und gebliebenen Barack Obama. Beim jungen John F. Kennedy. Oder beim jugendlich auftretenden Justin Trudeau aus Kanada. Aber auch bei, ja doch, Donald Trump. Gerade dieser US-Präsident erinnert an das Maß der Subjektivität, das den Menschen in seinem Urteil bestimmt.

Das jetzt auf Deutschland angewendet: Politisch gesehen sind etliche attraktiv – aber als der schönste Mann unter allen Bundestagskandidaten gilt Jan Ralf Nolte von der AfD aus dem hessischen Waldeck.

Die nordrhein-westfälische Linken-Politikerin Celine Erlenhofer ist die schönste Kandidatin im ganzen Land.
Die nordrhein-westfälische Linken-Politikerin Celine Erlenhofer ist die schönste Kandidatin im ganzen Land.Foto: Leopold Achilles/Nordstadtblogger/dpa
Der schönste Mann unter allen Bundestagskandidaten 2017: Jan Ralf Nolte von der AfD aus dem hessischen Waldeck.
Der schönste Mann unter allen Bundestagskandidaten 2017: Jan Ralf Nolte von der AfD aus dem hessischen Waldeck.Foto: Silas Stein/dpa

Gefallen macht schön, kann man sagen. Macht macht auch schön. Woran man allerdings zugleich sieht, dass das sinnliche Urteil den tieferen Sinn verhüllt. Das ist auch immer noch Politik, aber in einem anderen Gewand.

Nehmen wir noch einmal Ciceros Worte von der Anmut und der Würde. Beide sind schön – aber „nichts blüht ewig“, sagt er außerdem. Jugend vergeht, mit jedem Tag. Wenn das stimmt, dann bleibt für unseren Fall, dass man am Ende politische Schönheit doch in der Erkenntnis des Wesentlichen suchen muss. Woher die kommt, aus was allem sie sich speist, ist dann die nächste Frage. Aber nicht mehr die des heutigen Tages.

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