Italien und das Coronavirus : Wenn die Pandemie den Atem anhält

Die Fachleute warnen: Die Epidemie schwächt sich nur zögernd ab. Der Mittelstand drängt aber, wieder produzieren zu dürfen.

Kittel von Armani: Die Luxusmarke hat ihre Produktion - hier in Trient - auf medizinische Schutzkleidung umgestellt.
Kittel von Armani: Die Luxusmarke hat ihre Produktion - hier in Trient - auf medizinische Schutzkleidung umgestellt.Foto: AFP

Die tageweise Verlangsamung der Neuinfektionen in Italien hat sich am Mittwoch zunächst nicht fortgesetzt. In den 24 Stunden seit Dienstagabend wurden 2.937 neue Ansteckungen registriert, am Tag davor waren es noch etwa 800 weniger. Italiens Zivilschutz wies allerdings darauf hin, dass in diesem Zeitraum auch wesentlich mehr Tests gemacht wurden, knapp 34.500.

Die Totenzahl stieg von Dienstag auf Mittwoch weniger stark als am Tag zuvor – um 727 Personen. Am Dienstag lag sie bei 837. Insgesamt sind inzwischen 13.155 Menschen in Italien der Corona-Pandemie zum Opfer gefallen.

Der Chef der nationalen Gesundheitsbehörde ISS zeigte sich bereits am Montag vorsichtig und wollte noch von keinem Rückgang reden – obwohl die Neuinfektionen da bereits sechs Tage in Folge immer langsamer gestiegen waren. Er spreche lieber von einem Plateau, das man erreicht habe, sagte Silvio Brusaferro. Die Zahlen könnten also noch eine Zeitlang sehr hoch bleiben. Sie seien aber doch das Vorspiel zum Rückgang. „Seien wir vorsichtig, die Epidemie kann auch neuen Schwung bekommen.“ Deswegen seien alle laufenden Vorsichtsmaßnahmen weiter zu beachten. 

Höhepunkt der Corona-Epidemie – nicht der Sterbeziffern

Immerhin: Seit Freitag letzter Woche verlangsamte sich die Zahl der Neuinfektionen täglich. Da ging sie von 8,2, auf 7,4 Prozent zurück, es folgten 6,9 Prozent, dann 5,5 Prozent, 4,1 und 3,9 Prozent zusätzlich neu Infizierte pro Tag. Der Mittwoch stellt zumindest einen Ausreißer in dieser Reihe dar – der Wert stieg wieder um 4,5 Prozent. Die Zahl der Toten bleibt erschütternd groß, sie schwankte in den letzten Tagen auf unverändert hohem Niveau. Es sind die Opfer der Zeit, als die Infektionszahlen exponenziell kletterten. Der Scheitelpunkt der Totenzahlen, so Brusaferro „liegt, verglichen mit dem der Epidemie, mehr als zehn Tage weiter“.

Die Regierung in Rom und ihr Krisenstab sind, seit die Zahlen zu Wochenbeginn etwas Hoffnung gaben, damit beschäftigt, Exit-Strategien zu entwickeln, um das öffentliche Leben demnächst wieder vorsichtig in Gang zu setzen. Vorerst bleiben die Ausgangssperre und alle anderen Maßnahmen für die nächsten vierzehn Tage in Kraft. Im Gespräch ist, einzelne Industriebranchen nach Ostern produzieren zu lassen, wenn sie an den Bändern für Abstand sorgen und Schutzkleidung an die Beschäftigten ausgeben.

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Für Restaurants und Bars gibt es noch keine Pläne. Die Kultur könnte am längsten lahmgelegt sein, weil Konzerte, Kinos und Theater zwangsläufig viele Menschen versammeln. Der Verband der kleinen und mittleren Unternehmen bot der Regierung an, für regelmäßige Tests und Schutzkleidung ihrer Beschäftigten zu sorgen, wenn sie bald wieder öffnen können.

Kinder im Freien machen zwei Regionalregierungen sauer

„Das Land wird als System nicht standhalten, wenn fast die gesamte Produktion noch länger lahmliegt“, schrieb der Verbandspräsident Maurizio Casasco, der selbst studierter Arzt ist, an Ministerpräsident Giuseppe Conte.

Der Mittelstand ist auch in Italien das Rückgrat der Wirtschaft. Es sei aber klar, so Casasco, dass dies nicht auf Kosten der Gesundheit gehen dürfe. Man sei bereit, die eigenen Standorte „zu den sichersten Orten zu machen, an denen man sich aufhalten kann“. Mit Schnelltests wolle man nichtinfizierte oder immune Angestellte identifizieren, die dann wieder arbeiten könnten. Der Unternehmerverband Confindustria rechnet mit einem Rückgang des Bruttoinlandsprodukts durch die Folgen der Epidemie von sechs Prozent.

Ganz anders gestern die Reaktion einzelner Regionen, nachdem die Regierung in einem Rundschreiben klargestellt hatte, dass Spaziergänge von Eltern und Kindern, jedenfalls zu zweit, weiter erlaubt seien. Lediglich ein Hinweis auf bereits Gültiges, hieß es aus dem Palazzo Chigi, dem Amtssitz des Premiers. Der Sozialminister der Lombardei, Giulio Gallera, schäumte dennoch: Das Schreiben aus Rom sei ein „Unding“. Es könne „verheerende psychologische Wirkung haben und die bisherigen Anstrengungen und Opfer vergeblich machen“.

Ähnlich äußerte sich der Regionalpräsident von Kampanien, Vincenzo De Luca. Vorsichtshalber, so berichtet der "Corriere della sera", werde Premier Conte den Familienspaziergang  nicht ausdrücklich ins nächste Corona-Dekret schreiben, sondern vermutlich ins Kleingedruckte, die Erläuterungen.

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