Ex-US-Diplomat Todd Huizinga : "Trump hat keine Angst, das ist seine Stärke"

Todd Huizinga ist ehemaliger US-Diplomat, evangelikal und Anhänger von Donald Trump. Nach einem Jahr Trump-Präsidentschaft zieht er im Interview eine positive Bilanz.

Todd Huizinga, amerikanischer Ex-Diplomat, evangelikal, Trump-Anhänger
Todd Huizinga, amerikanischer Ex-Diplomat, evangelikal, Trump-AnhängerFoto: Kai-Uwe Heinrich

Todd Huizinga findet Donald Trump gut. Der US-Präsident habe seinen Finger an den Puls der Zeit gelegt, meint Huizinga, der zwanzig Jahre lang als Diplomat seines Landes gearbeitet hat, mit Stationen in Luxemburg, Belgien, Deutschland, Mexiko, Irland und Costa Rica. Trump habe die Notwendigkeit erkannt, die politische Korrektheit „auf den Müllhaufen der Geschichte zu werfen“, schreibt Huizinga in seinem Buch „Was Europa von Trump lernen kann – Die Krise des alten Kontinents und das neue Amerika“.

Trump habe eine Antwort gegeben „auf die weltanschauliche Balkanisierung unseres postmodernen Zeitalters“, schreibt Huizinga. Er habe die Notwendigkeit verstanden, die politische Korrektheit „auf den Müllhaufen der Geschichte zu werfen“. Der Präsident wolle die Strukturen in den USA grundlegend reformieren, um die Errungenschaften des amerikanischen Systems zu bewahren. Dabei kämpfe er auch gegen eine „unverantwortliche, erstarrte und abgehobene politische, wirtschaftliche und intellektuelle Elite“.

Huizinga ist „senior research fellow“ am "Henry Institute for the Study of Christianity and Politics" am Calvin College in Grand Rapids, Michigan. Er ist evangelikal und hat vor fünf Jahren das „Transatlantic Christian Council“ mitgegründet. Über „Ein Jahr Trump“ srach Malte Lehming mit ihm.

 

Herr Huizinga, ein Jahr Trump – wie ist Ihre Bilanz?

Trump hat sehr viel geleistet. Seine Steuerreform ist durch den Kongress gekommen. Die Steuern für Unternehmen werden gesenkt, ebenso für die meisten arbeitenden Menschen. Das kurbelt die Wirtschaft an.

Und außenpolitisch?

Der „Islamische Staat“ im Irak und in Syrien wurde besiegt. Obwohl der Nahe Osten auf lange Zeit eine instabile Region bleibt, ist das eine große Leistung.

Wie ist sein Verhältnis zur Nato?

Trump ist es gelungen, mehr als allen anderen amerikanischen Präsidenten vor ihm, den Verbündeten klar zu machen, dass jeder von ihnen bereit sein muss, einen fairen Beitrag zur Verteidigung der Allianz zu leisten. Das stärkt das Bündnis.

Aber Trump produziert auch viel Unruhe. Man denke nur an die Anerkennung Jerusalems als Hauptstadt Israels, die Aufkündigung des Klimaabkommens.

Es ist eine Stärke von Trump, dass er keine Angst vor Unruhe hat. Er sagt klipp und klar, was er meint und worum es ihm geht. Er hat den Mut gehabt zu sagen, dass das Klimaabkommen schlecht für die amerikanische Wirtschaft ist und wenig effizient im Kampf gegen den Klimawandel. Es gibt auch die Gefahr einer internationalen Umweltbürokratie.

Die Anerkennung Jerusalems wiederum war ein sehr wichtiges Signal, dass die USA ihrem Verbündeten Israel beistehen. Das fördert auch den Frieden im Nahen Osten, der nur erreichbar ist, wenn allen Beteiligten klar ist, dass die USA Israel nie im Stich lassen werden.

Wie wichtig ist die Neubesetzung des Obersten Verfassungsgerichts?

Sehr, sehr wichtig. Die Ernennung von Neil Gorsuch als neuen Richter am Supreme Court kann in ihrer Bedeutung kaum überschätzt werden. Es geht um zwei unterschiedliche Auffassungen darüber, wie die amerikanische Verfassung interpretiert werden soll. Die Verfassung muss interpretiert werden, wie sie geschrieben wurde: Das ist richtig. Die andere, linke Interpretation geht davon aus, dass die Verfassung jeweils neu ausgelegt werden kann, nach den jeweils aktuellen Bedürfnissen. Dadurch wird der Willkür Tür und Tor geöffnet. Das darf nicht sein.

Also keine historisch-kritische Exegese?

Genau. Wenn die Grundrechte der Menschen stets neu interpretiert werden, sind diese Grundrechte in Gefahr.

Können Sie ein Beispiel geben?

Aktuell liegt dem Bundesverfassungsgericht ein Fall vor, wo ein christlicher Bäcker vom Bundesstaat Colorado gezwungen werden sollte, einen Kuchen für die Hochzeit eines homosexuellen Paares zu backen. Eine solche Hochzeit aber ist gegen sein Gewissen. Es kann doch nicht sein, dass diesem Bäcker das Recht auf Glaubensfreiheit genommen wird, zum Wohle irgendwelcher progressiven Ansichten.

Solche Religionsthemen spielen bei Rechtspopulisten in Europa keine große Rolle.

Wenn Populismus heißt, die Interessen von Otto Normalverbraucher zu vertreten, ist der Populismus etwas Gutes und ein notwendiger Bestandteil der Demokratie, das Herz der Demokratie. Das versucht Trump. Seine Wahl war eine Reaktion auf die wachsende Entfremdung zwischen einer progressiven Elite und einer eher traditionellen Bevölkerung.

In Europa ist der Populismus von rechts eine verwirrte, instinktive Wiederbelebung der konservativen Weltanschauung. Das ist an sich gut. Die etablierten Parteien in Europa sind immer weiter nach links gerückt. Der Populismus von rechts ist die Antwort darauf, eine unvermeidbare, gute Antwort.

Auf welchen Werten beruht dieser Populismus von rechts in einem weitgehend säkularen Europa?

Das Abendland beruht auf den Werten der christlich-jüdischen Tradition. Wir im Westen haben eigentlich keine ideologische Basis für einen Konservatismus, der nicht religiös verankert ist. Diese Religionen sind das Judentum und das Christentum. In Europa sind die Menschen dagegen schon so weit säkularisiert, dass die ideologische Basis für einen Rechtspopulismus fehlt. Das führt zu einer gewissen Verwirrung auf der rechten Seite des politischen Spektrums.

Sollten Europas Rechtspopulisten also möglichst fromm werden?

Wir im Abendland genießen die Menschenrechte, die Demokratie und die Freiheit, weil all das der jüdisch-christlichen Tradition entspricht. In diesem Sinne sollte es eine Wiederbelebung der Religion in Europa geben. Es gibt einen doppelten Kern der christlichen Wahrheit über den Menschen. Einerseits besitzt der Mensch eine unveräußerliche Würde und genießt daher Menschenrechte. Andererseits ist der Mensch auch verführbar durch Korruption und Macht. Deshalb muss er sich in ein Ordnungssystem fügen. Durch die Säkularisierung glauben viele Menschen, selbst über sich zu entscheiden und selbst zu entscheiden, was richtig und falsch ist.

Kann der Islam ein Teil dieser Tradition sein oder werden?

Ich hoffe es, aber die Antwort auf diese Frage ist noch offen. Wir müssen die Glaubensfreiheit der Muslime respektieren, dazu gehört selbstverständlich die freie Praktizierung ihrer Religion. Und wir müssen die Menschen dahinter respektieren, die die gleiche Menschenwürde haben wie wir. Aber es ist unklar, ob der Islam von vielen seiner Anhänger nicht zu politisch interpretiert wird. Politik darf niemals vergöttlicht werden.

Das Interview führte Malte Lehming.

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