Fridays for Future und Klimakabinett : So rettet Deutschland das Klima nicht

Global steigen die Emissionen bedrohlich, vor allem in China. Dort muss der Kampf ansetzen und nicht in den Ländern, wo die Treibhausgase sinken. Ein Kommentar.

Eigentlich müssten die Berliner Schüler am Freitag vor der chinesischen und der russischen Botschaft demonstrieren.
Eigentlich müssten die Berliner Schüler am Freitag vor der chinesischen und der russischen Botschaft demonstrieren.Foto: Roberto Pfeil/VM/dpa

Deutschland tut mal wieder so, als sei es der Nabel der Welt. Und als würde sich das Schicksal der Erde am Freitag in Berlin entscheiden. Dann tagt das Klimakabinett. Und die Bewegung Fridays for Future legt die Stadt mit Unterstützung von allerlei gesellschaftlichen Lobbygruppen lahm, um der Politik Beine zu machen.

Es ist gut, dass die Bundesregierung den Druck spürt. Es ist auch gut, wenn Millionen Deutsche motiviert werden, ihr persönliches Verhalten zu überdenken, vom Verkehr über den Energieverbrauch in den eigenen Wänden bis zum Konsum.

Zur Wahrheit gehört aber auch: Was immer die Groko beschließt und die Bürger tun – im globalen Maßstab ändert das fast gar nichts.

Deutsche Klimapolitik hat global kaum Wirkung

Das liegt, erstens, daran, dass Deutschland, die viertstärkste Wirtschaftsmacht der Erde, nur für zwei Prozent der schädlichen Emissionen verantwortlich ist. Noch wichtiger aber ist, zweitens: In Deutschland und in Europa sinkt der Ausstoß der schädlichen Treibhausgase seit Jahren, um rund 23 Prozent im Vergleich zu 1990.

In Deutschland wird seit vielen Jahren eine ganze Menge für den Klimaschutz getan. Schade nur, dass die Jünger der Greta-Religion das nicht anerkennen wollen. Und ignorieren, dass viele ihrer Vorschläge wie der Verzicht aufs Auto für die große Mehrheit der Deutschen, die nicht in Großstädten leben, auf absehbare Zeit nicht realisierbar ist.

Gewiss, 23 Prozent Reduktion sind noch nicht genug. Das Ziel lautet, bis 2030 um 40 Prozent unter den Werten von 1990 zu liegen. Doch im selben Zeitraum seit 1990 ist der globale Emissionsausstoß um 57,5 Prozent gewachsen. Das ist das eigentliche Problem.

Selbst wenn Deutschland in den nächsten Jahren zweistellige Milliardenbeträge investiert, um seine Treibhausgase in den nächsten Jahren um, sagen wir: weitere zehn Prozent zu reduzieren, wird der Effekt für das globale Klima im niedrigen Promillebereich liegen. Und jeder Fortschritt hierzulande wird sofort zunichtegemacht durch einen weit größeren Anstieg der Treibhausgase anderswo.

Chinas Emissionen steigen schneller, als Europa reduzieren kann

In China haben sich die Emissionen seit 1990 vervielfacht. Die mit Abstand größte Emissionswirtschaft des Globus hat nicht einmal die Absicht, das rasch zu ändern. Sie will bis 2030 kontinuierlich noch mehr schädliche Gase in die Atmosphäre pusten. Erst 2030 soll die Wende zum weniger erfolgen.

Ein Chinese fährt an den Kühltürme des Kohlekraftwerks Shengtou vorbei.
Ein Chinese fährt an den Kühltürme des Kohlekraftwerks Shengtou vorbei.Foto: Qilai Shen/picture-alliance/ dpa

Auch das ist bei näherem Hinsehen ein Lippenbekenntnis. Denn wenn Peking seine Projekte im Rahmen der sogenannten Neuen Seidenstraße ernst nimmt, zum Beispiel den Bau hunderter Kohlekraftwerke in China und den Partnerstaaten, ist überhaupt nicht abzusehen, wie eine Wende zu weniger Emissionen 2030 überhaupt möglich sein soll. Generell ist Asien das größte Problem bei Emissionen aus der Energiewirtschaft.

Um es in absoluten Zahlen auszudrücken: Reduziert Deutschland seine rund 700 Millionen Tonnen Emissionen im kommenden Jahr um ambitionierte fünf Prozent, wären das 35 Millionen Tonnen. Wächst Chinas Ausstoß von rund elf Milliarden Tonnen um die gleichen drei Prozent wie im vergangenen Jahr, wären das 330 Millionen Tonnen Zuwachs. Rund das Zehnfache der deutschen Reduktion. Wie will man so das Klima retten?

Gewiss doch, spätestens an dem Punkt erhebt jemand den Einwand: Aber die westlichen Industriestaaten emittieren doch pro Kopf immer noch mehr Treibhausgase als China! Jeder Deutsche etwa 8,5 Tonnen, jeder US-Bürger um die 15 Tonnen, jeder der 1,4 Milliarden Chinesen nur circa 7,8 Tonnen. Zudem müsse man China und anderen Schwellenländern erlauben, bei Industrie und Wohlstand aufzuholen – und das gehe nur um den Preis nachholender Verschmutzung.

Was ist das Ziel: das Klima retten oder gerecht scheitern?

Da drängt sich freilich die Gegenfrage auf: Was ist das Ziel deutscher Klimapolitik und von Fridays for Future & Co? Wollen sie das Klima retten – oder möglichst gerecht scheitern? Wenn man ihre Behauptung ernst nimmt, es sei bereits 5 nach 12 für den Globus und jeder weitere Anstieg der Emissionen katapultiere die Erde in eine nicht mehr revidierbare Erwärmungsspirale – dann muss die oberste Priorität doch sein, den Zuwachs zu stoppen. Und das geht nur dort, von wo der Zuwachs kommt, also in China und anderen Schwellenländern. Denn selbst wenn die USA und die EU von heute auf morgen null Emissionen erreichen, genügt das noch nicht, um auszugleichen, was China allein in die Luft pustet.

China produziert mehr Treibhausgase als die USA und die EU zusammen.

Warum ist das eigentlich hinnehmbar, dass Chinas Anteil an Treibhausgasen wesentlich höher ist als sein Anteil an der Weltwirtschaft? Und dass er noch über mehr als ein Jahrzehnt weiter steigen darf? Die EU, die USA und China haben in etwa die gleiche Wirtschaftsleistung.

Die USA erzielen ihr Bruttosozialprodukt jedoch mit halb so viel Emissionen wie China, und ihr Ausstoß an Treibhausgasen sinkt seit Jahren. Die EU erzielt eine ähnliche große Wirtschaftsleistung mit noch weniger Emissionen und auch in der EU sinken die Emissionen. Die Technik ist also vorhanden. In Russland fällt die Diskrepanz zwischen Anteil an der Weltwirtschaft (drei Prozent) und an den Emissionen (fünf Prozent) noch schlimmer aus als in China.

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Warum also protestieren die Berliner Schüler und ihre Mitstreiter nicht vor der chinesischen und der russischen Botschaft? Von dort kommen die größeren Gefahren für das Klima? Und warum denkt das Klimakabinett ausschließlich über nationale Beiträge zur Klimarettung nach, obwohl die doch an der Dynamik des globalen Klimas so gut wie nichts ändern? Und jedenfalls nichts zu retten vermögen?

Deutsches Geld für Klimaschutz ist im Ausland besser angelegt

Ja aber, heißt es dann: Wir haben doch eine Vorbildfunktion! Wir müssen zeigen, wie es geht. Wenn die Deutschen wollen, dass ihr Umgang mit Emissionen und Klimafragen als Vorbild dienen kann, muss dieses Vorbild Lust aufs Nachmachen wecken. Wer möchte schon ein „Vorbild“ kopieren, das im Wesentlichen auf Worte wie Verbot, Verzicht und Muss-Weh-Tun setzt? Schon bei Energiewende und Atomausstieg hieß es, Deutschland werde zum Vorbild. Nur: Wer hat es denn genau so nachgemacht?

Als Vorbild könnte eventuell ein ganz anderer Denkansatz dienen: Abschied vom nationalen Denken beim Klimaschutz. Und Bereitschaft zu einem gemeinsamen internationalen Kampf gegen die größten Gefahren für das Klima. Das hieße, die nationalen Mittel für den Klimaschutz an der Stelle der Erde einzusetzen, wo sie den größten Nutzen bringen.

In Deutschland und Europa wird schon viel für den Klimaschutz getan, weit mehr als in China, Russland, Indien oder Afrika. Es wird immer teurer, die Klimafreundlichkeit noch weiter zu steigern. Der Grenznutzen ist gering.

Anderswo auf der Erde, wo Klimaschutz auf einem niedrigeren Niveau eingeübt wird, ließe sich mit den gleichen Beträgen Fördergeld ein viel höherer Nutzen für das globale Klima erreichen. So gesehen wären auch die Summen, die das Klimakabinett am Freitag beschließt, im Ausland besser angelegt als zu Hause.
Korrektur: In einer früheren Version dieses Artikels hieß es, dass die CO2-Reduktion in Deutschland 3,5 Millionen Tonnen CO2 betragen könnte. Tatsächlich waren 35 Millionen Tonnen gemeint. Der CO2-Ausstoß Chinas könnte derweil um 330 Millionen Tonnen wachsen. Damit wäre es nicht das Hundertfache der deutschen Reduktion, sondern rund das Zehnfache. Wir bitten den Fehler zu entschuldigen.

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